Über den Gehorsam vom Hl. Ignatij Brjantschaninow

8. Oktober 2021

ueber den Gehorsam

Was wir über das Eremitentum und die Klausur sagten1, gilt auch für den Gehorsam gegenüber einem Altvater in der Form, wie er im früheren Mönchtum existierte: diese Art von Gehorsam ist unserer Zeit nicht gegeben.

Wie der heilige Johannes Kassian der Römer sagt, betonen die Väter von Ägypten, deren Mönchsleben in besonderem Masse blühte und erstaunliche geistige Früchte hervorbrachte, „dass es gut ist, sich geistiger Führung zu unterstellen und von solchen geführt zu werden, die wirklich weise sind, und sie fügen hinzu, dass dies eine sehr erhabene Gabe und eine große Gnade des Heiligen Geistes ist.“ 2

Hauptvoraussetzung für ein solches Unterstellen ist jedoch, dass sich ein Geist tragender Lehrer findet, der fähig ist, durch den Willen des Heiligen Geistes den sündigen Willen dessen zu berichtigen, der sich ihm im Herrn unterstellt hat, und zusammen mit jenem Willen auch sämtliche Leidenschaften. Im sündigen und verderbten Willen des Menschen besteht ein Hang zu allen Leidenschaften. Es liegt auf der Hand, dass der verderbte Wille nur durch den Willen des Geistes Gottes mit Erfolg berichtigt werden kann, nicht aber durch den ebenfalls verderbten Willen eines Lehrers, der selbst noch Sklave der Leidenschaften ist.

„Willst du der Welt entsagen und das Leben gemäß dem Evangelium erlernen“, sagt der heilige Symeon der Neue Theologe zu den Mönchen seiner Zeit, „dann übergib dich nicht einem unerfahrenen oder von Leidenschaften beherrschten Lehrer, damit du nicht von ihm anstatt eines evangelischen ein teuflisches Leben erlernst. Denn die Lehren guter Lehrer sind zwar gut, jene schlechter Lehrer aber schlecht, geradeso wie schlechte Samen unweigerlich schlechte Früchte bringen. Jeder, der nicht sieht, aber sich anbiedert, andere zu führen, ist verblendet, und er stürzt jene, die ihm folgen, in den Abgrund des Verderbens, wie der Herr sagt: „Wenn ein Blinder einen Blinden führt, werden beide in die Grube fallen“ (Mt 15,14).3

In einem anderen Fall, wo er einem Mönch empfiehlt, eine wichtige Entscheidung nicht zu fällen, ohne den Rat seines geistigen Vaters eingeholt zu haben, fügt dieser wunderbare Diener Gottes hinzu: „ Vorausgesetzt, du weißt, dass dein geistiger Vater teilhat am Heiligen Geist und nichts sagen wird, was dem Willen Gottes entgegengesetzt ist, sondern dir entsprechend der Gabe, die er empfangen hat, und entsprechend deinem eigenen Maß das verkünden wird, was Gott gefällt und was nützlich ist für deine Seele, damit du nicht einer seist, der Menschen gehorcht statt Gott.“ 4

Im selben Sinn gebietet der Apostel: „Werdet nicht Sklaven von Menschen!“ (1 Kor 7,23). Und anderswo ermahnt er die Knechte, ihren Dienst auf geistige Art zu tun, „nicht zum Anschein, wie solche, die den Menschen zu gefallen suchen, sondern als Knechte Christi, die den Willen Gottes von Herzen tun“ (Eph 6,6). Und wiederum: „Gehorche ich hierin nun Menschen oder Gott? Suche ich etwa Menschen zu gefallen? Wenn ich noch Menschen zu gefallen suchte, wäre ich nicht Diener Christi“ (Gal 1,10). Ferner: „Wißt ihr denn nicht, dass ihr, wenn ihr euch als Knechte jemandem übergebt zum Gehorsam (sei es einem Menschen, d.h. der fleischlichen Gesinnung, sei es Gott), zum Diener dessen werdet, dem ihr gehorcht, das heißt entweder der Sünde (der fleischlichen Gesinnung) zum Tod oder des Gehorsams zur Gerechtigkeit (Gottes und des Heils) (Röm 6,16)?“ Der Gehorsam formt den Gehorchenden nach dem Bild dessen, dem er sich unterordnet: „Die Schafe paarten sich vor den Ruten, und sie gebaren gescheckte Lämmer“, sagt die Schrift (s. Gen 30,39).

Die Vorsteher, die sich in die Rolle begeben – ich verwende diesen widerwärtigen Begriff aus dem profanen Leben mit Absicht, zum Hervorstreichen des effektiven Charakters einer Angelegenheit, die tatsächlich nichts anderes ist als ein für die Seele verhängnisvolles Spiel, eine höchst erbärmliche Komödie -, die Vorsteher mithin, die sich in die Rolle von heiligen Altvätern von früher begeben, ohne deren geistige Gaben zu besitzen, müssen begreifen, dass ihre Absichten, ihre Gedanken und ihre Vorstellungen vom großen mönchischen Werk des Gehorsams irrig sind. Sie müssen deutlich wissen: ihre Denkweise, ihre Weisheit und ihr Wissen sind nichts als Verblendung, dämonische Täuschung, welche in den von ihnen Geführten unweigerlich Früchte derselben Art hervorbringen werden. Ihre Anmaßung wird dem unerfahrenen Anfänger, der ihnen unterstellt ist, bloß für eine gewisse Zeit verborgen bleiben, sofern dieser auch nur einigermaßen intelligent ist und sich den heiligen Lesungen hingibt mit dem aufrichtigen Wunsch, gerettet zu werden. Früher oder später wird diese Hochstapelei unweigerlich aufgedeckt werden, was einen äußerst schmerzhaften Bruch zur Folge haben, die Beziehungen zwischen Lehrer und Schüler höchst mühsam machen und bei beiden zu ernstlichen seelischen Störungen führen wird.

Es ist schrecklich, aus Überheblichkeit und aus eigenen Antrieb Verantwortungen auf sich zu nehmen, die man nur im Auftrag des Heiligen Geistes und mit Seiner Hilfe erfüllen kann. Es ist schrecklich, sich als Gefäß des Heiligen Geistes hinzustellen, solange die Bindungen an den Satan noch nicht gebrochen sind und dieses Gefäß ständig von ihm beschmutzt wird. Eine solche Komödie, eine solche Heuchelei ist entsetzlich. Sie ist ebenso katastrophal für den Betroffenen selbst wie für seinen Nächsten. Sie ist ein Verbrechen, eine Blasphemie gegen Gott.

Umsonst wird man uns das Beispiel des heiligen Zacharias zitieren, der trotz seiner Unterordnung unter einen unerfahrenen Lehrer, Abba Karion, seinen eigenen leiblichen Vater, die mönchische Vollkommenheit erlangte 5, oder jenes des heiligen Akakios, der das Heil erlangte als Jünger eines Abbas, der ihn mit unmenschlicher Grausamkeit behandelte und ihn durch Auspeitschung vorzeitig ins Grab brachte.6 Es stimmt zwar, dass beide untauglichen Lehrern unterstellt waren, doch sie wurden geführt von den Weisungen Geist tragender Väter sowie von den höchst erbaulichen lebendigen Vorbildern, die sie in großer Zahl vor Augen hatten. Diese Fälle stehen außerhalb der gewöhnlichen Ordnung und der allgemeinen Regel. „Die Art und Weise des Wirkens der Göttlichen Vorsehung“, sagt der heilige Isaak der Syrer, „ist völlig verschieden von der gewöhnlichen Ordnung der Menschen. Was dich betrifft, halte dich an die gewöhnliche Ordnung.“ 7

Vielleicht werden einige sagen: „Der Glaube des Novizen kann wettmachen, was seinem Lehrer fehlt.“ Das ist nicht wahr! Was rettet, ist das Vertrauen in die Wahrheit. Der Lüge und der dämonischen Verblendung vertrauen aber führt ins Verderben, wie der Apostel lehrt. „Sie nahmen die Liebe zur Wahrheit nicht an, die sie gerettet hätte“, sagt er von denen, die aus eigenem Willen verlorengehen. „Deshalb sendet ihnen Gott eine Kraft der Verblendung, sodass sie der Lüge glauben, damit alle gerichtet werden, die der Wahrheit nicht glauben wollten, sondern Wohlgefallen fanden am Unrecht“ (2 Thess 2,10-12). „Es geschehe euch gemäß eurem Glauben“, sagt der Herr, die Wahrheit in Person, zu den beiden Blinden und heilt sie von ihrer Blindheit (Mt 9,29). Lüge und Heuchelei sind nicht berechtigt, die Worte der Wahrheit in Person in den Mund zu nehmen, um ihr verbrecherisches Tun zu rechtfertigen, mit dem sie ihren Nächsten zugrunde richten.

Es hat Fälle gegeben – doch sie sind äußerst selten –, wo der Glaube auf Grund eines ganz besonderen Entgegenkommens Gottes durch die Vermittlung von Sündern wirkte und diese sogar rettete. Einer dieser Fälle ist jener von Flavian, einem Räuberhauptmann in Ägypten. Dieser faßte den Plan, ein Frauenkloster auszurauben. Um sein Ziel zu erreichen, verkleidete er sich als Mönch und begab sich zu dem Kloster. Die Nonnen empfingen ihn wie einen der heiligen Väter. Sie führten ihn in die Kirche und baten ihn, Gebete zu Gott zu erheben für sie. Widerwillig und zu seiner eigenen Überraschung erfüllte er diesen Wunsch. Danach setzte man ihm eine Mahlzeit vor, und nachdem er gegessen hatte, wuschen ihm die Nonnen die Füße. Eine der Schwestern des Klosters war taub und stumm. Die Nonnen brachten sie her und gaben ihr von dem Wasser des Fußbads zu trinken, und die Kranke wurde sogleich geheilt. Da verherrlichten die Nonnen Gott sowie das heilige Leben jenes unbekannten Mönchs und verbreiteten die Nachricht von dem Wunder, das geschehen war. Die Gnade Gottes kam herab auf den Räuberhauptmann, er bekehrte sich und wurde vom Übeltäter zum Mönch und Wundertäter.

Im Leben des heiligen Theodor, Bischof von Edessa 8, lesen wir, dass eine Dirne auf Drängen ihrer verzweifelten Freundin Adera für deren Sohn betete, der gestorben war, und durch ihr Gebet wurde das Kind auferweckt. Zutiefst erschrocken über das Geschehene gab die Dirne sogleich ihren sündigen Lebenswandel auf, trat ins Kloster ein und gelangte durch ihr vorbildliches asketisches Leben zur Heiligkeit.

Beispiele dieser Art sind Ausnahmen. Wenn wir solche Fälle betrachten, werden wir in rechter Weise darauf antworten, wenn wir die unerforschlichen Wege der Güte und der Ratschlüsse Gottes bewundern und wenn wir uns dadurch stärken lassen im Glauben und in der Hoffnung. Doch wir werden uns schwer täuschen, wenn wir diese Tatsachen als Vorbilder nehmen, denen man folgen soll. Zu unserer Anleitung hat uns der Herr das göttliche Gesetz gegeben, das heißt die Heilige Schrift und die Schriften der Heiligen Väter. Der Apostel Paulus erklärt kategorisch: „Wir gebieten euch, Brüder, im Namen unseres Herrn Jesus Christus, euch fernzuhalten von jedem Bruder, der ungeordnet lebt und nicht gemäß der Tradition, die ihr von uns empfangen habt“ (2 Thess 3,6). Unter Tradition ist hier die asketische und ethische Überlieferung der Kirche zu verstehen, die in der Heiligen Schrift und in den Schriften der Heiligen Väter niedergelegt ist.

Der heilige Pimen lehrte, dass man sich trennen soll von einem Abba, wenn sich das Zusammenleben mit ihm als schädlich erweist für die Seele. 9 Dies setzt freilich voraus, dass der fragliche Vorsteher die ethischen Regeln der Kirche verletzt hat. Eine andere Sache ist, wenn keinerlei Schaden der Seele vorliegt und der Jünger nur von Gedanken geplagt ist. Gedanken, die plagen, sind mit Sicherheit dämonischen Ursprungs. Man darf ihnen nicht folgen. Die Dämonen sind eben da am Werk, wo wir geistigen Gewinn empfangen, denn sie sind bemüht, uns denselben zu entreißen.

Der mönchische Gehorsam, so wie er von den Mönchen der früheren Zeit geübt wurde, ist ein geistiges Mysterium von sehr hohem Stand. Es ist uns unmöglich, es zur Gänze zu erreichen und nachzuvollziehen. Wir können es nur mit Ehrfurcht und Umsicht betrachten und uns seinen Geist zu eigen machen. Wir werden gesundes Urteil und heilsame Weisheit beweisen, wenn wir beim Lesen der Leben und Regeln der alten Väter – der Gehorsam der Altväter war ebenso bewundernswert wie jener ihrer Jünger! – den Vergleich ziehen und den allgemeinen Niedergang des Christentums in unserer Zeit zur Kenntnis nehmen. Wir müssen anerkennen, dass wir nicht imstande sind, die Praxis der Väter in ihrem ganzen Umfang und in ihrer ganzen Vielfalt zu erben. Doch es ist bereits eine große Segensgabe Gottes und ein großes Glück, dass wir uns von den Bröseln ernähren können, die vom Tisch der heiligen Väter fallen. Diese Brösel sind zwar nicht eine vollauf befriedigende Nahrung und hinterlassen ein Gefühl der Frustration und des Hungers, doch sie können uns wenigstens vor dem geistigen Tod bewahren.

Quelle: prodromos-verlag.de


1. Im vorangehenden Kapitel hatte der hl. Ignatij dargelegt, dass das Leben in völliger Einsamkeit als Eremit oder Rekluse, das am Anfang des Mönchtums als höchste Formen desselben durch die göttliche Vorsehung selbst instituiert wurde, in der heutigen Zeit außerordentlich schwierig, wenn nicht gar unmöglich ist, es sei denn in wenigen Ausnahmefällen. Denn wenn die Gefahr der Verblendung bei diesen Formen des Mönchslebens von jeher groß war, ist sie das beim heutigen Mangel an erfahrenen Altvätern noch weit mehr.

2.Hl. Johannes Kassian, De Institutis coenobiorum („Über die koinobitischen Institutionen“), II, 3.

3.Hl. Symeon der Neue Theologe, „Theologische, gnostische und praktische Kapitel“, 1. Zenturie, Kap. 48 und 50. Griech.-franz. in SC Band 51bis.

4.Hl. Symeon der Neue Theologe, „Katechesen“, Kat. 18. Griech-franz. in SC Band 104.

5.Das Große Gerontikon, Die Sprüche der Wüstenväter, Thematische Sammlung, Prodromos-Verlag, Nauen 2009.

6.Siehe Hl. Johannes vom Sinai, Klimax, Stufe IV,110.

7.Abba Isaak der Syrer, „Asketische Reden“, Rede 1. Griech. in EPE-Philokalie Bde. 8A-C. Engl. Ascetical Discourses, Holy Transfiguration Monastery, Boston Mass., 2. Ausgabe 2011.

8.Siehe Das Synaxarion am 19. Juli.

9.Das Große Gerontikon, Kap. 10,134.

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