Predigt am Thomassonntag von Metropolit Antonij von Surosch

1. Mai 2022

Ikone der Auferstandene begegnet Thomas

Ikone: der Auferstandene begegnet Thomas

Wir erinnern uns heute an den Heiligen Apostel Thomas. Alle haben ihn als den Zweifler an der Auferstehung Christi im Gedächtnis, der den Erzählungen und Zeugnissen der anderen Apostel nicht glauben konnte. Selten stellen wir uns die Frage, wer er war, was für ein Mensch er war, warum er zweifeln konnte?

Außerdem Ort, wo wir etwas über seinen Ruf in die Nachfolge Jesu als Apostel erfahren, lesen wir nur noch an zwei anderen Stellen etwas über den Apostel Thomas. An erster Stelle steht etwas sehr Bedeutendes: Als Christus seinen Jüngern sagte, dass Er nach Judäa zurückkehren muss, um Seinen Freund Lazarus aufzuerwecken, bemühen sich Seine Jünger in umzustimmen und sich nicht der Tod bringenden, gefährlichen Stadt Jerusalem zu nähern. Und lediglich Thomas sagt: „Lasst uns mit Ihm gehen und mit Ihm sterben.“ Noch bis zur Auferstehung Christi, als die Jünger in Christus nur den Meister, den Lehrer sahen, war Er bereit aus Liebe und Treue zu Ihm, einfach mit Ihm zu sterben – einfach sterben. Ihn nicht verteidigen, auf nichts hoffen, sondern einfach Sein Schicksal mit Ihm teilen…

Und dieser Mensch, der mit solcher Treue bereit war mit dem Retter den Tod zu teilen, stellt den anderen Jüngern: Ist denn sowas möglich?! ... Sie erzählen Ihm, dass sie den auferstandenen Christus gesehen haben, und er kann das nicht glauben. Warum?

der Auferstandene begegnet Thomas

Ikone: der Auferstandene begegnet Thomas

Nicht etwa, weil sie bis zum Heiligen Pfingstfest, als der Heilige Geist auf die Apostel herabkam, dieselben schüchternen, oft unverständigen und wankelmütigen Leute geblieben waren? Wie sollte er glauben, dass Christus auferstanden war, wenn das einzige Zeugnis über Seine Auferstehung darin bestand, dass sich diese Jünger jubelten und sich freuten, und dabei doch dieselben blieben, die sie früher gewesen waren ohne sich zu verändern. Um die Nachricht von der Auferstehung annehmen zu können, benötigte er ein anderes Zeugnis, als einfach diese jubelnden Apostel. Denn er verstand, dass, wenn Christus aufersteht, sich alles auf der Erde verändert, dass der letzte Sieg nicht dem Menschen, sondern Gott gehört, dass die Liebe siegt und nicht der Hass, dass wir jetzt in einer neuen Welt leben. Denn es ist tatsächlich Gott in diese Welt gekommen und hat sie in eine Welt des ewigen Lebens verwandelt, und nicht nur eines kurz aufglimmenden, manchmal auch länger, aber eines doch letztlich zeitlichen Lebens …

Und als der Retter vor ihm stand, glaubte er, weil im Retter der Glanz des ewigen Lebens war. Und Er stand vor Seinen Jüngern schon nicht wie der Jesus aus Nazareth, der ihr Lehrer gewesen ist, sondern als auferstandener Herr, in der Kraft und der Herrlichkeit Seiner Auferstehung, dennoch mit durch Nägel und Speer durchlöcherten Händen, Füßen und Seite …

Ikone orthodoxe

Ikone: der Auferstandene begegnet Thomas

Die Auferstehung Christi nimmt das Tragische des Lebens nicht weg. Christus wurde ins Leben hineingeboren, um ihre gesamte Tragödie in einen Sieg zu verwandeln, aber solange es auch nur einen Sünder auf Erden gibt, bleibt der Leib Christi der gekreuzigte Leib Christi. In der Ewigkeit erscheint uns Christus sicher als dieser, denn Seine Kreuzigung spricht von der unendlichen Liebe Gottes… Und als er Ihn, den gekreuzigten Christus, in der Herrlichkeit der Auferstehung sah, warf sich Thomas vor Ihm nieder und äußerte das letzte, feierliche Zeugnis, das wir durch die Welt tragen, durch unser Leben und durch das Leben der Welt: Mein Herr und mein Gott!...

Aber wie können jene, denen wir von der Auferstehung Christi erzählen, jene, denen wir künden, dass Er auferstand, dass Er Gott ist, dass Er siegte, all das glauben, wenn wir den Aposteln ähneln, die sich nur darüber freuen können, was sie erlebt hatten, aber weder die Kraft noch die Herrlichkeit der Auferstehung offenbaren können?... Und wir, die wir an die Auferstehung Christi glauben, sollen ein neues Volk, erneuerte, andere Menschen werden. Wir sollen Menschen werden, die an das Leben, an das ewige Leben glauben, in denen der Sieg über den Tod bereits jetzt triumphiert, weil wir, die wir Anteil haben am Tod Christi, bereits das ewige Leben des auferstandenen Christus, das göttliche Leben leben, oder besser gesagt, leben sollten…

Ikone der Auferstandene

Ikone: der Auferstandene begegnet Thomas

Dann würden wir den Tod nicht fürchten, wir würden das Leiden nicht fürchten, wir würden nichts auf Erden fürchten, denn dieses Leben könnte uns niemand wegnehmen. Wir würden dann als lebendige, triumphierende und überzeugte Zeugen davon, das Christus auferstand, auftreten, weil andere in uns Menschen sehen, die ewig lebend, gelernt haben zu lieben, selbst wenn dies das zeitliche, irdische Leben kostet, die gelernt haben an den Menschen zu glauben, wie nur Gott vermag an den Menschen zu glauben, alles erhoffend und alles besiegend, sich selbst grenzenlos der Freude, Liebe und dem Sieg des Herrn hingebend. Amen.

Metropolit Antonij von Surosch

Predigt am Thomassonntag, 2. Ostersonntag (7. Mai 1978)

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