Und lasse ihn schauen mein Heil

14. February 2022

Ikone zum Fest der Begegnung des Herrn

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Ikone zum Fest der Begegnung des Herrn

Einer der berühmtesten Psalmen ist der Psalm 90: „Wer im Schutz des Höchsten wohnt“. In der orthodoxen Kirche wird er während der sechsten Stunde, bei Totengedenkfeiern und Beerdigungen gelesen. Wir lesen ihn auch, um für uns Gottes Schutz in schwierigen oder sogar gefährlichen Situationen zu erbitten. In ähnlicher Weise wird es noch heute in der jüdischen Tradition verwendet. Man liest es bei Beerdigungen, im Morgengebet und im Gebet am Samstag. Dies bedeutet unter anderem, dass der Psalm allen Söhnen Israels gut bekannt war. Der Psalm ist so komponiert, dass er in der Person des Lehrers ausgesprochen wird und dem Zu Unterweisenden verschiedene Segnungen auflistet, die aus der Hoffnung auf Gott entstehen. Und der Psalm endet mit drei Versen, die bereits im Namen Gottes selbst zugesprochen werden. Der letzte Vers lautet: „Ich sättige ihn mit langem Leben und lasse ihn schauen mein Heil..“

Wenn Sie die Geschichte des Evangelisten Lukas über das „Begegnung“ genannte Ereignis lesen, können Sie sehen, dass die göttliche Verheißung des 90. Psalms sich für den greisen Simeon erfüllt hatte. Dieser „gerechte und gottesfürchtige“ (Lk 2,25) Mann war alt und gesättigt „mit langem Leben“ (Ps. 90). Und es wurde ihm vom Heiligen Geist versprochen, dass er nicht sterben würde, bevor er mit eigenen Augen Christus, den Herrn, gesehen hätte.

Dies war die heiß ersehnte Hoffnung aller ehrwürdigen Gerechten. Sie wollten so lange wie möglich leben, nicht um die Wohltaten dieser traurigen Welt zu genießen, sondern um auf den Erlöser zu warten und ihn mit eigenen Augen zu sehen. Generation wurde von Generation abgelöst, die Gerechten schlossen ihre Augen mit Traurigkeit und gingen mit Glauben in die Dunkelheit des Todes. Sie vertrauten ihre Hoffnungen ihren Nachkommen an. Und deshalb fühlte sich Kinderlosigkeit wie ein Fluch an. Tatsächlich hat man in diesem Fall nicht nur das Kommen Christi nicht mehr erlebt, sondern der Same hat auf der Erde keine Wurzeln geschlagen und wurde kein Teilhaber der Freude.

Jahrhunderte vergingen. Der Glaube war verarmt und übersät mit irdischen Träumen von einem mächtigen König, der Israel politische Freiheit und irdischen Ruhm geben sollte. Nur ein gewisser „heiliger Rest“, zu klein an Zahl, um bemerkt zu werden, lebte in reiner Hoffnung und geduldigem Gebet. Der erste unter diesen Übriggebliebenen war Simeon. Vor ihm starben viele Gerechte „im Glauben, ohne die Verheißungen empfangen zu haben, sondern sie sahen sie nur von weitem und freuten sich“ (Hebräer 11,13). Außer ihm lebten zur gleichen Zeit viele böse und eitle Menschen, die, obwohl sie lebten, um das Kommen des Messias zu sehen, den Tag der Erscheinung wegen der Gefühllosigkeit der Seele nicht spürten. Auch das ist eine Lektion für alle. Es reicht nicht aus, in den Zeiten der Gerechten zu leben. Es reicht nicht aus, den Gerechten nahe zu sein. All dies nützt nichts , wenn es an Glauben fehlt, den der Heilige Geist schenkt.

Festikone in der Derschawnaja-Kirche

Festikone in der Derschawnaja-Kirche

Von Simeon wird gesagt, dass „der Heilige Geist ruhte auf ihm“ (Lk 2,25). Dieser Geist sagte dem Ältesten von einem zukünftigen Treffen mit dem Messias voraus. Und derselbe Geist führte Simeon zum Tempel, als die Mutter Jesu mit dem Sohn in ihren Armen kam, um den rechtmäßigen Ritus durchzuführen. Der Jerusalemer Tempel war niemals leer. Es war das einzige Heiligtum Israels, abgesehen davon gab es keinen anderen Tempel und es durfte auch von niemandem irgendwo errichtet werden. Alle Menschen des bevölkerungsreichen Israels erfüllten hier ihre Gelübde und brachten in diesem Tempel ihre Opfer dar. Zu diesem Zweck strömten jeden Tag aus allen Dörfern und Städten, ganz zu schweigen von den Menschenmassen an Festtagen, Scharen von Menschen herbei, um Opfer zu bringen: Reinigungsopfer, im Gesetz Mose vorgeschriebene Opfer, Opfer der Danksagung, Opfer als Votivgaben. Und in dieser Menge von Menschen unterschied Simeon, geführt vom Geist, leicht diejenigen, auf die er so lange gewartet hatte – Mutter und Kind. Er näherte sich der Mutter, nahm das Christuskind in seine Arme und sprach das Gebet, mit dem wir jetzt unseren Tag beenden und auch hoffen, unser Leben zu beenden.

In diesem Gebet bekannte er, dass das, was ihm versprochen worden war, sich erfüllt hatte. „Denn meine Augen haben das Heil gesehen, das du vor allen Völkern bereitet hast.“ Auch die Worte des 90. Psalms erfüllten sich: „...und lasse ihn schauen mein Heil.“

Simeon sah das zukünftige Golgatha-Opfer mit einem scharfsinnigen inneren Auge. Den, der in seinen Armen lag, sah er bereits für die Sünden der Welt gekreuzigt. Da es das Kreuz ist, auf dem der Gerechte gekreuzigt ist, ist dies das „Heil, das Gott bereitet hat“.

Dass Simeon das Geheimnis des Kreuzes vorausgesehen hat, geht auch aus den Worten des Greises an Maria hervor. „Dir selbst“, sagte er, „ wird ein Schwert die Seele durchbohren, so dass die Gedanken vieler Herzen offenbart werden.“ Diese seltsamen Worte erfüllten sich, als die Mutter und immerwährende Jungfrau unter dem Kreuz stand, in ihrem Herzen gequält durch das Leiden ihres Sohnes. So erwerben altersblinde Augen die Wachsamkeit eines Adlers in geistlichen Dingen, wenn das Herz eines Menschen durch Glauben und geduldige Erwartung gereinigt wird.

Simeon sagte wenig, aber die ganze zukünftige Geschichte der Welt spiegelte sich in seinen Worten wider. Er sagte voraus, dass Christus die Heiden erleuchten würde; dass er in Israel, für das er die Herrlichkeit darstellt, „ein Gegenstand der Kontroverse“ sein würde. Wegen ihm werden viele fallen und viele werden aufgerichtet. Diese Worte waren im Voraus kaum zu verstehen, aber die spätere Geschichte hat sie voll und ganz bestätigt.

Nachdem Simeon alles gesehen hatte, worauf er so lange warten mußte, und denen, die ihre irdische Wanderung fortsetzten, alles Notwendige gesagt hatte, verließ Simeon die Erde. Er ging ohne Angst oder Bedauern. Er hatte den Messias gesehen! Er ging jetzt in die Dunkelheit des Scheols, um David und Salomo, Jesaja und Jeremia zu sagen, dass die Verheißung erfüllt worden war und die Zeit der allgemeinen Erlösung nahe war. Maria mit Jesus im Arm blieb hinter ihm. Der Greis ging langsam und fest auf die Linie zu, die diese Welt von der anderen Welt trennte.

(Aus dem Russischen: Predigt von Erzpriester Andrej Tkatschjow vom 15. Februar 2011)

Quelle: https://pravoslavie.ru/44737.html

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