Ein Jahrhundert zurück

17. Juli 2022

Foto der Zarenfamilie

Foto der Zarenfamilie

Heute hat der zaristische Herrscher mehr Macht als vor 100 Jahren. Vor hundert Jahren wurde er durch die Bemühungen der Propaganda in ein Monster verwandelt, das das Staatssystem verkörperte und zur gnadenlosen Vernichtung bestimmt war. Grausamkeit, Gleichgültigkeit, Luxus und Verdorbenheit wurden dem System zugeschrieben. All dies wurde automatisch auf das Bild des regierenden Hauses übertragen, und zwar so erfolgreich, dass die "treuen Untertanen" von gestern den Mord an dem Staatsoberhaupt und der gesamten Familie stillschweigend hinnahmen.

Und heute? Heute sind wir ernüchtert von den Ereignissen des vergangenen Jahrhunderts. Wir wissen bereits, dass der Luxus der Oligarchen zeitweise den Luxus des Zaren übersteigt, obwohl er jedweder moralischer Rechtfertigung entbehrt. Und die Ausschweifungen des modernen globalen Sodoms lassen uns viele Sünder der Vergangenheit als Erzieher im Kindergarten betrachten. Und die Gleichgültigkeit der Menschen untereinander in einer Welt, in der Geld der wichtigste Wert ist, ist beispiellos. Was die Grausamkeit betrifft, so hat das 20. Jahrhundert alle übertroffen. Hier wird im Allgemeinen die Zunge taub und die Finger verweigern das Tippen.

Der Zar erhebt sich über die uralte Lüge und erscheint vor unseren Zeitgenossen in seiner menschlichen Größe und mit einer Märtyrerkrone. Es geht nicht um die Wiederherstellung der Monarchie, sondern zunächst um die Besinnung auf die Vergangenheit und die Verbesserung der Gegenwart. Jetzt ist die Liebe zum letzten Zaren sowohl einfacher als auch verständlicher als zu Beginn des letzten Jahrhunderts, mit dem Verrat der einen, der Gleichgültigkeit der anderen und dem dämonischen Hass der dritten. War er damals von Verrat, Feigheit und Betrug umgeben, so ist er heute in jener Welt, in die er mit seiner ganzen Familie eingetreten ist, von der Gemeinschaft der Heiligen umgeben. Genauer gesagt: “zu einer festlichen Versammlung und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind; zu Gott, dem Richter aller, zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten.” (Hebr 12, 22f) Heute hat er tatsächlich mehr Macht und persönliche Freiheit.

Ikone der kaiserlichen Leidensdulder

Ikone der kaiserlichen Leidensdulder

Der Tod verrät viel. Das ist eine seiner Funktionen. Hinter der scheinbaren Schüchternheit von Boris und Gleb verbarg sich also ein freiwilliges Opfer und die Ablehnung des Brudermordes. Nicht Schwäche, sondern Stärke besonderer Art zeigte sich bald in ihrem Tod. Was die Kampffähigkeit betrifft, so haben Boris und Gleb sie bereits aus einer anderen Welt vollständig gezeigt - und zwar an Feinden und nicht an Brüdern.

Ähnliches geschah teilweise bereits und geschieht weiterhin mit der Persönlichkeit des ermordeten Nikolai Alexandrowitsch und ihrer Bewertung im historischen russischen Bewusstsein. Aber die Frage betrifft nicht nur die Persönlichkeit des Zaren. Eine ganze Reihe brennender Fragen wird in die Diskussion einbezogen. Die Schuld des Volkes, die Welt hinter den Kulissen, der Verrat der Eliten ... Zwangsläufigkeit oder Zufall? Es dreht einem der Kopf.

Der Zar war allein. Zwischen ihm und dem Volk gab es eine dichte, undurchdringliche Schicht aus Bürokratie, Beamtentum, verschiedenen lokalen Behörden, die im Auftrag des Zaren handelten, aber offensichtlich nicht immer zum Wohle der Allgemeinheit. "Der Zar ist gut, aber die Bojaren sind Wölfe." Dieser Satz kann auch heute ohne Monarchie sinngemäß verwendet werden.

Ohne die heute üblichen Mittel der Massenkommunikation sahen die einfachen Leute den Herrscher nur auf einem Porträt an einem öffentlichen Ort oder auf einer Pilgerreise (aus der Ferne). Offizielle Aufrufe, die mit dem Pluralpronomen „Wir“ begannen, betonten nur die Kluft zwischen der Masse einfacher Menschen und dem Souverän. Der Drang nach freiem Handeln, persönlicher Teilhabe am öffentlichen Leben hat sich bereits unter den Menschen verbreitet. Durst nach Neuigkeiten, Debatten, Diskussionen. Gänsehautgefühl in Erwartung von etwas Neuem. Das Wort „wir“ fing an, sich auf sie selbst zu beziehen und sie fingen an, über den Zaren als „er“ zu sprechen. Und gerade zu dieser Zeit inmitten dieser zähen, bunten Masse waren ganz demokratisch und unermüdlich Propagandisten, Agitatoren, Terroristen und Provokateure im ganzen Land unterwegs. So konnte es nicht lange weitergehen.

Die direkte Kommunikation mit dem Zaren, mit Ausnahme der Familie, bestand nur durch die Minister und den Hof. Und dieser letzte und engste Kreis glänzte keineswegs mit Glauben, Uneigennützigkeit und Dienst an der Krone. Die Worte des Zaren über Verrat, Feigheit und Betrug sind genau an diesen letzten Kreis gerichtet. Die Revolution kriecht wie eine Schlange immer zuerst durch Regierungskorridore und erst dann - auf die Straße.

Imageverluste, Systemfehler oder regelrechter Verrat werden am bequemsten in der unmittelbaren Umgebung geboren. Und mit einem guten Monarchen erfolgreicher als mit einem misstrauischen und verräterischen. Mit einem frommen Familienvater ist es einfacher als mit einem düsteren Asketen oder einem fröhlichen Nachtschwärmer. Darüber lohnt es sich nachzudenken und nicht bloß nachdenken, sondern besser noch die Gedanken in die Praxis umzusetzen.

Bevor die gerissene Absetzung des Zaren und die darauf folgende Ermordung des Zaren zu einer blutigen Realität wurden, wurden sie ideologisch vorbereitet. Der gewundene Verstand eines Intellektuellen und der praktische Verstand eines gemeinen Mannes mußten mit unterschiedlichen Pflügen und in unterschiedlicher Tiefe bearbeitet werden. Aber beide wurden gründlich auf eine bestimmte Aussaat vorbereitet. Das konnte damals noch nicht ganz verstanden werden. Aber heute wird das Zeitalter selbst stolz das Informationszeitalter genannt. Heute ist es unmöglich, nicht zu verstehen, dass Informationskriege dieselbe Realität sind wie die Schlacht von Stalingrad, und die Verluste in solch scheinbar unterschiedlichen Schlachten sind vergleichbar.

Die Londoner Druckerei, in der Iskra gedruckt wurde, konkurriert ziemlich mit den Kriegsfabriken von Krupp bezüglich der Produktion des Todes. Und es macht keinen Unterschied, dass es dort um Granaten geht, und hier „nur“ um Papier. Bevor die Waffen sprechen, kämpft der Feind mit Hilfe von Papier.

Man muss sich vieles aneignen. Ein schlauer Zeitungsmann ist gefährlicher als ein kämpfender feindlicher General. Ein unauffälliger Bankier im grauen Anzug ist wichtiger und gruseliger als ein Höfling im gold bestickten Livree. Wie sich herausstellt, können Banker Kriege beginnen und beenden, ohne Zaren oder Regierungen zu konsultieren. Und ein wohlgenährtes Volk unter einem guten König ist leichter zu täuschen und auf die Straße zu bringen als hungrige arme Leute unter einem despotischen Monarchen. All dies ist aus der Distanz besser erkennbar.

Aufwendige Zeremonien, tiefe Kniebeugen und Kratzen auf dem Parkett verschleiern nur das wahre Grauen, das in den Köpfen der Menschen vor sich geht, und die konkreten Probleme in ihrem Leben. Regierungsarbeit ist harte und alltägliche Arbeit, die sich nicht von selbst erledigt, sondern die ganze Aufmerksamkeit und Verständnis erfordert.

Der Zar ist heute zusammen mit den Heiligen Brüdern Boris und Gleb, dem Hl. Sergij, mit der seligen Ksenija und dem Hl. Seraphim. Um ihn herum gibt es keinen Verrat und keine Schmeichelei. Er hat jetzt tatsächlich mehr Kraft und Macht. Informationen über das Leben des russischen Volkes werden ihm nicht mehr in absichtlich oder versehentlich verzerrter Form gegeben. Der Zar sieht alles. Wir können von ihm zurecht, jenes wohlwollende Eingreifen in das irdische Leben erwarten, dessen die Heiligen fähig sind. Nicht er allein, denn das russische Regiment in den himmlischen Heerscharen ist zahlreich. Aber auf jeden Fall kann er auch das, was er versäumt hat, auf Erden zu tun, jetzt im wahren und unzerstörbaren Königreich sich befindend vollenden.

Erzpriester Andrej Tkatschow, 16. Juli 2018

Übersetzung aus dem Russischen

Quelle: Pravoslavie.ru

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