Predigt am Sonntag des Gelähmten

15. Mai 2022

Heutiger Zustand des Teiches Betheda in Jerusalem

Heutiger Zustand des Teiches Betheda in Jerusalem

Metropolit Antonij von Surosch

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Wie tragisch ist die heutige Geschichte aus dem Evangelium. Ein Mann war jahrelang gelähmt. Er hat in unmittelbarer Nähe der Möglichkeit seiner Heilung gelegen, aber er selbst hatte keine Kraft, in das heilende Wasser einzutauchen. Und niemand – niemand in all den Jahren – hatte Mitleid mit ihm gehabt.

Die einen eilten um die Ersten zu sein, die geheilt werden. Andere, die ihnen durch Liebe und Freundschaft verbunden waren, halfen ihnen, Heilung zuerlangen. Aber niemand warf einen Blick auf diesen Mann, der sich jahrelang danach sehnte, geheilt zu werden und nur aus sich heraus keine Kraft fand, wieder gesund zu werden.

Wenn nur eine Person dort gewesen wäre, wenn nur ein mitfühlendes Herz reagiert hätte, wäre dieser Mann vielleicht einige Jahre früher geheilt worden. Da niemand, nicht eine Person, Mitleid mit ihm hatte, blieb ihm nur das direkte Eingreifen Gottes – und ich sage dies mit Schrecken: Das alles, was ihm blieb, das direkte Eingreifen Gottes war.

Wir sind umgeben von Menschen, die in Not sind. Nicht nur körperlich gelähmte Menschen brauchen Hilfe. Es gibt so viele Menschen, die in ihrem Innern, in sich selbst gelähmt sind und jemanden treffen müssen, der ihnen hilft. In sich gelähmt sind sie durch ihre Lebensangst, weil das Leben für sie seit ihrer Geburt ein Objekt des Schreckens ist: unsensible Eltern, herzlose, brutale Umgebung. Wie viele haben gehofft, als sie noch klein waren, dass es etwas für sie im Leben geben würde. Aber nein. Es gab nichts. Es gab kein Mitgefühl. Es gab keine Freundlichkeit. Da war nichts. Und als sie versuchten, Trost und Unterstützung zu erhalten, erhielten sie sie nicht. Wann immer sie dachten, sie könnten etwas tun, wurde ihnen gesagt: „Versuch es nicht. Verstehst du nicht, dass du dazu nicht fähig bist?' Und sie fühlten sich mehr und mehr erniedrigt.

Heilung des Gelähmten

Illustration: Heilung des Gelähmten

Wie viele konnten kein erfülltes Leben führen, weil sie körperlich krank und nicht stark genug waren … Aber haben sie jemanden gefunden, der sie unterstützt? Haben sie jemanden gefunden, der ein so tiefes Mitgefühl für sie empfand, dass er sich alle Mühe gab, um zu helfen? Und wie viele Menschen, die Angst vor dem Leben haben, lebten unter Umständen der Angst, der Gewalt, der Brutalität … Aber all das hätte sie nicht ertragen müssen, wenn es jemanden gegeben hätte, der ihnen beigestanden und sie nicht verlassen hätte.

Wir sind also alle von Menschen umgeben, die sich in der Situation dieses Gelähmten befinden. Wenn wir an uns selbst denken, werden wir sehen, dass viele von uns gelähmt sind, unfähig, ihre Wünsche zu erfüllen; unfähig, das zu sein, wonach sie sich sehnen, unfähig, anderen so zu dienen, wie es ihnen ihr Herz sagt; unfähig, irgendetwas zu tun, wonach sie sich sehnen, weil Angst, Zerbrochenheit in sie eingedrungen ist.

Und wir alle, wir alle waren für jeden von ihnen verantwortlich. Wir sind gegenseitig füreinander verantwortlich; denn wenn wir rechts und links auf die Menschen blicken, die uns zur Seite stehen, was wissen wir dann über sie? Wissen wir, wie kaputt sie sind? Wie viel Schmerz es in ihren Herzen gibt? Wie viel Qual es in ihrem Leben gab? Wie viele zerbrochene Hoffnungen, wie viel Angst und Ablehnung und Verachtung, die sie dazu gebracht haben, sich selbst zu verachten und sich selbst nicht mehr zu respektieren – ganz zu schweigen davon, den Mut zu haben, sich auf die Ganzheit zuzubewegen, jene Vollkommenheit, von der das Evangelium in diesem Abschnitt und an so vielen anderen Orten spricht?

Ikone Heilung des Gelähmten

Ikone: Heilung des Gelähmten

Lassen Sie uns darüber nachdenken. Schauen wir einander an und fragen uns: „Wie viel Gebrechlichkeit steckt in ihm oder ihr? Wie viel Schmerz hat sich in seinem oder ihrem Herzen angesammelt? Wie viel Lebensangst ist in mein Dasein getreten, wobei das Leben durch meinen Nächsten, durch die Menschen, die in mein Leben treten, ausgedrückt wird?

Schauen wir einander mit Verständnis und Aufmerksamkeit an. Christus ist da. Er kann heilen! Ja. Aber wir sind füreinander verantwortlich, denn es gibt so viele Möglichkeiten, wie wir die Augen Christi sein sollten, die die Not sehen, die Ohren Christi, die den Schrei hören, die Hände Christi, die unterstützen und heilen oder es dem zu heilenden Menschen ermöglichen.

Betrachten wir dieses Gleichnis vom Gelähmten mit neuen Augen. Ich denke nicht an diesen armen Mann vor zweitausend Jahren, der so glücklich war, dass Christus zufällig in seiner Nähe war und am Ende tat, was jeder Nächste hätte tun sollen. Lasst uns einander anschauen und Mitgefühl haben, aktives Mitgefühl, Verständnis, Liebe, wenn wir können. Denn dann ist dieses Gleichnis nicht umsonst erzählt worden und dieses Ereignis hat nicht umsonst stattgefunden. Amen.

CHRISTUS IST AUFERSTANDEN! ER IST WAHRHAFT AUFERSTANDEN!

(21. Mai 2000)

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