Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 22

13. April 2022

Über das Gebet

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an verschiedene Personen

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Über das Gebet. Versuchen Sie die Worte eines Gebets mit voller Aufmerksamkeit zu sprechen. Wenn Sie die Konzentration verlieren, dann rufen Sie sich zur Ordnung. Öffnen Sie sich Gott und bemühen Sie sich, noch einmal die Worte des Gebets voller Aufmerksamkeit zu wiederholen. Ihr Herz wird dann langsam immer weicher und, wenn auch nicht sehr oft, den besungenen „zerschlagenen“ Zustand erreichen und vielleicht auch Tränen hervorbringen. Widmen Sie diese Minuten ganz dem Gebet und hören Sie nicht auf den Feind, der Ihnen tausend Gründe vorschlägt, vom Gebet abzulassen und sich mit irgendwas anderem zu beschäftigen.

Lesen Sie, was Ignatius (Brjantschaninow) über das Gebet geschrieben hat, besonders im zweiten Band, aber auch im ersten.

Der Gedanke, dass einem ein zerstreutes Gebet als Sünde angerechnet wird, stammt vom Teufel. Er versucht uns mit allen Mitteln vom Gebet abzuhalten, denn er weiß, was für Wohltaten einem Mensch durch Beten widerfahren. Sehen Sie es als eine Tücke des Feindes an und hören Sie nicht darauf.

Man sollte nicht an sich glauben, jedoch aus der Buße heraus an sich arbeiten. Der Herr ist gekommen, um die Sünder zu erlösen, allerdings nur die, die Buße tun. Judas hat auch gesündigt, aber er war nicht bereit, Buße zu tun. Deshalb ist er voller Verzweiflung ins Verderben gestürzt. Apostel Petrus hat gebüßt und sein Apostelamt wiedererlangt. Jerusalem hat gesündigt und ist auf grausame Weise zerstört worden. Ebenso auch Sodom und Gomorrha, Chorazin, Bethsaida und Kapernaum. Ninive hat Buße gezeigt und wurde so verschont. Wir alle sind Sünder, und wir alle haben die Buße nötig, denn nur die, die Buße tun, können vom Kreuzestod des Erlösers zehren.

Dazu noch hat der Herr denen gesagt, denen er die Sünden vergeben hat: „Geh und sündige nicht mehr“ (Joh. 8,11). Wir sollten also alles dafür tun, um nicht in eine schwere Sünde abzurutschen. Wenn ein Mensch am Abgrund steht, braucht man ihn nur anzustoßen, und er fällt hinein. Wenn er sich aber fern vom Abgrund befindet, dann muss man ihn erst einmal dorthin bringen. In dieser Zeit jedoch kann er um Hilfe rufen. Deshalb wird immer wieder geraten, sich generell von solchen Orten fernzuhalten, wo man leicht in die Hände der Sünde fallen kann.

Liebe O., „Lösen Sie sich von der Erde, und so werden Sie sich an Gott heften“. Dies hat der Heilige Altvater Sisoes der Große geraten. Alles Irdische vergeht wie ein Nebel. Womit werden wir aber dann dastehen, wenn sich die Seele nur mit irdischen Dingen beschäftigt hat? Haben Sie ein Einsehen mit sich! Sorgen Sie sich um ihr Heil! Was für einen Nutzen haben Sie davon, wenn sie die gesamte Welt gewinnen, aber ihre Seele dabei Schaden nimmt? Halten Sie sich von gotteslästerlichen Gesprächen fern. Lesen und schauen Sie nicht all den atheistischen Unsinn. Möge der Herr Ihnen Einsicht schenken!

***

Ich versuche Ihnen darauf eine Antwort zu geben, was Sie nicht verstehen.

1. Ihre „Gedanken und Empfindungen“ sind eindeutig vom Feind. Das stärkste Mittel, um sich von ihnen zu befreien, ist, diese vor dem Beichtvater zu äußern.

2. Man sollte, wenn diese Gedanken in einem auftauchen, in einem fort wiederholen: „Herr erbarme dich meiner“ oder das Jesusgebet sprechen. Meistens ersteres, solange die dämonischen Einflößungen nicht aufhören. Gedenken Sie der Worte: „Alle Völker umringen mich; ich wehre sie ab im Namen des Herrn…Sie umschwirren mich wie Bienen, … ich wehre sie ab im Namen des Herrn.“ (Ps 118, 10 ff). So sollte es jeder tun. Aus eigener Kraft können wir nichts ausrichten. Das sollten wir begreifen und uns demütig damit abfinden. Auch dann, wenn die Seele völlig kalt und finster ist, sollte man seine tägliche Gebetsregel unbedingt fortsetzen; auch dann, wenn man in sich nur Kälte empfindet und die Gedanken zerstreut sind usw. „Vergieß Blut und werde stark im Geiste.” Immer wenn ein Sünder seine Sünde aufrichtig beichtet, kommt er seinem Beichtvater näher und wird für diesen zu einem kostbaren und nahestehenden Menschen. Das ist im Allgemeinen so. Der Feind dagegen möchte uns mit dem Gedanken erschrecken, dass es genau andersherum ist.

Lassen Sie sich unter keinen Umständen in Verzweiflung bringen, verlieren Sie nie die Hoffnung. Das ist viel furchtbarer als jede Sünde, denn dies führt zum geistlichen Tod und manchmal zum Selbstmord. „Es gibt keine Sünde, die nicht vergeben wird, nur die, die man nicht bereut“. Deshalb sollte man beim Herrn um Vergebung bitten, denn Er möchte nicht, dass ein Sünder ins Verderben rennt. Er ist doch dazu gekommen, um alle die, die dem Verderben nahe sind, zu retten. Dabei erweist sich das Wort Gottes, dass „demjenigen, der Gott liebt, alles zu seinem Heile dient“ (Röm. 8,28), als wahr. Warum sollte man deshalb verzagen und aufgeben? „Wenn du gefallen bist, dann steh auf! Wenn du erneut gestürzt bist, dann richte dich wieder auf. So ist es für einen Menschen bis zu seinem Tod“. Dies hat der Heilige Sisoes gesagt. Jeder Sturz hilft einem Menschen, zur Demut zu gelangen. Ohne Demut aber kann kein Mensch besondere Gaben von Gott erhalten. „Einem demütigen gibt der Herr seine Gnade“, denn er hat die Demut seiner Knechte erkannt.

Vom Stolz haben wir alle im Überfluss. Mit Worten aber kann man uns keine Demut lehren. Deshalb lässt der Herr uns auch in diverse Fallen der Sünde tappen, damit wir so ganz unweigerlich zu der Einsicht gelangen, dass wir nichtswürdig und abscheulich sind. Unsere gesamte Schönheit und alles Gute in uns liegt im Herrn und ist uns durch den Herrn gegeben. „Löst euch von der Erde und strebt zum Herrn“. So wird er euch hier, wie auch im zukünftigen Leben trösten. Ich gratuliere Ihnen zu allen bevorstehenden Feiertagen. Möge der Herr Ihnen helfen, sie mit Ruhe und Frieden in der Seele zu verbringen und Gott, der uns so geliebt hat, für alles zu danken. Mögen Sie in Ihrer Entscheidung, dem Herrn immer treu dienen zu wollen, bestärkt werden. Möge es Ihnen gelingen, ihn nie mit Sünden zu kränken, sondern stets seine Worte (Gebote) zu erfüllen, um ihm so in bescheidener Weise auf seine Liebe zu uns zu antworten. Amen.

Möge der Herr Sie von allem Bösen und den Übergriffen der Feinde beschützen. Tun Sie alles, was Sie von sich aus tun können, so wird auch der Herr alles tun, was zu ihrem Heil notwendig ist.

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