Predigt am 24. Sonntag nach Pfingsten Pfingsten (Lk 12, 16-21)

5. Dezember 2021

Metropolit Antonij von Surosch

Trauer um einen geliebten Menschen

Trauer um einen geliebten Menschen

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Christus sagt, sich an den Mann wendend, der seinen Reichtum zu retten versucht, als sei er untrennbar mit ihm verbunden: „Du Tor, in dieser Nacht noch wird man dein Leben von dir fordern, und was dann?...“ Uns allen steht der Tod vor Augen, daran erinnert uns auch auf Schritt und Tritt das Evangelium. Aber es erinnert uns nicht daran, um uns Angst zu machen, sondern um dem Leben eine neue, sonst völlig unzugängliche Tiefe zu geben. Wir leben oberflächlich, wir leben mit eine ungeheuren Anzahl Sachen, die ziemlich belanglos sind, sogar für unser menschliches Herz, für unseren menschlichen Verstand. Wie viele leere, unnütze, unfruchtbare Gedanken kommen uns in den Sinn an nur einem Tag unseres Lebens. Wie viele Gefühle folgen in unserer Seele aufeinander und hinterlassen keine tieferen Spuren, sondern sie kommen einfach so, ohne Grund, wie die Wolken am Sommerhimmel. Dies ist alles ziemlich unwichtig für den Menschen, das heißt für jeden von uns, und der Herr erinnert uns beständig sowohl im Evangelium wie auch im Leben daran, dass der Tod so unglaublich nah ist. Nur er kann alles ordnen.

Ich erinnere mich an die Zeit, als meine Mutter verstarb. Wir beide wussten von diesem Sterben, sie kam zu uns und lebte drei Jahre mit uns zusammen. In diesen drei Jahren wurde uns folgendes klar. Gerade weil der Tod uns nah bevorsteht, ist das Leben so kostbar. Nicht in dem Sinne, dass man dafür kämpfen muss, um nicht zu sterben, sondern in dem Sinne, dass der ganze Lebensinhalt eine solche Tiefe erreichen kann, wie zu erschaffen,es nur dem Tod möglich ist. Jedes gesprochene Wort kann das letzte sein. Womöglich wird es ein leeres, nichtiges oder schlimmer noch ein aufreizendes, bitteres, böses, zerstörerisches Wort sein? Jede Handlung kann die letzte sein. Womöglich kann jede Handlung Ausdruck, Verwirklichung des Tiefsten, des Wundervollsten sein, dass in den Beziehungen zwischen Menschen existiert. Wir vergessen das, denn wir meinen, dass wir noch soviel Zeit haben, unsere Fehler auszumerzen, die seelischen Wunden zu heilen, den Menschen zu trösten. Aber es könnte auch zu spät sein und der Eine oder Andere stirbt…

Dann ist es zu spät, dann kannst du dich an Gott wenden, der unser Friedensstifter ist. Für einige Sachen ist es tatsächlich zu spät. Es ist zu spät zum Trösten, zum Liebkosen, zum Freude bereiten, es ist zu spät dem Menschen das letzte Glück auf Erden zu geben… In diesem Sinne ist der Tod für uns die Erinnerung daran, dass das Leben, das wir für unbedeutend erachten, eine unglaubliche Tiefe besitzt. Der Tod wurde uns vor Augen geführt durch das Evangelium, durch Christus, durch das Leben selbst, nicht um uns zu ängstigen, sondern nur damit wir bewusster leben, leben gemäß des ganzen weiten, feinfühligen menschlichen Herzens, der großartigen, verständigen menschlichen Vernunft.

Deshalb werden wir für die Schatzkammer des Herzens, des Verstandes sammeln. In der Schatzkammer des Lebens gibt es nichts Unnützes, nichts Belangloses. Stellen wir uns die folgende Frage bei jeder Begegnung, in all unseren menschlichen Umständen, in unserem Verhalten gegenüber jedem Menschen und gegenüber allem im Leben: „Wie würde ich handeln, wenn dies sein oder mein letzter Augenblick wäre. Welches Wort würde ich sagen, welche Handlungen begehen, wer wäre ich im Verhältnis zu ihm, zu ihr, zu ihnen?“ Wenn wir uns dessen bewusst werden, o Gott, wie tiefgründig und bedeutend wird unser Leben, wie bedeutend wird jeder Mensch und wie viele Taten wird es geben, die würdig sind unseres menschlichen Lebens, unserer menschlichen Größe und der Großartigkeit unseres Gottes! Amen.

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