Hirtenwort des Patriarchen Kyrill zu Mt 14, 13 - 22

30. Juli 2023

Patriarch Kyrill

Als Jesus all das hörte, fuhr er mit dem Boot in eine einsame Gegend, um allein zu sein. Aber die Leute in den Städten hörten davon und gingen ihm zu Fuß nach. Als er ausstieg und die vielen Menschen sah, hatte er Mitleid mit ihnen und heilte die Kranken, die bei ihnen waren. Als es Abend wurde, kamen die Jünger zu ihm und sagten: Der Ort ist abgelegen und es ist schon spät geworden. Schick doch die Menschen weg, damit sie in die Dörfer gehen und sich etwas zu essen kaufen können. Jesus antwortete: Sie brauchen nicht wegzugehen. Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten zu ihm: Wir haben nur fünf Brote und zwei Fische bei uns. Darauf antwortete er: Bringt sie her! Dann ordnete er an, die Leute sollten sich ins Gras setzen. Und er nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, sprach den Lobpreis, brach die Brote und gab sie den Jüngern; die Jünger aber gaben sie den Leuten, und alle aßen und wurden satt. Als die Jünger die übrig gebliebenen Brotstücke einsammelten, wurden zwölf Körbe voll. Es waren etwa fünftausend Männer, die an dem Mahl teilnahmen, dazu noch Frauen und Kinder. Gleich darauf forderte er die Jünger auf, ins Boot zu steigen und an das andere Ufer vorauszufahren. Inzwischen wollte er die Leute nach Hause schicken.

Das Wunder der Brotvermehrung

Eine kritische Einstellung zum Wunder als solchem entsteht im menschlichen Bewusstsein daher, weil das Wunderbare aus unserer Alltagserfahrung gleichsam herausfällt, weil es der Logik des Lebens und dem sogenannten gesunden Menschenverstand widerspricht. Vermutlich reagieren viele auch so auf die hier zitierte Textstelle. Der allmächtige Gott ist nicht allein der Schöpfer des Universums, sondern auch der es regelnden Naturgesetze. Gott ist primär und das All, das Universum sowie die Naturgesetze sind sekundär. Wird uns diese Abhängigkeit bewusst, dann können wir das Wunder plötzlich anders sehen. Mit Seiner Kraft vermag Gott das Wirken der Gesetze der physischen Welt zu überwinden, anzuhalten oder zu verändern. Bei dem Wunder der Brotvermehrung zeigt der Herr Seine Barmherzigkeit für jene, die schwach waren, Er hatte Mitleid mit den Menschen, die Ihm nachgefolgt waren in eine unbewohnte, öde Gegend und die jetzt Hunger litten.

Und das Volk? Nachdem sie auf wunderbare Weise gesättigt worden waren, begriffen die Menschen, dass Jener, Der sie genährt hatte, über noch ganz andere, übernatürliche Fähigkeiten verfügte. Was ist schon ein Herodes dagegen, ein galiläischer König, der nur herrschen kann, wenn er sich auf die römischen Legionen stützt? Hier unter uns ist doch Der, Welcher Seinem Volk die Befreiung bringen wird! Wenn Er uns alle satt machen konnte, dann heißt das, dass alles nur von Seinem Willen abhängt. Und es folgt de ganz natürliche Reaktion: Die Leute wollen Jesus zum König ausrufen!

Man möchte meinen, dass es noch einen anderen, viel gewichtigeren Grund gab, Jesus zum Herrschen zu berufen. Seinen Zuhörern hat der Erlöser derart tiefe Wahrheiten geoffenbart, die für das Erlangen der ganzen Fülle des menschlichen Lebens so wichtig sind, dass das Volk in einem einzigen Begeisterungssturm hätte ausrufen müssen: “Hier ist unser lang ersehnter Meister, folgen wir Ihm, wohin Er uns zu gehen heißt!” Aber nein. Erst nachdem die Menschen sich satt gegessen und damit das in jenem Augenblick dringlichste Bedürfnis befriedigt hatten, beschlossen sie aus einer “Verbraucher-Mentalität” heraus gerade Ihn, - und nur Ihn, - als ihren König auszurufen …

Das Wunder der Brotvermehrung

Liegt aber nicht vielleicht mehr Wahrheit und eine größere Barmherzigkeit zum Menschen in anderen Worten, in jenen nämlich, die unser Herr Jesus Christus in seinem Herzen getragen hat, als Er vierzig Tage in der Wüste fastete: “Der Mensch lebt nicht nur von Brot, sondern von jedem Wort, das aus Gottes Mund kommt.” (Mt 4,4)? Und gewiss dieses ist es, was die große und tragische Erfahrung des christlichen Märtyrer- und Bekennertums in Russland im 20. Jahrhundert so anschaulich bezeugt. Es erstaunt einen immer aufs Neue, wie wenig sich die Menschen in den zwei Jahrtausenden, die seit der Verkündigung der Frohbotschaft des Herrn vergangen sind, in ihrer Masse verändert haben. Denn auch der moderne Mensch hat fast dieselbe Psychologie, die gleiche Einstellung, wie die Einwohner des alten Galiläa, die den Herrn nur deswegen zum König küren wollten, weil Er sie satt gemacht hat.

Und Jesus zieht sich von ihnen an einen einsamen Ort zurück. So wie Jesus seinerzeit die Versuchung des Teufels abgewiesen hatte, der Ihm die Herrschaft über diese Welt anbot, ebenso hat Er auch jetzt den Wunsch des Volkes, Ihn zum König auszurufen, nicht akzeptiert. Denn Sein Reich ist nicht von dieser Welt. Auf diese Weise verlieren die scheinbar unbestrittenen Werte dieser Welt an Glanz, wenn sie von den Strahlen der Göttlichen Wahrheit und Gerechtigkeit erleuchtet werden, - und sie werden zur Asche fruchtloser Hoffnungen!

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