Die Reinigung unserer Herzen

24. February 2024

Prof. Alexej Iljitsch Osipow

Warum rede ich davon? Weil rechtes Beten das Wichtigste ist, wenn es um die Frage geht, wie man heute leben sollte. Die Orthodoxie bekräftigt, dass Christus immer mit uns und bei uns ist. Oft wird gedacht, dass Er vor zweitausend Jahren gelebt hat und damals natürlich den Menschen geholfen, sie geheilt und gelehrt hat. Man könnte also sagen, dass die Menschen damals „Glückspilze“ waren. Dann ist er jedoch in den Himmel hinaufgefahren und das war es dann. Jetzt ist er nicht mehr erreichbar. Nein, so ist es nicht. Der Apostel Paulus schreibt: „Jesus Christus, gestern und heute und der Selbe auch in Ewigkeit“ (Hebr. 13,8). Und hier Worte von Christus selbst: „Und siehe, ich bin bei euch aller Tage bis an der Welt Ende“ (Mt. 28,20). Bis zu welchem Ende? Bis zum Tode eines jeden Menschen und bis zum Ende der Existenz der Menschheit insgesamt. Es sind wunderbare Worte des Herrn – „Ich bin bei euch bis an der Welt Ende“. Wenn wir diese Worte wirklich ernst nehmen würden, dann wüssten wir, wie wir heute leben sollten.

Es ist aber notwendig, noch einen anderen ernsthaften Aspekt der Frage „wie man heute leben sollte“ zu betrachten. Wer das Neue Testament gelesen hat, insbesondere die Briefe des Apostels Paulus, dem ist wahrscheinlich aufgefallen, wie er – auf eine für unsere Ohren etwas ungewöhnliche Weise – immer wieder betont, dass ein Mensch nicht durch die Werke des Gesetzes Rechtfertigung erlangen kann, sondern nur aus Glauben (Siehe Röm. 3,20; Gal. 2,16). Worum geht es hier? Es ist sehr wichtig, dass man begreift, dass mit den Werken des Gesetzes die äußerliche Seite des religiösen Lebens eines Menschen gemeint ist. In der jüdischen Religion gibt es viele Regeln und Forderungen rituellen Charakters. So ist es zum Beispiel verboten, am Sabbat etwas zu tun. Sie erinnern sich sicher, wie Christus am Sabbat einen Menschen heilt und dass die Juden ihn deshalb anklagen, ja, ihn für diese Übertretung des Gesetzes sogar töten wollen. Zu den Werken des Gesetzes zählen alle äußerlichen kirchlichen Vorschriften (zum Beispiel das Einhalten der Fastenzeiten und der Feiertage, der Besuch von Gottesdiensten und das Erfüllen der häuslichen Gebetsregel), aber auch das Verrichten guter Taten. Das alles sind Werke des Gesetzes.

Es ist aber klar, dass ein Mensch durch diese äußerlichen Dinge sein Herz nicht von seinen Leidenschaften reinigen kann. Denn Gott sehen nur jene, die reinen Herzens sind (Mt. 5,8), nicht aber jene, deren Hände und Füße sauber sind.

Wenn wir jedoch darüber diskutieren, wie man heute leben sollte, dann hört man in der Regel oft leider nur folgendes: man sollte die Kirche besuchen, zur Beichte gehen, an der Kommunion teilhaben, seiner Angehörigen und Freunde gedenken, sowohl der noch im Leben weilenden wie auch der Verstorbenen, für sie Kerzen anzünden und ihre Namen für den Priester auf einen Zettel schreiben, damit dieser ihrer bei der Bereitung der Heiligen Gaben gedenkt. Man sollte sowohl die Fastenregeln einhalten als auch die persönliche Gebetsregel zu Hause, die kirchlichen Feiertage ehren und anderen Menschen helfen usw. All dies ist - auch wenn gut und notwendig - nur die äußere Seite des Lebens und allein dadurch, dass man all dies tun, lässt sich das Herz noch nicht von seinen Leidenschaften reinigen. Man kann sein ganzes Leben regelmäßig die Kirche besuchen, zur Beichte gehen und am Abendmahl teilhaben, aber so wie man mit einem ganzen Sack voller Leidenschaften am Anfang angetreten ist, so ist dieser über die Jahre nicht ein wenig leichter geworden. Das Ziel des Lebens für einen Christen besteht aber gerade darin, seine Seele von allem Unflat zu reinigen. Wenn dies aber nicht geschieht, dann verliert die gesamte rituelle Seite ihre Bedeutung.

Solch eine Falle also lauert auf einen orthodoxen Christen! Man kann also jahrelang nach den Regeln und Gebräuchen der Kirche leben und alles „ordnungsgemäß“ erfüllen – ohne dass sich jedoch in der Seele etwas tut. Sie bleibt einfach, wie sie war: voller Leidenschaften wie Zorn und Neid, Eitelkeit und Gereiztheit, Eifersucht und was es da nicht sonst noch alles so gibt und einem die Schamröte ins Gesicht treibt, wenn man allein nur daran denkt. Alles bleibt wie es am Anfang war. Dies zu wissen ist äußerst wichtig, um zu verstehen, wie man heute leben sollte.

Es geht also nicht nur um die Erfüllung der äußerlichen Vorschriften des Kirchenlebens, worum wir uns kümmern sollten! Schauen Sie mal, wovon das Evangelium immer wieder spricht! Jedem, der es liest, sollte dies einfach zu Denken geben: Christus hat nicht ein einziges Mal Diebe und Räuber gebrandmarkt. Dagegen hören wir ihn ununterbrochen sagen: „Wehe euch Pharisäern!“ (Siehe Mt. 23,13-29) Wer waren diese Pharisäer? Sie hatten ein Gelübde abgelegt, durch das sie sich verpflichteten, alle Vorschriften des Gesetztes Gottes aufs Genaueste zu erfüllen. Man könnte es mit dem vergleichen, was heute jene auf sich nehmen, die in den Mönchsstand treten. Und dann plötzlich: „Wehe euch Pharisäern“. „Wehe euch Schriftgelehrten!“ (damit sind die Theologen gemeint). Warum nur? Sowohl die Pharisäer als auch die Schriftgelehrten kannten das gesamte Gesetz Gottes bis in alle Kleinigkeiten in- und auswendig und hatten in einem viel größeren Maße als die gemeinen Menschen ihr gesamtes Leben völlig auf die Religion hin ausgerichtet. Und plötzlich ergeht an die einen wie auch an die anderen: „Wehe euch ihr Heuchler!“ Warum bezeichnet Christus die Pharisäer und Schriftgelehrten als Heuchler? Hier berühren wir eine sehr bedeutende Frage des spirituellen Lebens.

Es passiert nämlich oft folgendes: Wenn ich nicht darauf achte, was in meinem Herzen vor sich geht, sondern nur darauf, dass ich auch ja alle kirchlichen Vorschriften erfülle, also regelmäßig die Kirche besuche und zur Beichte gehe, an der Kommunion teilnehme und alle Fastenregeln einhalte, Kerzen anzünde und den Armen kleine Spenden gebe, aber auch für die Kollekte der Gemeinde etwas übrig habe und die Namen meiner lebenden und verstorbenen Verwandten und Bekannten dem Priester gebe, damit dieser ihrer bei der Bereitung der Heiligen Gaben gedenkt, an Pilgerfahrten teilnehme und die Reliquien von Heiligen und wundertätigen Ikonen verehre ... – dann scheint es mir - und ich fühle es sogar - dass ich doch in der Tat ein guter und achtenswerter Mensch bin. Ja, man könnte mich fast für einen Heiligen halten. Kurz gesagt, ich bin also nicht so einer, wie alle die anderen. Diesen Zustand hat der Heilige Theofan der Klausner auf wunderbare Weise beschrieben: „Man selbst ist ein Dreck, doch behauptet: Ich bin nicht so, wie alle anderen“ (Lk. 18,11). Verstehen Sie? „Ich bin nicht so, wie die anderen!“ Bis zu einem solchen Maße also kann ein Mensch, der sich fest in der Kirche verankert sieht, geistig erblinden, wenn er nicht darauf achtet, was in seinem Herzen vor sich geht.

Es versteht sich von selbst, warum man darüber sprechen muss. In einem Menschen, für den das gesamte Wesen des Christentums nur darin besteht, die Werke des Gesetzes zu erfüllen, dabei jedoch die Hauptsache aus den Augen verliert, wuchern Ehrsucht und Eigendünkel, er ist voller Stolz und verachtet anderer Menschen. Die Liebe aber erstirbt so in ihm. Vor den Menschen jedoch ist er stets bemüht, seine Rechtschaffenheit zu zeigen und so entsteht Heuchelei. Wehe aber, man äußert sich einem solchen Menschen gegenüber nicht ganz korrekt oder tut etwas, was ihn kränken könnte, dann wird man solche Dinge zu hören bekommen, dass man voller Entsetzen vor diesem „frommen Menschen“ einfach nur zurückschreckt.

Schauen Sie aber mal, wie Christus selbst den äußerlichen kirchlichen Vorschriften gegenübersteht. Seine Jünger, die Apostel, wurden dafür zurechtgewiesen, dass sie am Sabbat mit ihren Händen Ähren zerrieben, um etwas zu essen. An einem Sabbat etwas zu tun, war nach jüdischem Gesetz ein furchtbares Verbrechen! Christus aber – statt seine Jünger davon abzuhalten – wandte sich voller Zorn an die Pharisäer selbst und entlarvte ihre heuchlerische Werkgerechtigkeit. Er selbst heilte am Sabbat Kranke und zeigte damit, dass der Sabbat zwar von Bedeutung ist, was das Einhalten einer gewissen Disziplin betrifft, jedoch von keinerlei ethischem Belang ist für die Sache des Seelenheils.

Blaise Pascal, den wir alle noch aus der Schulzeit kennen, hat einmal geschrieben, dass es nur zwei Sorten von Menschen gibt, vielmehr zwei Typen von religiösen Menschen. Die einen sind Sünder, sehen sich selbst jedoch als rechtschaffend, die anderen sind wirklich rechtschaffend, sehen sich selbst jedoch als Sünder.

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