Das Evangelium als “Kompass”

10. März 2024

Das Evangelium als “Kompass”

Gott belässt die freie Entscheidung beim Menschen. Wähle du selbst, Mensch! Du bist frei! Aber wisse dabei - da deine Seele und dein Körper kein formloses Chaos sind, sondern nach Gesetzen funktionieren – dass, wenn du gesund, schön und heilig sein möchtest, du entsprechend dieser Gesetze leben solltest.

Ähnliches macht auch die Medizin, wenn sie vor verdorbenen Lebensmitteln, physischen und psychischen Verletzungen oder aber vor unmoralischen Handlungen warnt. Es ist ja auch nicht der Arzt, der uns bestraft, wenn wir seinen Anweisungen nicht folgen oder jene Gesetze verletzten, nach denen unser Organismus funktioniert, sondern wir selbst sind es. Dies lehrt uns das orthodoxe Christentum: Nicht Gott bestraft uns, sondern die Sünde selbst, durch die wir uns verstümmeln und uns selbst töten.

Wie nun sollten wir in der heutigen Zeit leben? Natürlich, indem wir unser Tun und Handeln, unsere Worte und Gedanken am Evangelium messen. Wie auch anders? Gibt es vielleicht andere Normen? Kann man etwa nach Karl Marx leben oder nach Freud oder Jung? Nach wem wünschen Sie denn zu leben? Wo sind diese Normen, durch die wir, weil wir sie kennen und nach ihnen leben, wahres Glück erlangen könnten? Ach, wenn wir doch nur öfter ernsthaft das Evangelium aufschlagen würden. Es sagt uns nämlich, wie man leben sollte. Ebenso verweist auch die Geschichte der Kirche auf eine Vielzahl von Menschen, die sich auf ihrem Lebensweg an das Evangelium als ihren „Kompass“ gehalten haben und versucht haben, seine „Rezeptur“ in ihrem Leben auf gründliche Weise umzusetzen. Sie haben begriffen, was auf einem solchen spirituellen Weg durchs Leben nötig ist, worauf es dabei hauptsächlich ankommt und was eher nebensächlich ist, welche Gefahren auf diesem Weg bestehen und was zu tun ist. Ich spreche von den Kirchenvätern, von den Asketen und Helden im Glauben, die in ihrem Leben all das in die Tat umgesetzt haben, wovon das Evangelium spricht. Ihr Leben und ihre Werke sind von unschätzbarem Wert, denn in ihnen finden wir eine Beschreibung dieses Weges und Zeugnisse ihrer Erfahrungen, die sie auf diesem Weg gemacht haben und der sie am Ende auf Gott Selbst hat schauen lassen. Mit ihrem ganzen Wesen haben sie erfahren, dass Gott die unbeschreibliche Liebe zu uns Sündern ist.

Natürlich ist es für uns bedauernswerte Wesen praktisch unmöglich, auf ebensolche Weise wie sie zur Heiligkeit zu gelangen. Sie haben uns jedoch einen Weg dorthin aufgezeigt und bewiesen, wozu ein Mensch fähig ist und was er erreichen kann. Unter welchen Umständen? Unter allen erdenklichen.

Man sollte aber nicht denken, dass die Kirche, wenn sie uns von den Erfahrungen der Kirchenväter berichtet, einen Christen dazu aufruft, nichts zu essen und nichts zu trinken, nicht zu schlafen und nicht zu heiraten usw. Was für ein Unsinn! Darum geht es überhaupt nicht! Niemand verlangt von uns, eine solche Höhe zu erreichen wie jene Menschen, die von einer so starken Kraft des Geistes beseelt waren und in Wüsten und Gebirgen, in Wäldern und in Einsiedlerklausen wahre Heldentaten vollbracht haben.

Wir leben mitten in der Welt. Und obwohl wir sündigen und irren, hat der Herr uns doch ein wundertätiges Mittel zur Erneuerung an die Hand gegeben, das es sonst nirgends gibt: die Reue. Wenn man aufrichtig bereut, dann wird einem aller Unflat abgewaschen, durch den wir uns ständig besudeln. Wir sollten deshalb stets des Räubers gedenken, der zur Rechten Christi gekreuzigt wurde.

Ebenfalls kann uns niemand stören zu beten außer, leider, wir selbst. Ja, wir sind nicht solche Helden im Glauben, aber doch rufen uns gerade sie dazu auf, das Beten nicht zu vergessen und es immer öfter zu tun - ob wir nun sitzen oder stehen oder zu Fuß unterwegs sind, egal wo und egal wann. Wie soll das gehen? Aber wer hindert uns denn daran - sei es eine Minute lang, sei es einige Male - still für uns im Geiste dieses wunderbare Gebet, welches uns von allen Kirchenvätern angeraten ist, mit ganzer Seele, voller Konzentration und erfüllt von Ehrfurcht zu sprechen? „Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, sei mir Sünder gnädig“ oder kurz: „Herr Jesus Christus, erbarme dich meiner“.

Da ist es – das Mittel, um mit Gott, also nicht mit irgendwem, sondern mit dem Quell alles Guten selbst, im Zwiegespräch zu sein. Dieses wirksame Mittel liegt in unserer Hand. Ist es etwa schwer, dieses Gebet zu sprechen? Haben wir etwa keine Zeit? Was für ein Selbstbetrug, was für eine schäbige Ausrede! In unserer Hand halten wir ein sehr mächtiges Instrument, mit dessen Hilfe wir uns im buchstäblichen Sinne Heilung verschaffen können, wenn wir Kummer haben oder in Schwierigkeiten sind, schlecht gestimmt sind und alles drunter und drüber geht in Konflikten in der Familie und bei Streitigkeiten. Es ist nötig, dass wir so oft wie möglich zu diesem großartigen Rüstzeug greifen. Alle, die sich seiner bedient haben, wissen und bestätigen, was für eine Wohltat es ist für unser Leben.

Vor meinen Augen hat sich einst etwas sehr Bemerkenswertes zugetragen. Zu Vater Nikon (Worobjow) ist einmal eine Frau aus einem Dorf gekommen und hat ihm ihr Leid geklagt: „Ich habe großen Kummer: Ich lebe allein und bin niemandem mehr von Nutzen. Es ist langweilig und keiner ist mehr da, mit dem ich reden könnte. Nichts interessiert mich mehr – alles ist nur noch öd und leer. Ich bin der Verzweiflung nahe. Helfen Sie mir ...“ Er gab ihr folgenden Rat: „Versuch doch mal, so oft es geht, jedoch konzentriert, voller Ehrfurcht und mit einem Gefühl der Reue, folgendes kurze Gebet zu sprechen: Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, sei mir Sünderin gnädig“. Die Frau war eine einfache Frau, sie hatte Vater Nikon genau zugehört und sich danach bedankt: „Danke Väterchen, gut, ich werde es probieren“. Etwa ein Jahr später kam sie wieder, doch diesmal voller Tränen der Dankbarkeit: „Väterchen, Sie haben mich einfach gerettet, ja, mir das Leben gerettet, ich bin so voller Freude, ich brauche jetzt niemanden mehr. Möge Gott Sie selig haben!“ Diese einfache Frau hat das Glück erlebt, das Glück Gott zu erfahren. War nun dafür etwa vieles nötig? Nur Glauben und eiserne Entschlossenheit.

So also kann man heute leben! Man muss sich nicht irgendwas erträumen oder in schwindelnde Höhe aufsteigen. Es reicht einfach, seiner Seele endlich die nötige Aufmerksamkeit zu schenken und sich jenes gut bewährten Mittels der Reue zu bedienen, welche an keinerlei Umstände gebunden ist. Jener Vater Nikon Worobjow hat gesagt, dass ihn dieses Jesusgebet, als er zusammen mit Verbrechern im Lager saß, vor den Schrecken dieser Tortur bewahrt hat. Es war wie ein wundertätiges Mittel! Ich denke, wir sollten dies nie vergessen.

So also sollte man heute leben! Wir sollten uns darum bemühen, nach den Geboten Christi zu leben und so oft wie möglich das kurze Jesusgebet sprechen, aufrichtig Reue empfinden, zur Beichte gehen und an der Kommunion teilhaben! Wir sollten versuchen, den Werken der Kirchenväter und Asketen in unserer täglichen Lektüre Raum zu geben, denn wir finden bei ihnen nicht nur nötige Ratschläge. Wer einmal beginnt sie zu lesen - wenn auch nur zwei-drei Seiten am Tag – der wird sehen, was für eine geistige Kraft diesen wunderbaren Worten unserer orthodoxen Heiligen entströmt.

Allen jenen, die sich gerne zu mindestens theoretisch mit den Grundlagen eines spirituellen Lebens vertraut machen möchten, seien besonders die Werke des Heiligen Ignatius (Brjantschaninow) – vor allem seine beiden ersten Bände und die Briefe empfohlen. Jetzt werden diese Bücher gedruckt und jeder Christ sollte sie besitzen. Ebenso notwendig sind auch die Bücher seiner treuen Schüler: Die Briefe des Starzen von Walaam, Vater Johann (Alexejew), Vater Nikon (Worobjow), die praktisch beide die Werke des Heiligen Ignatius in moderner Sprache wiedergeben und eine eindeutige Antwort gegeben haben auf die Frage, wie man heute leben sollte. Von sehr großem Nutzen sind weiterhin die „Geistlichen Gespräche“ von Abba Dorotheos, die Briefe von Feofan (Goworow), dem Klausner, und der Äbtissin Arsenija (Sebrjakowa). Weiterhin sind zu empfehlen: „Mein Leben in Christo“ und das „Letzte Tagebuch“ von Johannes von Kronstadt, sowie „Frieden und Freud im Heiligen Geist“ vom Starez Faddej Vitownitzskij und andere.

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