Leben und Dienst zwischen zwei Revolutionen. Teil 1

9. Juni 2022

Leben und Dienst zwischen zwei Revolutionen

Der Zeitraum zwischen der Februar- und der Oktoberrevolution kann man als Zeit der Prüfung für die Zarenfamilie ansehen. Jedes ihrer Mitglieder stand vor der schwierigen Entscheidung, ob es die Provisorische Regierung öffentlich anerkennen sollte, ob sie die Beziehungen zur inhaftierten Zarenfamilie aufrecht erhalten sollten, ob es auswandern oder in Russland bleiben sollte. Abhängig von der Beantwortung dieser Fragen können sie darüber Auskunft geben, ob die Person zum Konformismus neigen, oder im Gegenteil, trotz globaler Umwälzungen dem Zar und seinen bisherigen Lebenseinstellungen treu bleiben würde. Unter diesem Gesichtspunkt ist es eine Überlegung wert, Leben und Wirken einer der prominentesten Persönlichkeiten der Romanow-Dynastie am Ende 19. - Anfang des 20. Jahrhunderts Großfürstin Elisabeth Feodorowna, Witwe des Großfürsten Sergej Alexandrowitsch, leibliche Schwester der Zarin Alexandra Feodorowna, Vorsitzende einer Vielzahl karitativer und sozialer Organisationen, Gründerin und erste Äbtissin des Martha-Maria-Klosters der Barmherzigkeit in Moskau, näher zu betrachten.

Diese Zeit im Leben von Elisabeth Feodorowna ist trotz einer, wie es scheint, Fülle von Arbeiten darüber noch wenig erforscht. Die Grundlage fast aller Forschung bei der Beschreibung der Ereignisse von 1917 stellen die Erinnerungen einer kleinen Anzahl von Personen aus dem persönlichen Umfeld der Großfürstin dar. Doch reichen diese Dokumente zur Beantwortung unserer in diesem Aufsatz gestellten Fragen nicht aus. Die vollständigste Quellenbasis zu diesem Thema stellt die im Jahre 2016 von uns veröffentlichte Dokumentensammlung „Großfürstin Elisabeth Feodorowna: Dokumente und Materialien. 1905–1918" dar. Sie ermöglicht es nun, den Ablauf der Ereignisse in ihrem Leben genauer wieder herzustellen.

Das Jahr 1917 begann für Elisabeth Feodorowna in einer Atmosphäre der Beunruhigung und von Vorahnungen der kommenden Katastrophe. Sie verfolgte aufmerksam das Anwachsen der Spannungen in der Gesellschaft, die hauptsächlich durch die Unzufriedenheit mit der Politik der Behörden verursacht wurden, die Großfürstin beurteilte das Geschehen sehr pessimistisch. In einem undatierten Brief an S. N. Jusupowa bemerkte sie kurz nach der Ermordung von G. E. Rasputin: „Es ist alles traurig, so traurig, in Wolken gehüllt mit Kriegsdonner und dem dumpfen Gebrüll der unzufriedenen Seelen. Wann kommt die Sonne wieder heraus?“ (1)

Aufstand der Arbeiter der Petrograder Putilow-Werke

Aufstand der Arbeiter der Petrograder Putilow-Werke

Denn trotz der schlimmen Vorahnungen hoffte Elisabeth Feodorowna auf eine erfolgreiche Beendigung des Weltkrieges: „Die Zeit ist nicht mehr fern, in der uns der vollständige Sieg zu einem ruhmvollen Frieden führen wird. Möge Gott den Zar stärken und ihm die "Weisheit Salomos" schenken! Ich bete inbrünstig für sie und für euch alle…“. (2)

Aus dem letzten Satz geht hervor, dass sich die Großfürstin nicht an Gesprächen über eine mögliche Abdankung des Zaren beteiligte, welche schließlich sogar Kreise des Zarenhofes erreichten.

Die Unruhe in den gesellschaftlichen Kreisen hinderte Elisabeth Feodorowna nicht sich weiterhin der Wohltätigkeit zu widmen, die damals einen landesweiten Umfang angenommen hatten. Es genügt zu sagen, dass den Tätigkeitsbereich des von ihr geleiteten Ausschusses zur Versorgung der Familien von zum Kriegsdienst Einberufener, alle Regionen des Landes einflossen, mit Ausnahme der Provinz Petrograd, der Stadt Petrograd, des Kaukasus und Finnlands. Darüber hinaus besuchte die Großfürstin als Vorsitzende des Sonderausschusses, der ihren Namen trug, und der die Sorge um die Evakuierung von verwundeten Soldaten und die karitativen Unterstützung in Moskau und des Moskauer Gouvernements vereinte, zahlreiche Krankenhäuser und Verwundetenunterkünfte in dieser Region. Unmittelbar leitete sie die sozialen Einrichtungen des Martha-Maria-Klosters von der Barmherzigkeit, widmete den von ihr geleiteten Kindereinrichtungen Zeit, nahmen an den kirchlichen Feiertagen in Moskau teil usw. “Ich habe wie immer viel Arbeit! Und das hält mich aufrecht.” schrieb sie an S. N. Jusupowa. (3)

Am 18. Februar begannen die Unruhen in Petrograd. 9 Tage nach der Bekanntgabe des Streiks in der größten Fabrik der Hauptstadt, den Putilow-Werken, war es bereits zu spät, um die Revolution zu stoppen.

Die Großfürstin, die weitreichende persönliche Verbindungen in allen Schichten der Gesellschaft hatte, kam nicht umhin, von den revolutionären Ereignissen in der Hauptstadt zu erfahren. Ihr Arbeitspensum blieb jedoch unverändert. Am 23. und 25. Februar hielt sie zwei Sitzungen ihres Ausschusses für die Bereitstellung von karitativer Hilfe für Familien zum Kriegsdienst einberufener Personen. Man beachte, dass die Situation in Petrograd die Tagesordnung der Sitzungen nicht beeinflussten. Alles verlief nach wie vor nach dem festgelegten Zeitplan. Vermutlich ab 27. Februar, nach Bekanntgabe des Ausnahmezustandes in Moskau, musste auch Elisabeth Feodorowna ihre Ausflüge in die Stadt einschränken.


  1. Hl. Großfürstin Elisabeth Feodorowna - Dokumente und Materialien, S. 387
  2. ebenda.
  3. ebenda.

Übersetzung und Bearbeitung eines Aufsatzes erschienen in “Bote der Orthodoxen Staatlichen Universität des Hl. Tichon in Moskau” 2018. Heft 85; S. 52-72 Großfürstin Elisabeth Fjodorowna: Leben und Dienst zwischen zwei Revolutionen, Februar bis Oktober 1917 von Jelena Jurjewna Kowalskaja

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