Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 16

23. Februar 2022

Briefe an meine Geistlichen Kinder

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an verschiedene Personen

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Ich habe Ihren Brief über Vater Vsevolod [Spiller] bekommen. Allein schon die Tatsache, dass Sie beunruhigt sind, zeugt davon, dass Sie im Unrecht sind. „Zieh zuerst den Balken aus deinem eigenen Auge heraus, du Heuchler, und dann wirst du sehen, was mit dem Splitter im Auge deines Bruders zu tun ist“ (Mt. 7,3). Hier wird auf eine tiefe psychologische Tatsache verwiesen. Wenn sich ein Mensch mit Gottes Hilfe von der Sünde reinigt und so mit reinem Blick sehen kann, dann sieht er 1.) alles in einem anderen Licht und erst dann die Dinge richtig, wie sie sind. 2.) ist sein Herz erfüllt von der Liebe zu allen Geschöpfen und er empfindet mit ihnen unendliches Mitleid. Er hat den Wunsch, dass niemand leiden und Schaden nehmen möge (Siehe: Isaak der Syrer, Homilie 48). Erst dann kann man seinem Nächsten etwas lehren (und dies auch nur, wenn die Gnade Gottes einen dazu auffordert). Erst dann wird das Gesagte auch wirklich von Nutzen sein und jemanden heilen können, nicht aber verletzen. Solange wir aber einen solchen Zustand nicht erlangt haben, sollten wir nicht den Lehrer spielen. Der Heilige Nil von Sora hat niemals von sich aus geredet, er hat nur die Meinungen der Heiligen Väter ausgelegt. Wenn er bei ihnen nicht sofort eine Lösung fand, hat er auch selbst keine Antwort gegeben. Er gab diese vielmehr erst dann, wenn er bei den Heiligen Vätern eine Antwort bezüglich des genannten Problems gefunden hatte. Wir dagegen, die wir selbst nichts wissen, reden jede Menge Worte, die wir irgendwo gehört haben oder weil es „uns so scheint“. Ein kluger Mensch erkennt sofort, wie wenig gewichtig unsere Worte sind, und hört auf, auf sie zu achten.

Wir alle befinden uns – wie es der Heilige Symeon der Neue Theologe ausgedrückt hat – in einem Zustand „schlimmster Verwirrung“, d.h. in Finsternis und Verderbnis, gefangen in der Knechtschaft des Teufels. Nur sehr wenige sind durch den Herrn aus diesem Zustand befreit worden. Wie aber kann ein Blinder einen Blinden führen? Sie aber wollen allen zeigen, wie es richtig ist. Hören Sie auf damit!

Der Zöllner hat niemanden unterwiesen, sondern nur mit zerknirschten Herzen ausgerufen: „Gott, sei mir Sünder gnädig“. Er hat dies nicht nur im Tempel so gesagt, sondern es war generell seine innere Haltung (denn sonst hätte er auch im Tempel diese Worte nicht sagen können). Hätte er es etwa, wie auch jeder andere in seinem Zustand, gewagt, andere zu unterweisen? Es ist klar, dass er dies nicht getan hätte. Denn für alle, die in der Knechtschaft des Teufels der Sünde dienen, gibt es nur eines: die Haltung des Zöllners. Wenn ein Mensch ganz von dieser erfüllt ist, dann erst wird die Kraft Gottes in ihm offenbar. „Meine Kraft wirkt in der Schwachheit“ (2. Kor. 12,9), d.h. wenn ein Mensch die Haltung des Zöllners erlangt (also zu wahrer Demut kommt), dann wird in ihm die Kraft Gottes wirken und ihn aus Ägypten hinausführen und hinein in das Gelobte Land geleiten. Einen anderen Weg gibt es nicht. Wenn ich Ihnen das schreibe, dann, weil ich als Ihr Beichtvater mich dazu im Recht sehe. Verzeihen Sie mir.

Möge der Herr Sie beschützen und Ihnen für alles Gute Einsicht schenken. Einen lieben Gruß und den Segen Gottes für Sie und alle Bekannten. Verneigen Sie sich an meiner statt vor ihrem Großvater [Vater Vsevolod]. Ich bitte Sie meiner in Ihrem Gebet zu gedenken.

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