Das Leben mit Christus darf nicht zur Routine werden

12. September 2021

Vater Andrej Lemeschonok

Das Nadeloehr in Jerusalem

Denken die Menschen häufig nicht über sich, dass sie “normal” leben, sie trinken nicht über die Maßen, rauchen nicht, schlagen ihre Frau nicht, stehlen nicht. Fast könnten sie heilig genannt werden. Oder? Und im heutigen Evangelium haben wir von solch einem guten, rein herzigen jungen Mann gehört, der ein Zusammentreffen mit Gott hat, indem er Christus begegnete (vgl. Mt 19, 16-24; Mk 17, 25; Lk 18, 18-25). Und er erschrak sich. Sünder, Dirnen folgten Christus, er aber bekam es mit der Angst zu tun. Ein Mensch, der schon nichts mehr zu verlieren hat, folgt Christus nach. Aber dieser junge Mann hatte etwas zu verlieren, denn er war reich. Und das Problem ist nicht das Geld, sondern dass er sich als Ehrenmann fühlte, die Leute voller Bewunderung auf ihn schauten und ihn als Beispiel hinstellten. “Schaut, welch ein junger Mann, was für ein Bräutigam! Sowohl rechtschaffend als auch reich ...” Aber Christus schlug ihm vor, alles Irdische zu verlassen, nicht nur den Reichtum, sondern überhaupt alles. Stellen wir uns vor, dass der junge Mann geantwortet haben könnte: “Ja, ich folge dir nach, Herr”, und er tatsächlich in die Nachfolge Christi getreten wäre. Ich denke, dass die Menschen dann sofort ihre Meinung über ihn geändert hätten und gesagt hätten: “Ha, von wegen fromm, er ist ein Schwindler!” Und dann würden sie ihn verfolgen, er wäre niemandem mehr von Nöten, denn er hatte das Reich Gottes ausgewählt. Dies bedeutet also Christus nachzufolgen.

Wir kommen in die Kirche und denken, lass uns beichten, kommunizieren und dann haben wir ein “traumhaftes” Leben. Was für einen “Traum” werden wir haben? Und welchen möchten wir haben? Wir sind gekommen, um zu sterben, damit wir ewig leben werden. Wir sollen sterben für die Sünde, für ein genüssliches geistliches Leben, um schließlich in Ewigkeit mit Christus zu leben. Oder sind wir gekommen, um durchzuatmen, um uns zu erholen, ein wenig zu sich zu kommen, um dann das Leben weiterzuführen, das in dieser Welt üblich ist, zu leben. Aber in dieser Welt gibt es ein Gesetz: Auge um Auge, Zahn um Zahn. “Du bist zu mir gut, dann bin ich zu dir gut. Du verdienst gutes Geld, also liebe ich dich. So lautet unser Ehevertrag…” Aber dann ist es vorbei mit dem großen Geld, und einer der Eheleute sagt: “Man hat mich entlassen, jetzt bin ich arbeitslos.” Oder: “Ich mußte den Arbeitsplatz wechseln, jetzt verdiene ich zweimal weniger.” Oder: “Ich bin erkrankt, muss wahrscheinlich länger ins Krankenhaus, ich muss etwas in meinem Leben verändern…” Oft verfliegt dann die Liebe, nicht immer, aber oft.

Ich habe Menschen gesehen, die haben sich von ihren Geliebten getrennt, denn sie waren schon etwas “verbraucht”, das heißt sie haben schon keinerlei Nutzen mehr gebracht. Man musste ihnen helfen, hinter ihnen aufräumen. Aber der Ehemann dachte: “Ich bin noch jung, vor mir liegt noch so viel Interessantes, da kann ich sicher auch noch was anderes finden.” Dann haben sie ihre Ehefrauen rausgeschmissen, und das war sehr bitter ... Aber diese Menschen waren bewundernswert. Im Hospiz lag eine noch recht junge Frau. Sie sollte bald sterben. Alle hatten sie verlassen, der Mann und auch die Kinder. Aber ich fragte sie: “Na, wie fühlen Sie sich jetzt? Sind sie verzweifelt oder verärgert?” Da schaute mich diese Frau mit solch reinen, schönen Augen an und sagte: “Väterchen, ich habe schon alles durchlitten, ich kann jetzt Gott nur noch für alles danken!” Für mich war das eine Begegnung mit einem heiligen Menschen. Aber wie gewinnt man Heiligkeit? “Folge mir …” Alle haben sie verlassen, aber Christus hat sie nicht aufgegeben. Und dann ist Christus schon wahrhaft in uns, dann teilen wir nicht mehr unser Herz, indem wir etwas ihm übergeben und das andere für uns behalten. Und das ist wirklich beeindruckend.

Und deshalb war auch der junge Mann, von dem wir heute im Evangelium gehört haben, verängstigt, denn dann wäre auch sein ruhiges Leben zu Ende gewesen.

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