Vergebung - Sonntag der Butterwoche

3. März 2022

Vesper am Vergebungssonntag

Vesper am Vergebungssonntag

Jetzt sind es nur noch wenige Tage bis zum Beginn der Fastenzeit. Bereits in der Butterwoche, die mit dem Vergebungssonntag endet, gibt es zwei Tage, Mittwoch und Freitag, die separat stehen. Sie folgen bereits der Ordnung der Großen Fastenzeit: An diesen Tagen darf keine Göttliche Liturgie gefeiert werden und die Gottesdienste haben bereits einen deutlichen Bußcharakter, da sie sich auf die Fastenzeit beziehen. Am Mittwoch wird zur Vesper eine schöne Stichira gesungen, die die Fastenzeit begrüßt:    

Der Fasten Frühling stieg empor, der Reue Blüte sproßte auf. So laßt uns denn, ihr Brüder, uns reinigen von jeglicher Befleckung. Laßt jubeln uns dem Lichtspender: Ehre sei dir, einziger Menschenfreund.”

Der Samstag der Butterwoche ist dem Gedächtnis an alle Asketen gewidmet, die im Fasten Erleuchtung fanden. Die Heiligen, deren Beispiel wir folgen sollen, lehren uns den schwierigen Weg, die schwierige Kunst des Fastens und des Bereuens. Wir sind nicht allein, wenn wir mit den Mühen der Fastenzeit beginnen:

“Wohlan, all ihr Gläubigen. Der seligen Väter Chöre lasset uns rühmen in Hymnen. Als Ersten Antonios, Euthymios, den leuchtenden, und jeden einzelnen und alle zumal. Und wie ein anderes Paradies der Wonne wollen wir im Geiste der Reihe nach ihr Leben betrachten, freudig wollen wir singen: Dies sind die Bäume, die unser Gott hat gepflanzt. Sie, die des Lebens unvergängliche Früchte getragen, haben sie Christus gebracht, unsern Seelen zur Speise. Zu ihnen lasset uns rufen: Gottesträger, Glückselige ihr, flehet um unsrer Seelen Errettung.”

Wir haben Helfer und Vorbilder: Wir ehren Euer Beispiel, heilige Väter! Ihr habt uns den wahren Weg gelehrt; Gesegnet seid ihr, weil ihr für Christus gearbeitet habt…

Schließlich kommt der letzte Tag, der gewöhnlich „Sonntag der Vergebung“ genannt wird; aber wir dürfen seinen zweiten liturgischen Titel nicht vergessen: „Die Vertreibung Adams aus dem Paradies“. Dieser Titel fasst eigentlich die gesamte Vorbereitung auf die Fastenzeit zusammen. Jetzt wissen wir, dass der Mensch geschaffen wurde, um im Paradies zu leben, Gott zu kennen und mit Ihm Umgang zu pflegen. Die Sünde beraubte den Menschen dieses glückseligen Lebens, und sein Dasein auf Erden wurde zum Exil. Christus, der Erlöser der Welt, öffnet jedem, der ihm nachfolgt, die Tore des Paradieses, und die Kirche, die uns die Schönheit seines Reiches zeigt, verwandelt unser Leben in eine Pilgerreise in die himmlische Heimat. So werden wir zu Beginn der Fastenzeit dem Adam ähnlich:

“Adam ward aus dem Paradiese verstoßen, weil er gekostet. Darum auch saß er davor und wehklagte jammernd mit mitleid erregender Stimme und sprach: Wehe, was mußt ich erfahren, ich Armer. Einen Befehl des Gebieters nur hab ich verletzt und seh mich dafür aller der möglichen Seligkeiten beraubt. Paradies, du geweihtes, um meinetwillen wardst du gepflanzt und Evas wegen geschlossen. Flehe zu deinem Erschaffer, der auch mich bildete, daß dein Schmelz mich erfülle. Drum sprach auch zu ihm der Erlöser: Nicht will ich meines Gebildes Verderben, nein, will seine Rettung, will, daß es kommt zur Erkenntnis der Wahrheit. Wer zu mir kommt, den stoß ich nicht weg  in die Fremde.”

Das Fasten befreit uns von der Sklaverei der Sünde, von der Gefangenschaft „dieser Welt“. Aber die Lesung des Evangeliums an diesem Sonntag spricht über die Bedingungen dieser Befreiung (Mt 6,14-21).

Die erste Bedingung ist das Fasten: aufhören, die Wünsche und Anforderungen unserer gefallenen Natur als normal zu betrachten; ein Versuch, den Geist vom diktatorischen Willen des Fleisches und der Materie, zu befreien. Aber damit unser Fasten wahrhaftig und authentisch ist, darf es nicht heuchlerisch oder „prahlerisch“ sein. „Damit die Leute nicht merken, dass du fastest, sondern nur dein Vater, der im Verborgenen ist;...“ (Mt 6,18)

Die zweite Bedingung ist Vergebung. „Wenn ihr nämlich den Menschen ihre Sünden vergebt, wird euch auch euer himmlischer Vater vergeben.“ (Mt 6,14). Der Triumph der Sünde, das Hauptmerkmal ihrer Herrschaft in der Welt, sind Streitigkeiten, Meinungsverschiedenheiten, Spaltungen, Hass. Daher ist der erste Durchbruch durch die Festung der Sünde die Vergebung. Sie ermöglicht die Rückkehr zu Einheit, Harmonie, Liebe. Die strahlende Vergebung Gottes selbst wird zwischen mir und meinem „Feind“ leuchten, wenn ich ihm vergebe. Vergeben bedeutet, den in Hoffnungslosigkeit endenden Sackgassen zwischenmenschlicher Beziehungen zu entkommen und sie ganz Christus zu überlassen. Die Vergebung ist ein echter „Einbruch“ des Himmelreiches Gottes in diese, unsere sündhafte und gefallene Welt.

Die Fastenzeit beginnt in der Tat mit der Vesper an diesem Sonntag. Und diese in ihrer tiefen Bedeutung einzigartige und so schöne Vesper wird nicht in vielen unserer Kirchen zelebriert! Aber gerade diese Vesper führt uns ein in die „Stimmung“ der großen Fastenzeit in der Orthodoxen Kirche. Nirgendwo ist seine tiefe Anziehungskraft auf den Menschen besser zu spüren.

Der Gottesdienst beginnt als gewöhnliche, feierliche Vesper, bei der die Priester in hellen Gewänder gekleidet sind. Die Stichira auf „Herr, ich ruf´zu Dir …“ kündigt die bevorstehende Fastenzeit an und danach das nahende Osterfest!

Die Zeit des Fastens lasset uns freudig beginnen. Geistigem Wettkampf wolln wir uns weihn. Die Seele entsühnen, läutern das Fleisch. Fasten laßt uns, wie der Speisen, so auch der Leidenschaft uns enthalten, uns zieren mit den Tugenden des Geistes. Wenn wir in ihnen in Liebe beharren, dann mögen gewürdigt werden wir alle, zu schaun Christi, Gottes allheiliges Leid und das heilige Pascha, frohlockend im Geist.”

Dann folgt wie üblich der Einzug und der Gesang des Hymnus „Freundliches Licht ...“ Dann geht der Zelebrant zum “erhöhten Platz”, hinter den Altar, und verkündet den abendlichen Prokimen, der immer das Ende des einen und den Beginn eines anderen Tages ankündigt. An diesem Abend kündigt das „Große Prokimen“ den Beginn der Fastenzeit an:

“Wende dein Antlitz nicht von deinem Diener ab, denn ich bin betrübt! Erhöre mich bald, rette meine Seele und erlöse sie.”

Hören Sie die besondere Melodie dieses Verses, diesen Schrei der Seele, der plötzlich die Kirche erfüllt: "... ich bin betrübt" - und Sie werden den Ausgangspunkt der Fastenzeit verstehen, bei dem sich in geheimnisvoller Weise Verzweiflung und Hoffnung, Dunkelheit und Licht einander durchdringen. Alle Vorbereitungen sind nun abgeschlossen. Ich stehe vor Gott, vor der Herrlichkeit und Schönheit seines Reiches. Und ich bin mir meiner Zugehörigkeit zu diesem Reich bewusst, ich bin mir bewusst, dass ich kein anderes Zuhause habe, keine andere Freude, kein anderes Ziel; und ich erkenne auch, dass ich aus diesem Königreich in die Dunkelheit und den Kummer der Sünde geworfen bin, und ... "ich bin betrübt"! Und schließlich erkenne ich, dass nur Gott mir in meiner Betrübnis helfen kann, nur Er kann meine Seele befreien und retten. Die Reue ist in erster Linie ein verzweifelter Hilferuf um diesen göttlichen Beistand.

Das Prokimenon wird fünfmal wiederholt. Und damit hat die Fastenzeit begonnen! Helle Gewänder werden durch dunkle Fastengewänder ersetzt, die Lichter ausgelöscht. Wenn der Priester oder Diakon nun die Ektenie beginnt, antwortet der Chor mit seinem Gesang in einer Fastenmelodie. Zum ersten Mal wird das Fastengebet von Ephraim dem Syrer mit den tiefen Verbeugungen gelesen. Am Ende des Gottesdienstes treten alle Gläubigen vor den Priester hin, verneigen sich und bitten um Vergebung, dann bitten sie sich gegenseitig um Vergebung. Mit diesem Ritus der "Vergebung" beginnt die Fastenzeit genau mit einem solchen Akt der Liebe, Einheit und Brüderlichkeit, währenddessen der Chor Osterlieder singt. Wir treten nun eine vierzigtägige Reise durch die Wüste der Fastenzeit an, aber vom Ende dieser Reise her leuchtet bereits das Osterlicht, das Licht des Reiches Christi.

Erzpriester Alexander Schmemann, Die Große Fastenzeit

(Übersetzung aus dem Russischen)

Quelle: Православная энциклопедия «Азбука веры»

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