Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 18

16. März 2022

Briefe an meine Geistlichen Kinder

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an verschiedene Personen

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Ich habe Ihren Brief mit der Nachricht, dass Ljubow Alexandrowna krank ist, erhalten. Ich denke unentwegt an sie. Obwohl wir alle, ob wir nun bedeutend sind oder nicht, diese Welt einmal verlassen müssen, will man dies doch, wenn es einem uns nahestehenden und geliebten Menschen bevorsteht, unweigerlich mit allen Mitteln verhindern. In der Tiefe der Seele eines jeden Menschen schlummert das Bewusstsein, dass er unsterblich ist. Und in der Tat ist jeder unsterblich und das, was wir Tod nennen, ist die Geburt in eine neue Welt, ein Übergang von einem Zustand in einen anderen. Für die meisten Christen ist dies ohne Zweifel ein Übergang in eine unendlich bessere Welt. Aus diesem Grunde sollte man auch nicht traurig sein, wenn der Tod naht, sondern sich vielmehr freuen. Wir jedoch glauben wenig an das zukünftige Leben oder aber fürchten uns vor ihm. Manchmal ist es auch dieses Leben, welches uns hier zu stark gefangen hält.

Wenn man es geistlich betrachtet, dann sollten wir uns für Ljubow Alexandrowna freuen. Der Herr lässt sie sich auf das zukünftige Leben vorbereiten. Doch gleichzeitig fürchtet man auch, ob sie nicht vielleicht aufbegehren und kleinmütig protestieren wird? Wenn sie sich doch nur demütig fügen und sich von ganzem Herzen an Gott wenden würde, wenn sie doch nur alle ihre Fehler aufrichtig bereuen und mit Glauben und Ehrfurcht die Heilige Kommunion empfangen würde, dann würde der Tod für sie eine Freude sein, eine neue Geburt und ein Weg hin zu dem, der sie aus ganzer Seele liebt und auf sie wartet, um sie mit vollkommener Freude zu erfüllen, die niemals enden wird, die nie ein Auge gesehen, kein Ohr vernommen und in kein Herz eines Menschen je gekommen ist.

Übermitteln Sie Ljubow Alexandrowna meine tiefe Anteilnahme. Sagen Sie ihr, dass ich nichts mehr wünsche, als dass sie den Kummer über den Tod überwinden möge. Ich wünsche ihr, leicht und voller Freude in das zukünftige Leben, in unsere wahre Heimat hinüberzugehen, die für uns von Anbeginn der Welt an bereitet ist, in der ein Mensch den Engeln gleichen und sein Antlitz wie die Sonne erstrahlen wird.

Übermitteln Sie ihr ebenso, dass ich sie, nie vergessen werde, schon weil sie mir gegenüber, obwohl sie mich gar nicht kennt, immer sehr wohlgesonnen war. Ob sie nun noch lange leben wird oder aber bald sterben muss, sie wird mir auch nach ihrem Tod teuer in Erinnerung bleiben.

Wenn schon ein Mensch einen anderen zu lieben und zu bemitleiden vermag, wie wird dann erst die Liebe Gottes zu uns aussehen, wenn diese Ihn sogar für uns ans Kreuz hat gehen lassen. Deshalb möge Ljubow keine Angst haben und auf die grenzenlose Liebe Gottes hoffen!

Möge Ljubow Alexandrowna ihren Namen alle Ehre machen (Ljubow – ein russischer Frauenname, bedeutet auf Deutsch Liebe – A.d.Ü.) und Gott, so wie sie es vermag, lieben, denn auch Er hat für sie grausame Qualen, Kränkungen und den Tod am Kreuz erduldet. Dann wird die himmlische Liebe die irdische Ljubow (d.h. Liebe – hier gebraucht Igumen Nikon die Bedeutung des Namens Ljubow für ein Wortspiel – A.d.Ü) zu ihrer Tochter machen und an der Herrlichkeit und Seligkeit des göttlichen Lebens teilhaben lassen. Seine Liebe zu Gott kann man am ehesten beweisen, indem man die Leiden, die mit dem Abschied von dieser Welt verbunden sind, erduldet, indem man eine qualvolle Krankheit ohne zu murren erträgt, um so an den Leiden Christi teilzuhaben. Wenn wir mit Ihm leiden, dann werden wir auch mit Ihm verherrlicht werden.

Ich wiederhole es noch einmal: Ljubow Alexandrowna! Meine Seele fühlt mit Ihnen und wünscht Ihnen mit aller Kraft das, was ich soeben geschrieben habe. Üben Sie sich in Geduld, begehren Sie nicht auf. Wenn sie merken, dass ihr Glaube schwindet, dann sagen Sie: „Herr, ich möchte glauben und eine wahre Christin sein. Hilf, Herr, meinem Unglauben!“ Der Herr wird Sie nicht allein lassen!

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Christus ist auferstanden!

Ich habe ihren traurigen Brief erhalten. Kennen Sie das Gesetz der geistlichen Welt: „Durch viele Trübsal gelangen wir in das Reich Gottes (Acta 14,11); In der Welt habt ihr Bedrängnis. (Jo 16,33); In eurer Ausdauer werdet ihr euer Leben gewinnen(Lk 21,19)” u. ä. Dies sollte sich jeder Gläubige verinnerlichen. Der Gottessohn ertrug, dass man ihn angespuckt und geschlagen hat, dass man ihn geohrfeigt und anderweitig erniedrigt hat. Er ist einen grausamen Tod am Kreuz gestorben. Seine Mutter hat all dies mit angesehen und war im Herzen zutiefst getroffen. Und was haben die Apostel, die Märtyrer, die Bekenner und heiligen Asketen und all die anderen, die Christus wahrhaft nachgefolgt sind, nicht alles erlitten? „Wer mir nachfolgen will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach“ (Mt. 16,24).

Wenn Sie Jesus Christus aufrichtig nachfolgen möchten, dann gibt es keinen anderen Weg als den, den Er uns aufgezeigt hat. Dieses Kreuz sind unsere äußeren Widrigkeiten und körperlichen Leiden sowie der unentwegte Kampf gegen unsere Leidenschaften, die sich in den verschiedensten Formen in uns äußern. Es gibt Leidenschaften, die sich sehr deutlich als solche zu erkennen geben, wie übermäßiger Appetit, die verschieden Formen der Wollust, Gier nach Reichtum, Trauer, Verzagtheit, Zorn, Ruhmsucht, Stolz, Unglauben, Neid, Verlogenheit und die Neigung, andere zu richten usw. Nach der Lehre Christi sollten wir gegen alle diese Leidenschaften ankämpfen, besiegt werden und über sie siegen. Dies erfordert die volle Konzentration unserer Kräfte sowie Geduld und erweist sich oft als eine nie enden wollende Qual. Dies ist aber unser Kreuz, das wir nicht von uns weisen sollten. Es gibt nur zwei Möglichkeiten. Entweder liefert sich ein Mensch seinen Leidenschaften ohne zu kämpfen aus und erweist sich so, indem er die Welt und sein Leben erwählt, Christus als untreu, oder aber er kämpft und leidet und wächst auf diese Weise geistlich.

Ihr Zustand, über den sie nur in Andeutungen schrieben, ist ebenso eine Leidenschaft, die dem sogenannten alten Menschen eigen ist. Diese bleibt jedoch versteckt, weil der Feind und Teufel, der sich selbst versteckt, voller List ist und die Leidenschaft maskiert und hinter vielen anderen Dingen verdeckt hält. Die Dämonen haben, auch wenn sie in die Finsternis gestürzt sind, in gewisser Weise ihren engelsgleichen Verstand und andere besondere Fähigkeiten bewahrt. Sie haben die physischen und psychischen Eigenschaften des Menschen auf vorbildliche Weise studiert und haben Zugriff auf den Leib, die Nerven und das Gehirn des Menschen. Sie wirken auf seine seelischen Eigenschaften und sein Gemüt und zielen immer auf das Böse und das Verderben des Menschen. Da der Mensch die offensichtlichen Leidenschaften als solche und ihre schädliche Wirkung erkennt, versuchen die Dämonen alles zu verwirren. Sie richten dabei ihre besondere Aufmerksamkeit auf die Empfindungen des Menschen. Sie verstärken das eine und schwächen etwas anderes ab, um den Menschen in die Irre zu führen. Sie lassen den Menschen die Leidenschaften als besonders tief empfinden und geben diesen eine schöne äußere Form usw. Ihre Tücken sind unzählbar und ihre Tricks, um den Menschen zu verführen und ins Verderben zu stürzen, von unendlicher Mannigfaltigkeit.

Wir, die wir am Anfang stehen, dies alles zu erkennen, die wir keine Erfahrung und keine geistlichen Väter haben, die uns den Weg weisen könnten, sollten eins wissen: Wir selbst sind nicht in der Lage, gegen die Leidenschaften und die Dämonen anzukämpfen. Wir können sie nicht besiegen. Doch wir sollten gegen sie mit all unseren Kräften antreten und immer, wenn wir ihnen unterlegen sind, den Herrn um Hilfe anrufen: „Alle haben mich umringt (die Feinde und Leidenschaften), mit dem Namen des Herrn werde ich sie zerschlagen“ (Ps. 118,10). Nicht Sie selbst können sie mit ihrer Kraft besiegen und auch kein anderer Mensch kann Ihnen dabei helfen, nur allein der Herr. Folglich sollten Sie deshalb mehr in aller Ehrfurcht und mit demütigem Herzen beten, dem Herrn Ihre Sünden und Leidenschaften bekennen, aber auch Ihre Hilflosigkeit zeigen und Ihn um Vergebung und um Hilfe bitten. Wenn Sie sich daran halten, dann werden Sie in ihrer Seele bald Ruhe und Frieden finden, sowie eine gewisse Demut und Entschiedenheit, alles um des Herrn und um Ihres Heils willen ertragen zu wollen.

Ich sage ihnen einiges über Ihren Zustand, den Sie so beschreiben, als ob es nur Ihnen so erginge. Ich meine Ihre Einsamkeit, dass Sie von allen verlassen sind usw.

Ich habe keine einzige Frau und kein einiges Mädchen getroffen, die nicht auch darunter gelitten hätte. Dies scheint zur weiblichen Natur einfach dazuzugehören. Der Herr hat zu Eva nach dem Sündenfall gesprochen: „Du wirst dich zu deinem Manne hingezogen fühlen“. Dieses Sich hingezogen fühlen (es geht hier nicht nur um fleischliche Lust, sondern noch viel mehr um ein seelisches Empfinden und manchmal allein nur um ein solches) ist scheinbar in allen Frauen, die allein leben, sehr präsent und bricht sich auf verschiedene Weise und in verdeckten Formen, meist unbewusst, seine Bahn. Die Rippe, die Adam entnommen wurde, sehnt sie sich nach ihrem Platz. Sie sehnt sich danach, einen Menschen in seiner Ganzheit zu bilden. Reagieren Sie nicht beleidigt, wenn ich Ihnen das so schreibe. Ich möchte nur, dass Sie ein wenig Klarheit in ihren Zustand bekommen. Auf alle Fälle äußern sich darin Facetten des sogenannten „alten Menschen“, und man sollte deshalb nicht verzagen, sondern mit Fasten und Gebet, mit maßvoller Lektüre der Heiligen Väter und des Neuen Testaments sowie durch körperliche Arbeit und zeitweiliger Erschöpfung gegen diese ankämpfen.

Möge der Herr Ihnen Einsicht für alles Gute geben, möge Er Sie segnen und Ihnen helfen, einen rechten Weg zu finden, den, der für Sie erwählt ist und auf dem Sie in das Reich Gottes gelangen!

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