Zum Fest der Geburt unseres Herrn und Heilands Jesu Christi (Teil 1)

6. Januar 2023

Weihnachtsikone

Die Festikone und ihre Bezüge zur Heiligen Schrift (Teil 1)

Die Grundvoraussetzung für das Verstehen der orthodoxen Spiritualität, ihrer Gottesdienste, ihrer Ikonen und Gebetstexte ist die Begegnung mit dem Mysterium Gottes in der Person unseres Herrn Jesus Christus. Alles, wirklich alles ist hingeordnet auf das Eintauchen in das göttliche Geheimnis. In immer neuen Bildern, ob in sprachlicher Form durch die Hymnen oder in gemalter Form durch die Ikonen, versuchen wir diesem Geheimnis näherzukommen.

Jedes Fest des Kirchenjahres stellt einen Versuch dar, einzutauchen in das Unaussprechliche, „in die Tiefe und Weisheit Gottes“ – wie der Apostel Paulus formuliert.

Nach orthodoxer Überlieferung besteht der Sinn unseres Lebens darin, Christus ähnlich zu werden, Ihn Gestalt werden zu lassen in uns. Also müssen wir Ihn kennenlernen. Dies tun wir in der Begegnung mit Seinem Wort und seinem Fleisch und Blut in der Göttlichen Liturgie. Hier berühren wir Ihn, richtiger gesagt, Er berührt uns, denn Er neigt sich herab - so wie der Himmel die Erde berührt.

Der Apostel Paulus schreibt im Brief an die Philipper Kap.2, Vers 6 + 7:“ Er, der in göttlicher Gestalt war, hielt es nicht für einen Raub, Gott gleich zu sein, sondern entäußerte sich selbst und nahm Knechtsgestalt an, ward den Menschen gleich und der Erscheinung nach als Mensch erkannt.“ So beschreibt er, was wir an Weihnachten feiern.

Um diese hochtheologische Aussage in seiner ganzen Tiefe erfassen zu können, schufen Hymnendichter und Ikonenmaler ihre Werke – zu Gottes Lobpreis und als Verständnishilfe für uns Menschen.

Bevor wir nun auf die Einzelheiten des Bildes eingehen, wollen wir es als Ganzes betrachten und uns dabei daran erinnern, wie unser Weihnachtsfest in der Kirche entstanden ist und was es aussagen will.

Das Fest der Geburt des Herrn am 25. Dezember, wie wir es kennen, ist wohl um das Jahr 350 zum ersten Mal gefeiert worden. Die gesamte Kirche ist also 300 Jahre lang ohne Weihnachtsfest ausgekommen und die armenische Kirche kennt es bis heute nicht. Wie ist das möglich? Ursprünglich kannte man nur das Fest der Auferstehung des Herrn, das an jedem Sonntag und bald zusätzlich noch besonders einmal pro Jahr begangen wurde. Damit war der Anfang gemacht für das System der jährlich wiederkehrenden Feste, also ein Kirchenjahr. Bald kamen andere solche Jahresfeste dazu, u. a. das Fest der Theophanie, der Erscheinung des Herrn, welches bis heute am 6. Januar begangen wird. Dieses Fest wollte das umfassend verstandene Sichtbarwerden Gottes auf Erden feiern. Man dachte dabei an eine ganze Reihe konkreter Ereignisse aus dem Leben Jesu: Die Verkündigung an die Gottesmutter (welche die Zeugung des Herrn als Mensch signalisiert), die Geburt des Herrn, die Huldigung der Hirten und der Magier aus dem Osten, die Beschneidung, den Auftritt des Zwölfjährigen im Tempel, die Taufe im Jordan und das erste Wunder Jesu bei der Hochzeit zu Kana, aufgrund dessen, wie es heißt, seine Jünger an Ihn glaubten (Jo 2, 11). In den Texten des römischen Stundengebets zum 6. Januar ist von allen diesen Ereignissen, bis heute noch etwas zu spüren.

Aber fast alle diese Heilsereignisse wurden im Laufe der Zeit aus der Feier des Theophanie – Festes ausgegliedert und bekamen ihren eigenen Festtag, bis für den 6. Januar – jedenfalls im Volksbewusstsein – nur mehr die Huldigung der Magier übrig blieb, aus welchen das Volk schon längst drei Heilige Könige gemacht hatte. Unser heutiges Weihnachtsfest ist also eine – wohl die wichtigste – Ausgliederung aus dem ursprünglich mit reicher Fülle ausgestatteten Theophanie – Tag. Es wurde zuerst in Rom gefeiert, aber sehr bald und offenbar sehr bereitwillig fast vom ganzen christlichen Osten übernommen. Es dürfte das einzige der großen Feste sein, das der Westen der Gesamtkirche geschenkt hat. Wie für jedes Fest, so schuf der Osten bald auch für das Weihnachtsfest eine eigene Festliturgie und eine zugehörige Festikone. Beide entwickelten sich im 1. Jahrtausend im Lauf der Jahrhunderte zu der endgültigen Form, in der sie heute noch vor unseren Augen und Ohren erstehen.

Auf der Ikone sehen wir viel Bekanntes: das göttliche Kind, die Gottesmutter, Ochs und Esel, Hirten, Engel, den Stern von Bethlehem, die Magier, den hl. Josef. Wir sehen auch Figuren, die wir auf den ersten Blick nicht leicht identifizieren können. Aber auch die uns vertrauten Bestandteile des Bildes sind so angeordnet und dargestellt, dass sie fremdartig wirken: Das Kind liegt nicht auf Heu und Stroh in einer Krippe, sondern ist unglaublich fest zusammengeschnürt und liegt auf einem harten Kasten ohne weiche Unterlage. Dieser Kasten steht auch nicht in einem Stall, sondern in einem finsteren Loch, welches wie ein Einbruch inmitten einer seltsamen Berglandschaft wirkt. Die Gottesmutter kniet oder steht nicht vor dem Kind, sondern liegt unverhältnismäßig groß auf einer Art Schlafsack vor der Höhle am Berg. Noch merkwürdiger berührt die Gestalt des heiligen Josef. Statt das Kind freudig anzubeten, sitzt er ein Stück abseits und starrt grüblerisch vor sich hin. Die einzigen, die bei der Sache zu sein scheinen, sind der Ochs und der Esel. Übrigens fällt auf, wie lächerlich klein sie wirken im Vergleich zum großen Leib der Gottesmutter. Eins ist klar: Das Bild stellt zwar eine historische Begebenheit dar, aber es legt keinerlei Wert auf wirklichkeitsgetreue Darstellung. Man kann sich denken, dass das nicht am schlechten Augenmaß des Malers liegt, sondern im Interesse einer ganz bestimmten Aussage steht. Die Ikone will ja nicht nur berichten, sondern das Berichtete auch erklären.

Den Schlüssel für die meisten Rätsel, die uns das Bild aufgibt, bekommen wir in die Hand, wenn wir uns der unbekannten Figur im härenen Gewand zu wenden: Es ist der Prophet Jesaja.

„Aus Isais Stumpf aber sprosst ein Reis, und ein Schössling bricht hervor aus seinem Wurzelstock.“ So beginnt Kapitel 11 seines Buches in der Heiligen Schrift. Die Kirche hat seit frühester Zeit diesen Vers auf die Gottesmutter und ihr Kind gedeutet. Isai war der Vater Davids. Dem David aber hatte Gott versprochen, dass das Zepter über Israel ihm und seiner Familie für immer bleiben würde. Und doch war das Unglaubliche geschehen: Das Königtum in Juda war zerstört worden. Die Davidsdynastie war gefällt worden wie ein Baum und übrig blieb ein Stumpf. Der Prophet aber hatte vorausgesagt, dass dies nicht das Ende sei, sondern ein neuer Trieb aus dem alten Weinstock des Isai hervorsprossen werde, welcher sich seines Volkes annehmen werde, der Gesalbte des Herrn, der Messias (vgl. Apk 22,16b). Dieser neue Trieb ist auf der Ikone gemalt und Jesaja steht neben diesem seinem Kennzeichen bereit, um uns das ganze Bild zu deuten. Wir brauchen nur sein Buch zu lesen und zu sehen, wie sich nun alles erfüllt, was dort geschrieben steht: „Seht, die Jungfrau wird empfangen und einen Sohn gebären und seinen Namen Immanuel nennen.“ (Jes 7, 14) steht da. Schon der Evangelist Matthäus hat diesen Vers zitiert (Mt 1, 23) und erkannt, dass damit die Gottesmutter und ihr göttliches Kind gemeint waren. Die Gottesmutter selbst blickt im Bilde auf Jesaja, was wohl bedeuten soll, dass sie über seine Prophezeiung nachdenkt und diese auf sich und ihr Kind bezieht. Ihre Jungfräulichkeit wird angedeutet durch die drei Sterne auf ihrer Stirn und den beiden Schultern. Sie sind auf allen Ikonen untrügliche Kennzeichen der Gottesmutter. Wie von der Geburt erschöpft, liegt sie auf einer Art Schlafsack, wie er damals im Vorderen Orient üblich war. Auch diese Körperhaltung der Gottesmutter – uns ungewohnt – hat einen theologischen Sinn. Sie liegt, „damit die Menschwerdung Gottes nicht als eine nur scheinbare verdächtigt werde“, wie der byzantinische Gelehrte Nikolaos Mesarites sagte. Man soll sehen, dass sie eine menschliche Mutter ist, welches ein echtes Menschenkind geboren hat, nicht einen Engel oder einen Schatten. Dieses Menschenkind ist zugleich der „Gott von aller Ewigkeit“ (Romanos der Melode: Weihnachtskontakion). Hinter der Gottesmutter tut sich eine große finstere Höhle auf, in welche das Kind gelegt ist. Über dieser Höhle strahlt das Licht des Sternes von Bethlehem.

Die Szene deutet wiederum der Prophet Jesaja: „Das Volk, das im Finstern wandelt, schaut ein großes Licht, über denen, die im Land der Dunkelheit wohnen, erstrahlt ein helles Licht. Du machst groß ihren Jubel und gewaltig ihre Freude. Denn ein Kind ist uns geboren, ein Sohn ist uns geschenkt; die Herrschaft ruht auf seinen Schultern. Man nennt seinen Namen: Wunderrat, starker Gott, Ewigvater, Friedensfürst. Groß ist die Herrschaft und endlos der Friede für Davids Thron und sein Königreich, das er aufrichtet und festigt in Recht und Gerechtigkeit“ (Jes 9, 1-2. 5-6). Das finstere Loch ist also der gähnende Abgrund der sinnlos dahinvegetierenden Welt, in welcher die Menschen wie im Finstern herumtappen. Mitten hinein in den Schatten des Todes ist das Kind gelegt. Als Mensch geboren werden ist ein Todesurteil. Das Sein des Menschen ist ein Sein auf den Tod hin. Wer geboren wird, beginnt im selben Augenblick zu sterben. Das ist die große Tragik des Lebens und davon will der Mensch erlöst sein. Die Antwort Gottes aber besteht darin, dass er selbst Mensch wird, um als Mensch zu leben und zu sterben. Dann folgt die Auferstehung für Ihn und für alle, denen Er sich gleich gemacht hat. Der griechische Kirchenvater Gregor von Nyssa (335 – 395) hat das so ausgedrückt: „Gott nimmt die Armut meines Fleisches an, damit ich den Reichtum seiner Gottheit empfange“ (PG 36, 325). Das Licht über der Finsternis der Höhle zeigt an, dass Gott nun das Rätsel des Todes durch seine Menschwerdung aufzuhellen beginnt.

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