
Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.
Ich will eure Aufmerksamkeit auf zwei Dinge lenken. Jedes Mal wenn wir das Evangelium lesen, sei es nun zu Hause oder in der Kirche, sind wir uns dann bewusst, dass wir die gleichen Worte wiederholen, die Christus hier auf Erden gesprochen hat... Nicht auf der Sprache, die Er gesprochen hat, nicht mit der Stimme, mit der Er gesprochen hat. Aber eben jene Worte, die Gott selbst auf Erden mit menschlicher Stimme in einer menschlichen Sprache gesprochen hat.
Und diese Worte machen die menschliche Sprache selbst heilig. Diese Worte hat Christus ausgesprochen, und sie erklangen mit einer menschlichen Stimme – waren aber die Worte selbst des Lebendigen Gottes, der Mensch geworden war; und diese Worte hörte der Erdkreis: diese dezenten, leisen, tiefgründigen Worte erklangen in der ganzen Welt…
Und wenn wir das Evangelium laut lesen, ist es schrecklich zu denken, dass der ganze Erdkreis es mit Ehrfurcht und in heiligem Schrecken aufnimmt, darüber erstaunt, dass Gott selbst, der unsichtbar, unerforschlich ist, unser Gott, in unserer geschaffenen Sprache spricht. Und wie traurig ist es zu denken, dass die einzigen Menschen, zu denen diese Worte oft nicht gelangen, jene sind, an die sie gerichtet wurden, in deren Sprache sie ausgesprochen wurden, jene Menschen, derentwegen Christus Gott Mensch wurde…
Wie ehrfürchtig sollten wir zuhören, nur zuhören! Wenn selbst wir nicht im Stande sind, die Tiefe zu verstehen, wenn wir nicht im Stande sind, die Größe zu ermessen und den mitunter erschreckenden Aufruf dieser Worte zu beantworten, wie ehrfürchtig sollten wir auf sie hören und erkennen, dass dies Gottes eigene Worte auf menschlicher Sprache sind, die zu uns kamen und in der ganzen Welt zu hören sind.
Der Heilige Johannes Chrysostomos sagt, dass, wenn wir eine Seite des Evangeliums ehren möchten, dann sollten wir beten, damit der Herr uns unseren Verstand reinige, unser Herz, unseren Willen lenke, - ja, wir sollten die Hände waschen, mit denen wir dieses Heilige Buch berühren! – mit unserem ganzen Wesen zuhören… Der Hl. Seraphim sagte, dass man das hl. Evangelium auf Knien lesen muss, denn Gott spricht. Wenn der Lebendige Gott fühlbar, wahrnehmbar mit uns spräche, dann würden wir nicht länger stehen, sondern wir würden niederknien, die Augen schließen und Verstand und Herz öffnen… Aber hören wir etwa so das Evangelium?
Und heute haben wir vom Sturm auf dem Meer gelesen. Das ist nicht nur eine Erzählung darüber, das irgendwann einmal, in den Tagen, als Christus auf der Erde lebte, ein Sturm tobte; Die Erzählung spricht über den Sturm an sich, über jeden Sturm: die Stürme der Geschichte, die Stürme in den Familien, die zerstörerischen Stürme, die Stürme, die uns beängstigen, und den Sturm, der in unserem Herzen, in unserem Verstand tobt, der in einem harten Wort ausgedrückt wird, der uns manchmal herumwirbelt.
Wenn solch ein Sturm tobt, dann brauchen wir ihn nicht zu fürchten, denn wir wissen, dass in seinem Herzen, am schrecklichsten Platz, dort, wo sich alle Mächte des Bösen treffen, um alles zu vernichten, genau dort steht Christus und alle diese Mächte werden an Ihm, wie an einem Felsen zerschellen.
Wir sehen Christus im Sturm nicht, denn wir halten nicht Ausschau. Wir hören Seine Stimme nicht im Sturmgebraus, denn wir lauschen nicht hin…Und wenn wir wahrnehmen, dass Er irgendwo in diesem Sturm ist, dann sagen wir nicht wie Petrus: „Herr, gib mir ein wenig Selbstvertrauen, Sicherheit, Frieden, der mir hilft, hilf in den Sturm hinauszugehen, lass mich hindurchgehen – und in Deine Nähe kommen!..“
Wir könnten dann auf wilden Wellen gehen, wir könnten dann den uns entgegen schlagenden Winden widerstehen. Und wenn wir auf halbem Wege angst bekämen, den Glauben verlören, Christus aus dem Blick verlieren würden, die Hoffnung auf uns selbst verlören, könnten wir immer noch wie Petrus, über den heute gesprochen wird, mit all der Angst unserer Seele, mit aller unserer Verlorenheit schreien: „Herr hilf!..“ Und der Herr nimmt uns an die Hand und führt uns zunächst ins Boot, das uns zunächst als erste schwache Hilfe dient, und dann ans feste Ufer.
Christus war und ist und wird immer Derselbe sein. Was von Ihm gesagt wird, wie Er auf Erden gelebt hat, bezieht sich darauf, wie wir mit Christus leben, denn Er ist mit uns bis ans Ende der Zeiten. Amen.
(Diese Predigt wurde von Metropolit Antonij von Surosch am 05.08.1976 gehalten.)