Das Lächeln der Allheiligen Gottesmutter

30. September 2021

Eine Marienikone im Walde

Eine Marienikone im Walde

Mitten im Walde auf einer kleinen Anhöhe über der Stadt wachte seit vielen Jahren eine Gottesmutterikone in einem winzigen Kapellchen. Von ihrem Platz aus könnte sie weit über das Land blicken und ein bisschen hatte sie auch immer ein Auge auf die Menschen. In den letzten Jahren aber hatte niemand mehr die Bäume und Büsche zurückgeschnitten, und die Allheilige Gottesmutter war hinter Zweigen und Blättern verborgen, immer unsichtbarer geworden. Unsichtbar und ein bisschen vergessen.

Die Leute besuchten sie auch nicht mehr so häufig. Ihnen fehlte die Zeit - und auch die Lust - zu einem Besuch bei der alten Ikone. Ihre Großeltern, Urgroßeltern und Urgroßeltern hatten die Gottesmutter sehr geliebt und verehrt. Fast jeden Tag kamen die Menschen und immer standen frische Blumen in den Tonkrügen zu Füßen der verehrten Ikone. Und fast jeden Tag hatten die Gäste etwas mit der Gottesgebärerin zu besprechen. Sie redeten mit ihr, beteten oder erzählten ihr von Kummer und Nöten, von Glücksmomenten und kleinen Freuden.

Oft saßen die Besucher auch nur stumm zu ihren Füßen oder auf der Steinbank, die ihr gegenüber stand. Zum Nachdenken, Träumen oder Ausruhen waren sie gekommen, denn all das konnte man hier vor dem Abbild der Allgepriesenen Gottesgebärerin tun. Und irgendwie fühlte sich jeder nach einem Besuch bei der alten Ikone zufrieden. Und das war gut so!

Orte zum Reden, Nachdenken, Träumen und Ausruhen suchen die Menschen auch heute. Eigentlich sehnen sie sich mehr denn je danach. Dass die Gottesmutter Platz und Zeit für sie hat, haben die Menschen vergessen oder wissen es einfach nicht. So war es dunkel um sie geworden. Und schattig. Selbst die Sonne konnte nur wenige Minuten am Tag einige Strahlen durch das Blätterdach der Baumkronen zu ihr herabsenden.

"Die traurige Frau im Wald hat gelächelt", erzählte eines Tages ein kleiner Junge. Beim Versteckspiel im Wald hatte er die Ikone entdeckt. Gerade in diesem Augenblick, in dem er das Bild näher betrachtete, hatte ein Sonnenstrahl das Abbild der Gottesgebärerin berührt und ihr ein Lächeln auf Antlitz gezeichnet. Die lächelnde Gottesmutter! Ein Wunder!

Schnell sprach sich diese Nachricht in der Stadt herum und man erinnerte sich wieder an die alte Gottesmutterikone im Kapellchen. Die war nun weniger allein im dunklen Wald, denn jeder wollte dieses Lächeln erblicken und sich ein wenig bei ihr ausruhen.

Und gelächelt hat die Gottesmutter-Ikone stets, wenn ein Sonnenstrahl in der Nähe war...

(Nach einer Geschichte von Elke Bräunling)

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