Sonntag der Samariterin, 5. Sonntag nach Ostern (Joh 4,5-42)

2. Juni 2021

Metropolit Antonij von Surosch

Beichte in einer orthodoxen Kirche

Beichte in einer orthodoxen Kirche

Im heutigen Evangelium finden wir Worte, die jeden Menschen erfreuen können, wenn er in sich die Aufrichtigkeit und Kraft findet, auf sich und sein Leben ohne Lüge zu schauen. Christus wendet sich an die Samariterin und sagt ihr: “Ja, du hast recht geantwortet, dass du keinen Mann hast. Wahrlich, du hast die Wahrheit gesagt!...” Es versteht sich, dass der Herr sie nicht für ihr vergangenes Leben loben will, sondern dafür, dass sie fähig war aufrichtig und wahrhaftig auf dieses Leben zu schauen und aufrichtig darüber zu sagen: Wie gut, dass du es so gesagt hast, du hast die Wahrheit gesprochen…

An diesem Punkt kippt das Gespräch. In dem Augenblick, als sie sieht, dass dieser Mensch nicht nur über Irdisches sprechen kann, sondern auch über etwas viel Tieferes, Grundlegenderes. Sie fragt ihn schon nicht mehr nach Wasser, nach der Quelle. Sie sagt Ihm: “Unsere Väter haben auf diesem Berg angebetet, aber ihr sagt, dass man Gott in Jerusalem anbeten muss. Was ist wahr?...” Alles ist vergessen, die Schöpfkelle ist vergessen, der Durst, der lange Weg durch Samarien. Es blieb eine grundlegende Frage offen: wo soll man Gott anbeten, wie kann man so anbeten, damit Gott das Gebet auch erhört. Weil nun diese Frau die Wahrheit in ihrem Herzen hatte und fähig war, ohne Lüge auf sich zu blicken, ohne Lüge die Wahrheit über sich zu sagen, offenbarte Christus ihr, dass Gott im Geist und in der Wahrheit angebetet werden muss.

Die Schönheit der Schöpfung Gottes

Die Schönheit der Schöpfung Gottes

Gott kann jeden von uns retten, aber Er kann nichts machen, wenn wir uns selbst und Ihn belügen. Er kann den Sünder retten, der wir in Wirklichkeit sind. Aber diesen vorgetäuschten Rechtschaffenen kann Er nicht retten, den versuchen darzustellen und der wir nicht sind. Wenn wir Gott anbeten wollen, dann sollen wir Ihn in der Wahrheit, in Gerechtigkeit, in Redlichkeit, mit gutem Gewissen anbeten, dann gewährt uns Gott Zutritt. Und noch etwas: Gott anbeten kann man weder hier noch dort, anbeten sollen wir in unserem Geist und in unserem Herzen, mit aller Aufrichtigkeit, in aller Wahrheit, mit dem ganzen Feuer seines Lebens. Die Anbetung Gottes besteht nicht darin, dass wir Ihm an dem einen oder anderen Platz Gebete darbringen, die irgendwann mit fremdem Herzblut geschrieben wurden. Gott anbeten, dass heißt mit seiner ganzen Wahrheit und Unwahrheit vor Gott zu stehen, aufrichtig vor Ihm zu stehen, in Ihm seinen Herrn und Gott sehen und vor Ihm niederfallen, in Ihm den sehen, der Er tatsächlich ist: das Schöne, das Heilige, das Wunderbare.

Wenn wir so Gott anbeten, dann soll diese Anbetung weit über die Lobgesänge der Kirche und sogar unsere Bußgebete hinaus gehen. Die Anbetung Gottes soll alles werden in unserem Leben. Jedes Mal, wenn wir Wahrheit schaffen und die Wahrheit sagen, jedes Mal, wenn wir Gutes schaffen und wir Liebe zeigen, jedes Mal, wenn wir würdig sind unseres Namens Mensch und des Namens Gottes, dann beten wir im Geist und in der Wahrheit an. Lasst uns dies erlernen. Aber anfangen können wir nur damit, dass wir vor uns selbst, vor Gott, vor den Menschen in unserer Wahrhaftigkeit stehen, so wie wir sind, und wir Ihn mit unserem ganzen Leben, in Wort und Tat verehren.

Predigt vom 19. Mai 1968

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