Predigt vom Sonntag des Zöllner und des Pharisäers (Lk 18, 10-14)

13. Februar 2022

Metropolit Antonij von Surosch

Ikone über das Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer

Ikone über das Gleichnis vom Zöllner und vom Pharisäer

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Kurz gefaßt und allgemein bekannt ist das heutige Gleichnis, und doch, wie intensiv ist seine Botschaft, wie herausfordernd ...

Intensiv ist es durch seine Worte: Zwei Menschen kommen in den Tempel Gottes, in einen heiligen Bezirk, der Gott in einer Welt, die für Ihn verloren ist, vorbehaltlos gehört: in Sein göttliches Reich. Und einer der Männer geht kühn hinein und stellt sich vor Gott. Der andere kommt und wagt es nicht einmal, die Schwelle zu überschreiten: Er ist ein Sünder, und dieser Bezirk ist heilig, wie der Raum um den brennenden Busch in der Wüste, den Moses nicht betreten konnte, ohne seine Füße zu entblößen und in einer Haltung der Anbetung und Gottesfurcht.

Und wie unterschiedlich die gesprochenen Worte sind! Anscheinend preist der Pharisäer Gott, er gibt ihm die Ehre - aber wofür? Weil er einen Mann wie ihn gemacht hat, einen Mann, der so heilig und seiner und Gottes würdig ist. Ein Mann, der nicht nur alle Gebote des Gesetzes einhält, sondern über das hinausgeht, was Gott selbst geboten hat und vom Menschen erwarten kann. In der Tat steht er vor Gott und preist ihn, dass er, der Pharisäer, so wunderbar ist, dass er Gottes eigene Herrlichkeit, das Leuchten, die Offenbarung der Heiligkeit Gottes ist ...

Der Zöllner hingegen wagt es nicht, in den heiligen Bezirk Gottes einzutreten.

Und das Gleichnis ist klar: Der Mann, der mit gebrochenem Herzen kam und sich schämte, zu wissen, dass er es nicht wert ist, diesen heiligen Raum zu betreten, kehrt nach Hause zurück, ihm wurde vergeben, geliebt, in der Tat begleitet von Gott selbst, Der in die Welt kam, um die Sünder zu retten und Der jedem beisteht, der Ihn braucht, egal, ob er sein Bedürfnis nach Erlösung erkennt oder nicht?

Der Pharisäer geht nach Hause, aber er geht mit weniger Vergebung nach Hause; seine Beziehung zu Gott ist nicht dieselbe; er steht im Zentrum, Gott ist bei ihm eine Randerscheinung; er steht im Mittelpunkt der Dinge, Gott ist ihm unterworfen. Es bedeutet nicht, dass das, was er getan hat, wertlos war; es bedeutet einfach, dass in ihm keine Frucht der Heiligkeit geboren wurde. Die Taten waren gut, aber sie wurden durch Stolz und Selbstbehauptung verdorben; die Schönheit dessen, was er tat, war gänzlich verdorben, weil er es weder für Gott noch für seinen Nächsten getan hat; es entstand aus purem Eigennutz. Und es wird uns gesagt, dass dieser Stolz diesen Menschen verdirbt, dass der Stolz die Früchte seiner guten Werke zunichte macht, die Früchte seiner äußerlichen Treue zum Gesetz Gottes, dass nur Demut ihm und seinem Handeln den vollen Sinn gegeben hätte, dass nur die Demut sein Handeln zum Leben hätte erwecken können, so dass es zum Wasser des Lebens wird, das in Ewigkeit sprudelt.

Aber dann steht die Frage vor uns: Wie können wir etwas über Demut lernen, wenn dies die unabdingbare Voraussetzung dafür ist, nicht wie der verdorrte Feigenbaum zu sein, sondern fruchtbar zu sein, eine reiche Ernte zu schenken, von der die Menschen kosten können?

Ich kenne keine Möglichkeit, um von Stolz, Eitelkeit in einem einzigen Schritt zur Demut zu gelangen, wenn uns nicht etwas Tragisches zustößt, dass wir uns plötzlich selbst erkennen. Wir finden uns völlig beraubt von allem, was unseren sündigen, destruktiven und unfruchtbaren Zustand gestützt hat. Aber eines können wir tun: So sehr wir denken, dass wir von vielerlei Gaben des Herzens oder des Verstandes, des Körpers oder der Seele besessen sind, so fruchtbar unser Handeln auch sein mag, wir sollen uns an die Worte des heiligen Paulus erinnern: O Mensch! Was hast du, was dir nicht gegeben wurde?! .. Und tatsächlich wiederholt er an diesem Punkt, was Christus in der ersten Seligpreisung gesagt hat, der Seligpreisung, die die Tür zu allen anderen Seligpreisungen öffnet, der Seligpreisung, die der Beginn des Verstehens ist: Selig sind die Armen im Geist ... Selig sind diejenigen, die nicht nur durch ihren Verstand,- aber letztlich mit ihrem Verstand ! - erkennen, dass sie nichts sind und nichts besitzen, das kein Geschenk Gottes ist.

Wir wurden aus dem Nichts gerufen, ohne unsere Beteiligung: Unsere Existenz ist ein Geschenk! Uns wurde das Leben gegeben, welches wir nicht erschaffen können, aus uns selbst heraus . Uns wurde das Wissen um die Existenz Gottes und in der Tat ein tieferes, vertrauteres Wissen um Gott gegeben - all dies ist ein Geschenk! Und dann ist alles, was wir sind, ein Geschenk Gottes: unser Körper, unser Herz, unser Verstand, unsere Seele - welche Befugnis haben wir über sie, wenn Gott es nicht mehr aufrechterhält? Die größte Intelligenz kann plötzlich mit einen Schlag in Dunkelheit versetzt werden; Es gibt Momente, in denen wir mit einem Bedürfnis konfrontiert werden, das unser ganzes Mitgefühl, unsere ganze Liebe erfordert - und wir entdecken, dass unsere Herzen aus Stein und Eis sind ... Wir wollen Gutes tun - und wir können es nicht. und der heilige Paulus wusste es schon, als er sagte: Das Gute, das ich liebe, tue ich nicht und das Unrecht, das ich hasse, tue ich ununterbrochen ... Und unser Körper hängt von so vielen Dingen ab!

Und was ist mit unseren Beziehungen, unseren Freundschaften, die uns gegeben werden, der Liebe, die uns stützt, der Kameradschaft - alles, was wir sind und alles, was wir besitzen, ist ein Geschenk. Wäre der nächste Schritt nicht Dankbarkeit? Wir können uns nicht an Gott wenden wie ein Pharisäer, der stolz darauf ist, was er ist und der vergisst, das alles von Gott stammt. Wir sollten uns an Gott wenden und sagen: O Gott! All das ist ein Geschenk von Dir! All diese Schönheit, die Intelligenz, ein sensibles Herz, alle Lebensumstände sind ein Geschenk! In der Tat sind alle diese Umstände, auch jene, die uns erschrecken, ein Geschenk. Denn Gott sagt zu uns: Ich vertraue dir so sehr, dass Ich dich in die Dunkelheit schicke, um Licht zu bringen! Ich sende dich in die Verderbnis, um das Salz zu sein, das die Verderbnis stoppt! Ich sende euch dorthin, wo es keine Hoffnung gibt, um Hoffnung zu bringen, wo es keine Freude gibt, um Freude zu bringen, keine Liebe, um Liebe zu bringen ... und man könnte immer so weiter machen und wir würden sehen, dass, wenn wir in die Dunkelheit gesandt werden, dann sollen wir Gottes Gegenwart und Gottes Leben sein, und das bedeutet, dass er uns vertraut - er vertraut uns, er glaubt an uns, er erhofft alles für uns: Ist das nicht genug, um dankbar zu sein?

Aber Dankbarkeit ist nicht nur ein kaltes Dankeswort. Dankbarkeit bedeutet, dass wir Ihm zeigen  möchten, dass das alles nicht umsonst gegeben wurde, dass er nicht vergeblich Mensch wurde, lebte,  starb; Dankbarkeit bedeutet ein Leben, das Gott Freude bereiten könnte: Dies ist die Herausforderung dieses speziellen Gleichnisses ...

Ja, das Ideal für uns wäre, demütig zu sein - aber was ist Demut? Wer von uns weiß etwas darüber, und wenn jemand etwas weiß, wer kann es jedem anderen vermitteln, der es nicht weiß? Aber Dankbarkeit kennen wir alle; Wir kennen kleine Wege und kleine Aspekte davon! Lassen Sie uns darüber nachdenken und in einem Akt der Dankbarkeit erkennen, dass wir kein Recht haben, in Gottes Reich zu sein - und er lässt uns hinein! Wir haben weder im Gebet noch im Sakrament das Recht, uns mit ihm zu vereinen - und er ruft uns, uns mit Ihm zu vereinen! Wir haben kein Recht, seine Kinder, Brüder und Schwestern Christi, der Wohnort des Heiligen Geistes zu sein - und er gewährt dies alles in einem Akt der Liebe!

Lassen Sie uns alle nachdenken und uns fragen: Inwiefern kann er oder sie so dankbar sein, dass Gott sich freuen kann, dass Er nicht vergeblich gegeben hat, vergeblich gewesen, gelebt und gestorben ist, dass wir die Botschaft empfangen haben. Und wenn wir in die wahre Tiefe der Dankbarkeit wachsen, werden wir in der Tiefe der Dankbarkeit niedergeworfen, um den Herrn anzubeten und zu lernen, was Demut ist - nicht Erniedrigung, sondern Anbetung, das Bewusstsein, dass Er alles ist, was wir besitzen, alles, was wir sind und dass wir für Ihn offen sind wie die Erde, wie die reiche Erde offen ist für den Pflug, für die Aussaat, für den Samen, für den Sonnenschein, für den Regen, für alles, um Früchte zu bringen. Amen!

(4. Februar 1990)

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