Sonntag von der Hl. Maria von Ägypten, 5. Fastensontag

10. April 2022

Ikone der Hl Maria von aegypten

Ikone der Hl. Maria von Ägypten

Im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes!

Wir feiern heute das Gedächtnis der heiligen Maria von Ägypten innerhalb der Fastenzeit, die ein allmähliches Fortschreiten von Herrlichkeit zu Herrlichkeit ist, und die uns Schritt für Schritt dazu führen muss, der höchsten Herrlichkeit der gekreuzigten göttlichen Liebe, der aufopfernden Liebe der Heiligen Dreifaltigkeit zu begegnen.

Die heilige Maria von Ägypten war eine Sünderin, jemand, dessen Sünde allen bekannt war, nicht nur Gott allein; vielleicht war sie die einzige, die sich dessen am wenigsten bewusst war, weil die Sünde ihr Leben geworden war. Und doch wollte sie eines Tages in einer Kirche eine Ikone der Gottesmutter verehren. Die höchste Schönheit der Weiblichkeit in der Mutter Gottes erreichte ihr Herz, berührte es. Aber als sie an das Tor dieser Kirche kam, hinderte sie eine Macht daran, die Schwelle zu überschreiten. Der Zöllner hatte dort stehen können, weil sein Herz gebrochen war; Maria von Ägypten hatte kein gebrochenes Herz, und der Zutritt zur Kirche war ihr verboten. Und sie stand da und war sich bewusst, dass das, was sie war, unvereinbar war mit der Heiligkeit der Gegenwart Gottes, der Gegenwart der Gottesmutter, der Gegenwart von allem, was auf Erden und im Himmel heilig ist.

Und sie war von dieser Erfahrung so tief erschüttert, dass sie alles, was ihr Leben gewesen war, hinter sich ließ, sich in die Wüste zurückzog und durch ein Leben, das die Gottesdienstbücher als "extrem" bezeichnen, kämpfte sie, um ihr Fleisch, ihre Gedanken, ihre Erinnerungen zu besiegen, kurz alles, was Sünde war, aber auch alles, was sie von Gott trennen konnte. Und wir wissen, wie wunderbar ihr Leben wurde, was für ein Mensch sie geworden ist.

Welche Lehre können wir aus ihrem Leben ziehen? Wie oft haben wir so an die Tür Gottes geklopft, wie Maria versucht hat, sich Seiner Gegenwart zu nähern? Wie oft haben wir versucht zu beten, schweigend in Seiner Gegenwart zu sein? Wie oft war unsere Sehnsucht bei Gott, und wie oft haben wir gespürt, dass zwischen unserem Gebet und Ihm, zwischen unserem Schweigen und Ihm, zwischen unserer Sehnsucht und Ihm eine Barriere war, die wir nicht überwinden konnten. Wir weinten, beteten in einen leeren Himmel, wir wandten uns schweigenden Ikonen zu; alles, was wir wahrnehmen konnten, war die göttliche Abwesenheit, eine Abwesenheit, die so beängstigend war, weil wir Ihn nicht nur nicht erreichen konnten, sondern wir erkannten, dass unsere Seele verwüstet war, wenn wir Ihn nicht erreichten, es gab in uns nichts als Leere, eine Leere, die wenn es so weiterging, wenn es zu unserem endgültigen Zustand würde, es schlimmer wäre als der Tod, die endgültige Trennung.

Ikone der Hl Maria von aegypten

Ikone der Hl. Maria von Ägypten

Aber wie oft hat Gott auch an die Tür unseres Herzens geklopft. Du erinnerst dich an das Wort der Offenbarung: “Ich stehe vor deiner Tür und ich klopfe an…” Wie oft hat Gott in den Worten des Evangeliums, in den Ereignissen unseres Lebens, in den schwachen Eingebungen unserer Seele, im Flüstern des Heiligen Geistes, auf all den Wegen, auf denen Gott versucht, uns zu erreichen - wie oft hat Er an diese Tür geklopft, und wie oft haben wir dafür gesorgt, dass sich diese Tür nicht öffnet. Entweder wollten wir sie einfach nicht öffnen, weil wir mit Dingen beschäftigt waren, die uns in diesem Moment wichtiger waren als Seine unterbrechende, störende Gegenwart; und wie oft haben wir uns geweigert, die Tür zu öffnen, weil das Kommen des Herrn zu uns das Ende von Dingen bedeutet hätte, die uns kostbar oder wichtig waren ... Und der Herr stand da und klopfte, und die Tür wurde vor Seiner Nase zugemacht: genau so, wie in der Nacht der Geburt Jesu der Gottesmutter und Joseph jede Tür vor der Nase zugeschlagen wurde.

Wir sind uns dessen vielleicht nicht in dem Maße bewusst, wie es sein sollte. Und doch ist es für jeden von uns einfach der Beweis, dass wir hier sind und Millionen anderer Menschen irgendwann plötzlich die Gegenwart Gottes wahrgenommen haben, sein Klopfen gehört haben, vielleicht die Tür offen gelassen haben, gelauscht haben, was Er sagte. Wir hatten einen Moment der Hochstimmung, einen Moment, in dem wir plötzlich zum Leben erwachten, und dann schlossen wir die Tür wieder. Wir haben uns für unser Alleinsein entschieden, wir haben uns dafür entschieden, ohne Ihn zu leben. Wir haben eine bestimmte Vorstellung davon, was es heißt „frei (unabhängig)“ von Ihm zu sein. Wir sind niemals frei, nicht weil er uns versklavt, nicht weil er uns zur Strecke bringen will. Wir sind niemals frei, weil er letztlich die einzige höchste Sehnsucht unseres ganzen Wesens ist, weil er die Fülle des Lebens, die Herrlichkeit des Lebens, die Freude des Lebens ist, nach der wir uns sehnen und die wir versuchen, ganz und gar in uns aufzunehmen.

Maria von Ägypten, konfrontiert mit der göttlichen Abwesenheit, mit Gottes Weigerung, sie in seine Gegenwart zu lassen, konfrontiert mit einer geschlossenen Tür in sich selbst, fühlte, dass alles vergeblich sei, wenn sich die Tür nicht öffnete. Und sie wandte sich von allem ab, was zwischen ihr und Gott, dem Leben, der Fülle und dem Frohlocken stand.

Ist sie für uns nicht ein Beispiel, ein Aufruf, ein Bild dessen, was das Leben eines jeden von uns sein könnte? Aber wir können sagen: Ja, das traf auf sie zu, sie war eine angehende Heilige … Jeder von uns ist berufen, sich auf solch eine Art mit Gott zu vereinen, so dass Gott und jeder einzelne von uns eins werden, dass jeder von uns teilhat an der göttlichen Natur, um ein lebendiges Glied, ein Bruder, eine Schwester, ein Glied Christi, ein Tempel des Heiligen Geistes, ein Sohn und eine Tochter des lebendigen Gottes zu sein! Das ist unsere Berufung; aber kann das aus eigener Kraft erreicht werden? Nein, kann es nicht! Aber es kann von Gott in uns hineingelegt werden, wenn wir uns ihm nur feststellbar zuwenden mit ganzem Sinn, mit ganzem Herzen, mit aller Sehnsucht. Ja, es ist Entschlossenheit, und es ist Sehnsucht, eine leidenschaftliche, verzweifelte Sehnsucht... Und dann - und dann wird alles möglich. Ich habe schon so oft davon gesprochen, dass als der heilige Paulus Gott um Kraft bat, um seine Mission zu erfüllen, der Herr zu ihm sagte: “Meine Gnade genügt dir; denn sie erweist ihre Kraft in der Schwachheit…” (2 Kor 12,9) Und am Ende seines Lebens, nachdem er seine Berufung erfüllt hatte, sagte Paulus, und er wusste, wovon er sprach: „Alles vermag ich durch Ihn, der mir Kraft gibt…”(Phil 4,13) Alles ist möglich, weil Gott uns nicht zu mehr beruft, als durch Ihn mit uns und in uns erreicht werden kann.

Wie viel Hoffnung, wie viel Inspiration können wir in jedem Heiligen Gottes finden, so gebrechlich sie auch sein mögen, hat sich doch in ihnen die Kraft, die Herrlichkeit, der Sieg, das Leben herrlich entfaltet.

Lassen wir uns noch einmal inspirieren von dem, was wir hören, inspirieren wir uns von dem, was uns von Angesicht zu Angesicht begegnet im Evangelium, in der Heiligen Kommunion, im Gebet, in der Stille der Gegenwart Gottes. Und lasst uns noch einen Schritt weiter gehen in Richtung der Darstellung der Liebe Gottes, die sich in der Karwoche, in den letzten Schritten des Kreuzweges, im endgültigen Sieg der gekreuzigten Liebe und im Sieg der Auferstehung Gottes kundtut. Amen.

(16. April 1989)

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