
Schwester Leonilla fand mit 45 Jahren zu Gott und schloss sich der Gemeinde der St. Peter und Paul - Kathedrale an, die in den 1990er Jahren gerade wiedereröffnet worden war. Schließlich wurde sie Mitglied der Schwesternschaft des Klosters zu Ehren der Heiligen Elisabeth Romanowa. Wie sieht sie die Auswirkungen ihres Dienstes auf das Leben anderer und ihr eigenes? Wie hat ihre Hinwendung zu Gott ihre Sichtweise geprägt? Wir haben Schwester Leonilla interviewt, um dies herauszufinden.

Viele Menschen entdecken Gott in schweren Zeiten, im Kampf gegen eine Krankheit oder tiefen Kummer. Wie haben Sie Gott gefunden? Und was hat Sie zu ihm geführt?
Für die meisten Menschen ist es äußerst schwierig, echten Glauben an Gott zu finden. Heutzutage muss man oft viel Leid erfahren, bevor man überhaupt anfängt, über ein Leben im Glauben nachzudenken. Dennoch würde ich nicht sagen, dass ich aufgrund von Kummer, Tragödie oder Krankheit zum Glauben gekommen bin. Gott zu finden hängt auch davon ab, ob wir in unserem Leben jemandem mit echtem Glauben begegnen, der uns den Weg zur Wahrheit weist.
Für mich war es meine Großmutter Agatha. Sie hatte acht Kinder, von denen sechs überlebten. Die meisten studierten und wurden Atheisten und Kommunisten. Das waren noch Zeiten! Und ich selbst … Als ich geboren wurde, nannten mich meine Eltern Eleanor zu Ehren von Eleanor Roosevelt. Aber meine Großmutter sagte immer: „Du bist nicht Eleanor! Dein Taufname ist Leonilla!“ Diesen Namen trage ich seit meiner Taufe vor dreißig Jahren.
An der Universität war ich eine überzeugte Atheistin. Ich war eine junge Kommunistin und leitete die studentische Gruppe der jungen Kommunisten in meinem Studiengang. Ich war die einzige Studentin, die bei der Prüfung im Fach wissenschaftlicher Atheismus die Bestnote erreichte. Ich war sehr stolz. Irgendwann wurde ich 45. Mein Schwiegervater war Erzpriester in Samara, Russland, und wir entschieden uns, unsere jüngste Tochter in seiner Kirche taufen zu lassen. Sie wurde 1979 geboren, und wir konnten erst 1990 dorthin reisen. Als wir ankamen, fragten mich unsere Verwandten in Samara: „Glaubst du an Gott?“ Ich antwortete voller Überzeugung: „Natürlich!“ „Gehst du in die Kirche?“ „Noch nicht, aber ich werde es tun“, erwiderte ich.

In Minsk arbeitete ich für die Stadtplanungsbehörde und war für die Flächennutzungsplanung der Hauptstadt und die Einhaltung der Umweltauflagen zuständig. Wir integrierten die Kirche des Schutzes der Mutter Gottes in den Stadtentwicklungsplan, wo wir später als Schwesternschaft wirkten. Nach meiner Pensionierung konzentrierte ich mich ganz auf meinen Dienst in der Gemeinschaft. Ich entdeckte Gott, als ich bereit dafür war. In meinem ersten Studienjahr suchte ich nach dem Sinn meines Lebens, und meine Kommilitonen neckten mich deswegen. Ich fragte mich: „Wie kann es sein, dass jemand ein Leben lebt, für eine Sache kämpft und arbeitet und dann stirbt und begraben wird?“ Ich konnte mir das einfach nicht vorstellen. Als ich meine ehemaligen Kommilitonen fünfzig Jahre später wieder traf, fragten sie mich erneut: „Hast du endlich den Sinn deines Lebens gefunden?“ Ich sagte: „Tatsächlich ja.“ „Das erkennen wir!“, antworteten sie. „Man sieht es dir an!“
Wie hat Ihre Familie Gott gefunden? Gab es auf ihrem Weg auch Kummer?
Meine ganze Familie – meine Töchter, meine beiden Schwiegersöhne und meine Enkelinnen – sind gläubig. Ich bin so glücklich! Schon als kleines Mädchen betete meine Enkelin auf dem Weg zum Kindergarten das ganze Morgengebet. Mit fünfzehn Jahren ging sie nicht mehr in die Kirche, aber unsere Pfarrer sagen uns, wir sollen nicht den Mut verlieren. Sie meinen, wir sollen ihr Zeit geben.
Meine jüngere Tochter heiratete einen Absolventen der Moskauer Technischen Universität, und sie leben jetzt im Moskauer Umland. Das erste Mal bekreuzigte er sich und stand in einer orthodoxen Kirche bei seiner kirchlichen Trauung im Kloster der Hl. Elisabeth. Er ist inzwischen ein engagierter Gläubiger und hat beim Bau einer Kirche in ihrem Wohnort mitgeholfen.
Wissen Sie, wie er meine Tochter kennengelernt hat? Sie hatte gerade ihr Studium an der Fremdsprachenuniversität in Minsk abgeschlossen. Weder er noch sie waren sogenannte Partygänger. Deshalb machten sie sich Sorgen, dass sie ihr Leben lang Single bleiben und nie jemanden zum Heiraten finden würden. Aber ich beruhigte meine Tochter, sie sei ein netter Mensch, und ihr Traummann würde sie schon finden. Und so war es auch. Eine Freundin besuchte Minsk mit ihrem Neffen aus der Moskauer Region. Sie kam kurz bei mir vorbei. Ihr Neffe interessierte sich für meine Tochter. Er erbat sich ihre Telefonnummer und blieb daraufhin mit ihr in Kontakt. Einige Zeit später kam mein zukünftiger Schwiegersohn nach Minsk, lud meine Tochter und mich zu einem Besuch ein und stellte uns seinen Eltern vor. Nach einem Jahr heirateten sie glücklich und gaben sich auch kirchlich das Ja-Wort. Sie haben mittlerweile drei Kinder.
Meine älteste Tochter ist Violinistin und professionelle Sängerin. Ihr Mann besuchte heimlich eine kleine Kirche im Nordosten von Minsk und dort vollzog er mit meiner Tochter einige Jahre nach standesamtlichen Hochzeit auch die kirchliche Trauung.
Apropos Kummer: Die Begegnung mit Gott macht unser Leben nicht leichter. Der Herr hat uns gelehrt, unseren Kummer gelassen zu ertragen. Ich lerne das schon seit dreißig Jahren. Kummer gehört zu unserem irdischen Leben, und wenn wir keinen hätten, wäre das ein Grund zum Nachdenken. In all den Jahren meines Dienstes in der Schwesternschaft habe ich eines verstanden: Wir stehen nicht an den Verkaufsständen, um genug Waren zu verkaufen oder unserer Oberin zu gehorchen.
Beides sollen wir tun, aber unsere wichtigste Aufgabe ist es, mit dem Schmerz und dem Kummer jedes Menschen mitzufühlen, der zu uns kommt.
Früher war es gängige Praxis, die Menschen davon zu überzeugen, dass Religion und Glaube etwas für Schwache und Rückständige seien. Heute ist dieses Klischee weitgehend verschwunden.

Wie hat Ihr Dienst in der Schwesternschaft zu diesem Wandel beigetragen?
Als Metropolit Philaret uns seinen Segen gab, sagte er: „Eure wichtigste Aufgabe ist es, jeden Menschen, der vor euch tritt, zu lieben und seine Sorgen zu euren eigenen zu machen.“ Vater Andrej bemerkte daraufhin: „Die Menschen spüren in ihren Herzen, wie ihr sie wahrnehmt. Sie sollen die Wahrheit in unseren Augen sehen; wenn sie Heuchelei erkennen, gehen sie weiter. Die Menschen spüren die Energie, die von euch ausgeht.“ Die Menschen wollen gehört werden; sie sehnen sich nach Wärme und Mitgefühl. Fast 15 Jahre lang widmeten wir uns unserem Dienst in der Gwardejskaja-Straße in Minsk. Wir sammelten Spenden. Ein Großteil der Bewohner dieses Viertels sind Intellektuelle. Wir verbrachten viele Stunden in Gesprächen mit den Dekanen der Universitätsfakultäten über die Erziehung der jungen Generationen. Ich erlebte auch, wie sich diese Menschen tiefgreifend veränderten. Anfangs waren viele von unserer Anwesenheit befremdet, doch dann öffneten sich ihre Herzen, sie begrüßten uns herzlich und hinterließen uns Gebetszettel. Ich sehe einen enormen Wandel in den Herzen der Menschen und in ihrer Weltsicht. Das ist vor allem Gottes Werk.
In unmittelbarer Nähe befinden sich zwei bekannte Hotels. Sie sind besonders bei Schauspielern und Filmregisseuren beliebt, die zu Filmfestivals und anderen Veranstaltungen nach Minsk kommen. Ich hatte Gelegenheit, mit vielen von ihnen zu sprechen. Sie haben Bücher bestellt, Fragen gestellt und ihre Sicht auf die Kirche hat sich verändert.
Wie hat die Schwesternschaft Ihr Leben verändert, und was würden Sie der nächsten Generation von Schwestern raten?
Das Kloster und die Schwesternschaft sind mein Leben; sie sind Balsam für meine Seele und eine Quelle der Ruhe. Ich bin nicht mehr so fit wie früher und kann daher nicht mehr zu jeder Vigil kommen. Sechs Stunden lang zu stehen fällt mir zu schwer, aber ich kann auch nicht einfach sitzen bleiben, wenn ich „Im Namen des Vaters…“ höre.

Mit unseren Vätern, den Priestern, sind wir zu einer Familie zusammengewachsen. Vater Andrej Malachowskij taufte alle vier meiner Enkelinnen, traute meine jüngere Tochter und meinen Schwiegersohn, leitete die Trauerfeier für meinen Mann und ist der geistliche Vater meines anderen Schwiegersohns. Auch die Väter Alexander und Walerij gehören zu unserer alten Garde. Ich erinnere mich an Vater Oleg Kowalenko als kleines Kind – er wuchs bei uns in der Schwesternschaft auf. Heute ist er ein angesehener Priester. Auch Vater Rodion Alchovik entwickelte sich geistlich in der Klosterfamilie. Viele Kinder unserer Schwestern haben im Priesterseminar studiert und sind Priester oder Mönche geworden.
Die neue Generation der Schwestern hat ein etwas anderes Fundament. Sie sind gut ausgebildet, fleißig und kenntnisreich. Aber ich glaube, dass die Hauptsache für einen erfolgreichen Dienst immer noch ein großes Herz ist. Die Menschen suchen nach Mitgefühl und Tiefe, und sie möchten beides in unseren Augen sehen. Sie möchten Wärme, Fürsorge und Güte sehen und erleben.