Über die Demut

26. März 2023

Archimandrit Kirill Pawlow

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes!
“Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Demut, schenke mir, deinem Knecht, denn gepriesen bist du in die Ewigkeit der Ewigkeiten. Amen.”

Liebe Brüder und Schwestern, an den ersten Tagen der Großen Fastenzeit empfiehlt uns die Kirche nicht nur körperlich, sondern auch geistlich zu fasten. Die Kirche wies uns darauf hin, dass ein wahres und Gott wohlgefälliges Fasten „in der Enthaltung von bösen Gedanken, der Enthaltsamkeit der Zunge, dem Ablegen des Zorns, dem Aufgeben von Begierden, schlechten Äußerungen, Lügen und Meineid“ besteht. Wenn wir also auf Essen und Trinken verzichten, uns aber nicht gleichzeitig von Groll, Neid, Hass, Bosheit, Verurteilung fernhalten, dann verschlingen wir, nachdem wir das Brot verweigert haben, unseren Nächsten. Mit einer Hand bauen wir auf und mit der anderen zerstören wir.

Deshalb gab uns die Heilige Kirche das Gebet des Hl. Ephraim des Syrers an die Hand, in dem wir, wie wir bereits gehört haben, um die Gaben der Tugenden bitten sollen und die lasterhaften Leidenschaften von uns genommen werden. Mit der sechsten Bitte dieses Gebetes erflehen wir den Geist der Demut von Gott: “Herr und Gebieter meines Lebens, den Geist der Demut schenke mir, deinem Knecht.”

Was ist Demut? Demut ist ein solcher Zustand der Seele, in dem sie, nachdem sie all ihre Schwächen und Unreinheiten erkannt hat, weit entfernt von jeder hohen Meinung von sich selbst ist, ständig versucht, das Gute in sich zu aufzudecken, alles Böse auszurotten, sich aber nie als vollendet betrachtet und erwartet dies eher von der Gnade Gottes als von ihren eigenen Bemühungen. Die heiligen Väter und Lehrer der Kirche finden keine Worte, um diese Tugend zu preisen. „Der Herr ruht in den Seelen der Demütigen“, sagen sie. Weder Askese noch Wachen noch irgendeine andere Art von Mühe werden uns retten, wenn es keine wahre Demut gibt. Trotz der hohen Würde und Wichtigkeit dieser Tugend haben wir wenig christliche Demut. In uns herrscht ein Geist von offenem oder verdecktem Stolz und Eitelkeit, sodass fast jeder von uns zu viel und zu hoch von sich selbst, aber eher wenig und gering von anderen denkt. Selbst diejenigen, die sich aufgrund ihrer Position demütigen müssten, wollen dies nicht vor den Älteren tun: Jeder erhebt sich und stellt sich über die anderen, aber will sich niemand erniedrigen und demütigen. „Bin ich denn schlechter als andere?“, sagen wir dann. Wenn wir uns über andere erheben, uns selbst preisen und andere erniedrigen, verachten, werden wir dann anderen demütig dienen? Da sich also alle selbst erhöhen und den Vorrang vor anderen anstreben, denkt fast niemand an die Notwendigkeit, allen und jedem demütig zu dienen. Daher gibt es in Familie und Gesellschaft anstelle von Liebe, Harmonie und gegenseitigen Dienen vielmehr gegenseitige Unnachgiebigkeit, Feindseligkeit, Neid, Hass aufeinander, Streit, Zwietracht, Unfrieden. Und die Tugend der Demut gerät fast in Vergessenheit. Doch diese Tugend ist die liebenswürdigste aller Tugenden. Der Herr selbst bezeugt von sich selbst: „Ich werde nur auf die Sanftmütigen und Schweigsamen schauen, die vor meinen Worten zittern“ (Jes. 66, 2).

Hl. Vater Simeon der Neue Theologe

„Demut“, so sagt der hl. Simeon der Neue Theologe, „umfasst Gehorsam, Geduld, Anerkennung menschlicher Schwächen, Danksagung an Gott für alles ... für Ruhm und Schande, Gesundheit und Krankheit, Reichtum und Armut.”

Noch mehr Zeichen wahrer Demut weist der hl. Ephraim der Syrer auf. Dazu gehört: niemanden zu verurteilen, niemanden zu demütigen oder zu verleumden, leise, ruhig, selten zu sprechen, sich maßvoll verhalten, mit niemandem über den Glauben oder irgendetwas anderes zu streiten, aber wenn jemand etwas Gutes sagt, antworte ihm mit „ja“. Sagt er aber etwas Schlechtes, dann antworte ihm mit „du weißt es selbst“; sei unterwürfig und verabscheue deinen Willen, rede niemals müßig, mach keine leeren Worte, lüge nicht, widerspreche nicht den Älteren, ertrage freudig Beleidigungen, Demütigungen; liebe die Arbeit, verärgere niemanden, verletze niemandes Gewissen. Dies sind die Zeichen echter Demut.

Die Grundlage der Demut und Demut des Geistes ist Selbsterniedrigung um Christi willen, die Selbstentäußerung, die Entsagung seiner selbst, seines Stolzes und seiner Selbsterhöhung.

„Sodann, ihr Jüngeren: ordnet euch den Ältesten unter! Alle aber begegnet einander in Demut! Denn Gott tritt den Stolzen entgegen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. Beugt euch also in Demut unter die mächtige Hand Gottes, damit er euch erhöht, wenn die Zeit gekommen ist.“ (1 Petr 5,5f). Wie schwer ist es, einander zu gehorchen und andere zu erhöhen! Es ist schwierig, weil wir uns alle offen oder heimlich über andere stellen, und nichts scheint uns schwerer zu fallen, als aufrichtig und aus tiefstem Herzen zuzugeben, dass wir schlechter, sündhafter, schwächer, unbedeutender, schuldiger als alle anderen Menschen sind. Wenn wir das manchmal verbal bereit sind zuzugeben, ist es unaufrichtig, verschmitzt, stolz, weil wir im Grunde unserer Seele bei der gleichen Meinung bleiben, dass wir, wenn wir auch nicht besser sind, doch zumindest nicht schlechter als die anderen. Für unseren Stolz ist zuzugeben, dass wir schlechter und unbedeutender als anderen sind, gleichbedeutend, Selbstmord zu begehen. Daher erlaubt er uns nicht, die Wahrheit über uns selbst zu sagen, da wir es nicht ertragen würden. Er hält uns immer in der Selbsttäuschung, in einer erhöhten Wertschätzung unserer Qualitäten. Wer von uns kann aufrichtig von sich sagen: „Ich bin nichts, ich bin schlimmer, sündiger, schuldiger als alle Menschen?“ Wenige, sehr wenige, nicht einmal die größten Verbrecher. Und das bedeutet, dass Demut so weit wie der Himmel von der Erde von uns entfernt ist.

Das Gleichnis vom Barmherzigen Samariter

Wenn wir wahre Christen sein wollen, müssen wir mit aller Kraft versuchen, in uns den Geist der christlichen Demut und den Wunsch zu wecken, anderen zu dienen. Damit wir die Demut lieben und nicht denken, dass sie uns demütigen kann, müssen wir immer daran denken, dass dieser Tugend direkt eine Belohnung versprochen wird und dass Stolz sowohl dem Herrn als auch den Menschen verhasst ist, während die Demut die Gunst Gottes und der Menschen nach sich zieht. Wer hoch von sich denkt, sich über alle erhebt, stolz ist, nur auf sich selbst schaut und andere nachlässig behandelt, der ist klein, niedrig und ekelhaft vor Gott. „Denn was die Menschen für großartig halten, das ist in den Augen Gottes ein Gräuel“, sagt uns das Wort Gottes. (Lk 16,15). Der Herr widersetzt sich den Stolzen, den Demütigen aber schenkt er seine Gnade. (1 Petr 5,5). Jeder, der sich selbst erhöht, wird erniedrigt (Lk 14,11). Wer viel von sich hält, ist klein und niedrig in den Augen der Menschen. Im Gegenteil, wer demütig ist und anderen demütig dient, wird von Gott erhöht und von den Menschen geehrt. „Gesegnet“, sagt der heilige Isaak der Syrer, „der sich in allem erniedrigt, denn er wird erhöht werden. Deshalb erniedrige dich in allem vor allen Menschen, geh allen voran mit Gruß und Verbeugung, und du wirst geehrt werden. Erniedrige dich um Gottes willen und du wirst nicht erfahren, wie sich deine Ehre vermehrt. Bekenne dich dein ganzes Leben lang als Sünder, damit du dein ganzes Leben lang gerechtfertigt bist. Sei unwissend in deiner Weisheit und erscheine nicht weise, wenn du unwissend bist. Sei gemäß den Lehren des Erlösers ein Diener und Sklave zum Wohle aller deiner Nächsten, und du wirst Vollkommenheit und Ruhm erlangen.

Wenn wir uns zur Demut ermutigen, müssen wir immer daran denken, dass all unsere Tugenden und all unsere asketischen Anstrengungen ohne Demut vor Gott nichts gelten. „Ohne Demut“, sagt der hl. Tichon von Sadonsk, „ist das Gebet nutzlos. Ohne Demut kann es keine wahre Reue geben, aber es gibt vorgetäuschte und falsche Reue, die nur auf den Lippen und nicht im Herzen ist. „Ohne Demut“, sagt der heilige Isaak der Syrer, „sind alle unsere Taten, alle Tugenden und alle Taten vergeblich.“

Hl. Vater Arsenios der Grosse

Ein Engel des Herrn zeigte dem Wüstenvater Arsenios dem Großen einmal folgende Vision. Da war eine offene Kirche, und zwei Männer trugen einen Baumstamm zu dieser Kirche. Sie wollten durch die Kirchentür gehen, aber sie konnten nicht, weil sie den Baumstamm nicht seiner Länge nach trugen, wie es sein sollte, sondern beide standen seitlich nebeneinander und wollten einander nicht den Vortritt lassen. Beide wollten gleichzeitig durch die Kirchentür eintreten und blieben deshalb vor der Tür, da sie auf diese Weise die offene Kirche nicht betreten konnten. Der Altvater Arsenios fragte den Engel, was das bedeute. Und der Engel erklärte ihm folgendes: „Diese Leute, die den Baumstamm trugen, stellen sich als tugendhafte Männer dar. Aber sie sind stolz, wollen sich nicht voreinander demütigen, deshalb kommen sie nicht in das Himmelreich, sondern bleiben wegen ihres Stolzes draußen.“

Um in uns den Geist der Demut und den Wunsch zu anderen zu dienen zu erwecken müssen wir öfter auf das Beispiel unseres Herrn Jesus Christus schauen. „Der Sohn Gottes hat sich um deinetwillen gedemütigt: solltest du dann stolz sein?” schreibt der hl. Tichon von Sadonsk. „Der Sohn Gottes hat seinen Jüngern die Füße gewaschen: Schämst du dich, deinen Brüdern zu dienen? Der Sohn Gottes ist nicht auf die Erde gekommen, um sich bedienen zu lassen, sondern um zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele hinzugeben.“ Sollen wir selbst arrogant sein und andere demütigen? Sollten wir nicht die Mühen und Opfer zum Wohle unserer Nächsten tragen? Alle guten Christen haben im erhabenen Beispiel ihres Herrn und Gottes das stärkste Motiv gefunden, sich vor Gott und Menschen zu demütigen und erzeigten einander stets gegenseitigen Gehorsam und Hilfsbereitschaft. So schämte sich zum Beispiel ein großer heiliger Mann, der Mönch Makarios von Ägypten, nicht und war auch nicht zu faul, aus der Wüste in die Stadt Alexandria zu gehen, nur um einem kranken Einsiedler Trost zu bringen: einzukaufen und ihm etwas Essen zu bringen, das der Kranke sich wünschte. Alle wirklich großen und wirklich heiligen Menschen versuchten, ihren Nächsten auf ähnliche Weise zu dienen.

Versuchen auch wir, diese Tugend zu lernen, liebe Brüder und Schwestern, in dem wir daran denken, dass Demut den Menschen erhebt, aber Stolz ihn in den Abgrund stürzt und ihn der Gnade Gottes beraubt. Lasst uns also inbrünstig beten und den Herrn bitten: „Herr und Gebieter meines Lebens, schenke mir, deinem Knecht, den Geist der Demut, denn gesegnet bist Du in alle Ewigkeit.“ Amen

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