Wie geht es der Jugend?

24. Mai 2021

Die Suche nach der Gemeinschaft führt in die Jugendgruppe

Die Suche nach der Gemeinschaft führt in die Jugendgruppe

Was fasziniert die Jugend an der Kirche? Warum fahren am Sonntag, wenn man eigentlich ausschlafen oder am Computer sitzen kann, Jungen und Mädchen durch die ganze Stadt ins Kloster?

Die Göttliche Liturgie, theologische Gespräche, Beschäftigung mit den kranken Kindern im Heim sind für sie wichtiger als Erholung und Zerstreuungen. Darüber, was junge Menschen in der Kirche suchen und finden und warum ein Leben mit Christus sich für viele als das einzig mögliche erweisst, erfahren wir, in dem wir einen Auferstehungstag mit den Mitgliedern der Jugendgruppe zu Ehren der Hl. Märtyrerinnen Wera, Nadjeschda, Ljubow und ihrer Mutter Sofia am Kloster der Hl. Elisabeth verbringen.

Uns vereint Christus

Es ist 13.30 Uhr, Sonntag. Die Jugend versammelt sich langsam im Foyer der Schule “Ichthys”. Einige sind seit dem frühen Morgen im Kloster, die Göttliche Liturgie und die Heilige Kommunion sind schon lange zum Bedürfnis geworden. Ein anderer kommt, um den Akafist zu den himmlischen Schutzheiligen der Gruppe zu beten. Der Rest kommt zu Beginn der theologischen Gespräche. Dann sind auch jene gekommen, die ins Kinderheim gehen.

Ikone der Hl. Märtyrerinnen Wera, Nadjeschda, Ljubow und ihrer Mutter Sofia

Ikone der Hl. Märtyrerinnen Wera, Nadjeschda, Ljubow und ihrer Mutter Sofia

Die Geschichte der Jugendgruppe ist untrennbar mit der Sonntagsschule verbunden, die im Jahre 1998 eröffnet wurde. Die Kinder sind groß geworden und man wollte, dass sie in einer geistlichen Atmosphäre verbleiben, so entstand die “Verlängerung”. Die Jugend, mit der alles begann, ist längst herausgewachsen, aber dennoch engagieren sich diese Ehemaligen noch immer in der Gemeinde, in den Internaten und Krankenhäusern. Es gibt unter den früheren Jugendlichen inzwischen Klosterschwestern und Geistliche.

Priester Rodion Alchowik

Priester Rodion Alchowik, der Geistliche Vater der Sonntagsschule:

Ich selbst bin ein Ehemaliger aus der Klosterjugend, sie ist mir sehr teuer. Heute gibt es weniger Leute, als in den ersten Jahren und auch die Aktivität hat abgenommen. Aber es gibt einen harten Kern, bewußte Leute, im Mittel 25 - 30 Jahre. Einer der Gründe für den geringen Zulauf sehe ich in der steigenden Anzahl an Kirchen in Minsk. Im Durchschnitt kommen im Jahr etwa 30 - 40 Menschen, aber es bleiben nicht alle. Im Laufe des Jahres versammeln sich die Jugendlichen sonntags in der Schule “Ichthys”. Man liest den Akafist und das Evangelium, versucht das moderne Leben durch das Prisma der heiligen Schrift zu betrachten.

Theologische Gespräche, Feiertage und Teestunden gibt es wenige, die jungen Leute eint eine gemeinsame hilfreiche Sache. Die Kirche gibt dir Raum, aber weiter entscheidet der Mensch selbst,wohin ihn sein weg führt. Der Aktivist selbst lebt aufopferungsvoll und hilft anderen, aber du wirst ihn weder bitten noch zwingen können. Wie man sagt: “Ein Sklave ist kein frommer Pilger.”

«Ich war krank, und ihr habt Mich besucht…»

Davon, dass der Glaube ohne Tun tot ist, wissen die Jugendlichen aus erster Hand. Jeder von ihnen, der Gott fand, fühlte das Bedürfnis zur tätigen Liebe und Hilfe für den Nächsten. Schützlinge der Jugendgruppe sind die Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen. Die Jungen und Mädchen gehen mit den Kindern und Heranwachsenden spazieren, zeichnen mit ihnen, erzählen Märchen, hören gemeinsam Musik und spielen.

Mit Freude und Dankbarkeit begegnen wir den Volontären der “Klosterjugend”, erzählt die Leitende Oberschwester des Kinderheims für Kinder mit körperlichen und geistigen Beeinträchtigungen Irina Iwanowna Demidowitch. Die Kinder benötigen Wärme und Zuwendung. Nicht zu allen kommen die Eltern und in jedem Menschen sehen unsere Schützlinge einen nahe Stehenden oder Verwandten. Sie sind aufgeschlossen wie alle Heimkinder.

Rund um die Uhr liegen die Kinder in ihren Zimmern. Wir setzen die Kleinen und Großen in Rollstühle, fahren mit ihnen spazieren oder spielen mit ihnen im Festsaal.Trotz komplexer Diagnosen haben wir kein einziges Kind, das nicht auf Zuwendung reagiert. Sie erinnern sich an Menschen, Namen, Stimmen, erkennen ihre Umwelt. Die Kinder sind ansprechbar und dankbar. Nicht alle können sprechen, aber man sieht die reaktion in ihren Gesichtern. Sie werden lebendiger, fröhlicher, sind begeistert. Sie erwarten stets mit Ungeduld die Treffen.

Den freiwilligen Helfern aus den Reihen der Jugendgruppe möchte ich hiermit Danke sagen! Wir, das medizinische Personal, kommen hierher, um zu arbeiten, und sie verschwenden ihre Freizeit am Wochenende, um den Kindern auf Geheiß ihres Herzens zu helfen.

Die Suche nach der Wahrheit und Gemeinschaft führt in die Kirche

Das Gespräch mit den jungen Leuten schenkt uns eine klare Vorstellung davon, dass die Jugend in der Kirche keine Zerstreuungen sucht und schon gar nicht, den Versuch darstellt, sich vor den Problemen der sie umgebenden Welt zu verkriechen. Es ist eher das Gegenteil der Fall: Sinnsuche, die Konfrontation mit Herzlosigkeit, Aggressivität und Konsumverhalten gegenüber Menschen. Der Wunsch nach Kommunikation und der Versuch, Menschen von Nutzen zu sein, die unter den gegebenen Umständen am verwundbarsten sind. Irgendwann erkennt ein junger Mensch, dass Sinnesfreuden und Überfluss keine Freude bringen, und dann entsteht das Problem, die Wahrheit finden zu müssen ...

Sergej Spaskow

Sergej Spaskow, Leiter der Jugendgruppe:

Unsere Gesellschaft wird immer computerisierter. Wir verlieren die Fähigkeit zu kommunizieren. Wir sind bereits teilweise nicht mehr in der Lage, uns zu unterhalten. Aus diesem Grund ist der Wert der Jugendgruppe sehr groß. Das Kinderheim ist eine lebendige Sache und unsere theologischen Gespräche stellen den Versuch dar, uns durch Kommunikation einander zu nähern.

Die Organisation der Arbeit der Jugendgruppe verändert meine Wahrnehmunng der Welt und formt das geistliche Leben. Ich spüre die Hilfe Gottes. Das heißt, es ist genau das, woran ich weiter wachsen kann, wo ich mich anstrengen muss. Ich kam hierher durch einen Ruf der Seele, aber es gibt auch Momente, in denen ich mich überwinden muss. In solch einem Fall fühle ich die Verantwortung für die Kinder und gehe.

Wladimir Tzipljatin

Wladimir Tzipljatin:

Ich wurde vor drei Jahren getauft. Es gab eine Menge Fragen, auf die ich keine Antwort fand. Wofür lebe ich? Worin besteht der Sinn des Lebens? Mit 22 Jahren fing ich an, darüber nachzudenken. Dann bekam ich Ärger und ich hatte es eine Zeitlang sehr schwer. Der Herr sandte mir jemand, der mir ein Evangelium gab. Mit 25 wurde ich getauft. Die Freunde, mit denen ich früher zusammen war, blieben weg. Es gab unterschiedliche Interessen. Aber dann wurde auch mein bester Freund getauft.

Eines Tages sah ich die Bekanntmachung über die Treffen junger orthodoxer Gläubiger. So kam ich zur Jugendgruppe. Wir lesen und sprechen über das Evangelium. Dies führt zu einem anderen Verständnis des Lebens, lässt sich von einer anderen Seite betrachten und das Wahre erkennen und nicht das Falsche. Allmählich kommt das Verstehen, dass alles wirklich ist in der Kirche. Heute habe ich ein großes Bedürfnis nach Gebet, Beichte, Kommunion. Ich möchte mit Gott leben.

Als ich das erste Mal ins Internat kam, war mir alles fremd. Ich habe nicht täglich solche menschen auf der Straße gesehen, über ihre Existenz nicht nachgedacht. Damals wußte ich nicht, dass man einfache Dinge schätzen muss. Du hast Hände und Füße. Der Herr hat dir viel geschenkt. Dies verstehst du eben durch andere Menschen...

Swetlana Schuk

Swetlana Schuk:

Ich bin heute das erste Mal hier. Ich denke, ich werde zu den Kindern ins Heim gehen. Ich arbeite in der Schule “Ichthys” als Musiklehrerin, Pianistin, Defektologin. Ich habe im Kathedralchor der Turower Diözese gesungen. Meine Eltern sind auch in der Kirche aktiv. Alles in meinem Leben ist buchstäblich von Kindheit an mit Christus verbunden.Deshalb ist es nicht erstaunlich, dass ich in die orthodoxe Jugendbewegung kam. Die Arbeit in der “Ichthys”-Schule kann man nicht anders als Gottes Vorsehung bezeichnen.

Anton Spaskow

Anton Spaskow:

Zu den theologischen Gesprächen gehe ich schon fast nicht mehr. Was ich konnte, habe ich für mich genommen. Aber ins Internat gehe ich jeden Sonntag. Wenn du die Resonanz der Kinder erblickst, wie glücklich sie sind, dann verstehst du, das hier dein Platz ist. Die Kinder können größtenteils ihre Gefühle nicht mit Worten ausdrücken, aber sie lächeln, umarmen dich, betteln um Aufmerksamkeit. Es macht mir Freude, etwas für sie zu tun. Nicht jeder hat Eltern. Jemand hat sie, aber sie kommen selten. Ich versuche nicht, sie zu ersetzen, aber ich verstehe, dass das Kind Wärme und Aufmerksamkeit braucht.

Anna Sinkewitsch

Anna Sinkewitsch:

Zuerst kam ich in Witebsk zur Orthodoxen Jugend. Wir gingen ins Internat, halfen dem Hl. Geist - Frauenkloster. Es gab viele Missionsfahrten. Jeder Christ sollte eine Aufgabe in der Kirche übernehmen. Es war wichtig, zusammen mit den Menschen zu sein, die deiner Seele nah sind. Als ich nach Minsk kam, traf ich einen Freund aus der Witebsker Jugend, der mich auch hierher brachte. Ich glaube nicht, dass das ein Zufall war. Wie hatte unsere Äbtissin gesagt: “Wohin kannst du nach dem Kloster noch hingehen? Nur wieder ins Kloster?”

In der Kirche bin ich seit 10 Jahren. Ich bin selbst gekommen. Meine Großmutter ging regelmäßig in die Kirche, aber meine Eltern nicht. An der Universität stand mir die Freiwilligenarbeit nahe. Mama hat gesehen, dass ich mich mit Sozialarbeit beschäftige, und ich war davon angetan. Das Kind hat eine Leidenschaft für etwas entwickelt. Dies dauerte genau bis zu dem Moment, als ich anfing, in die Kirche zu gehen und sie herausfand, dass ich im Kloster Gehorsamsaufgaben erfülle. Wenn ich vielleicht in eine normale Kirche gegangen wäre, dann wäre sie ruhig geblieben, aber das Kloster...

Es war schon etwas unheimlich. Sie dachte, dass sie menschliche Arbeit ausbeuten und das Kind ruinieren. Sie hat sogar ziemlich grob mit mir gesprochen. Mein Vater dagegen reagierte ganz ruhig, und auch meine Tante.

Sergej Beresnew

Sergej Beresnew:

Ich gehe seit einigen Jahren ins Kinderheim. Es gibt in meinem Leben eine Periode, in der ich von ziemlich viel Zweifeln gequält wurde. Nach der Beichte riet mir unser Väterchen: “Geh zu den Kindern.” So kam ich hierher. Der Effekt ist offensichtlich - jeden Sonntag am Ende des Tages habe ich eine wundervolle Stimmung. Die Kommunikation mit den Kindern ist eine Erholung, mit ihnen vergisst man alles. Kinder warten auf Ihre Ankunft, wollen kommunizieren, lächeln. Das ist eine große Freude! Am Montag gehe ich ausgeruht zur Arbeit.

Im Gespräch mit den Mitgliedern der Jugendgruppe kam mir mehrmals die abgedroschene Phrase von Dostojewski in den Sinn, dass Schönheit die Welt rettet. Natürlich schrieb Fjodor Michajlowitsch nicht über den äußeren Glanz, sondern über einen guten, sanftmütigen und mitfühlenden Menschen, der fähig ist, fremden Schmerz zu fühlen und darauf zu antworten. Es scheint, dass ich nur jetzt die wahre Tiefe und den Sinn der Worte des Klassikers verstanden habe...

Das Gespräch führte Darja Gontscharowa

15.10.2019

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