Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 25

28. Mai 2022

Igumen Nikon

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an verschiedene Personen

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Wie fühlst du dich? Verzagst du nicht? Wir sollten uns nicht der Trübsal hingeben oder gegen unsere Krankheiten und unseren Kummer aufbegehren. Denn Gott hat ein Gesetz eingerichtet, das viel sicherer ist als Himmel und Erde: „Wir können nur durch viel Leid in das Reich Gottes gelangen“. Wir sind heutzutage in einer solchen Epoche der Menschheit angelangt, in der die Menschen ausschließlich durch fügsames Erdulden von Leid, durch den Glauben an Gott und die Hoffnung auf Seine Barmherzigkeit gerettet werden und zum Heil gelangen können. Auf andere Art und Weise kann heute niemand das Heil erlangen. Für unsere Zeit ist nur ein einziger Weg übrig geblieben: Das Erdulden von Leiden. Der heilige Isaak der Syrer schreibt: „Mehr als jedes Gebet und jedes Opfer schaut Gott auf die Leiden eines Menschen, die dieser um Seiner willen bereit ist, zu ertragen“. Jegliches Leid, welches wir ohne aufzubegehren, so, wie es der einsichtige Räuber getan hat, annehmen, weil wir begreifen, dass es uns wegen unserer Sünden, aber auch für unser Seelenheil und unsere innere Reinigung gesandt worden ist und wir es wegen unseres Handelns und Tuns verdient haben, wird uns, wenn wir es so begreifen, als Leid um des Herrn willen angerechnet. Unser persönliches Kreuz wird auf diese Weise in das Kreuz Christi verwandelt, und so können wir durch es zum Heil gelangen. „Wenn wir uns mit dem Herrn ans Kreuz schlagen lassen, dann werden wir auch mit Ihm verherrlicht werden“ (Röm. 8,17) – spricht der Apostel Paulus.

In Minuten von Kummer und Verzagtheit ist es deshalb angebracht, sich an den Rat von Isaak dem Syrer zu erinnern: „Gedenke immer der schweren Leiden der Erniedrigten und Gedemütigten (zum Beispiel in Gefängnissen und in der Verbannung usw.), damit du selbst den nötigen Dank für dein kleines und unbedeutendes Leid, das du zu ertragen hast, darbringen kannst und die Kraft findest, es mit Freude zu tun“.

Dem Leid, das wir mit Freude und Dank an den Herrn, der uns durch seine Leiden gerettet hat, ertragen, wohnt Freude im Geiste inne. Es ist eine Freude geistlichen Emporsteigens, bei dem sich in uns immer neue Kräfte offenbaren.

Je mehr Mühe ein Mensch aufwendet, um sich von der Sünde zu reinigen, je entschiedener er seine Gedanken und Gefühle von sündhaften Wünschen, auch wenn diese bedeutungslos scheinen, rein hält, je mehr er sich um ununterbrochenes Beten bemüht, rein und aufmerksam von ganzem Herzen und voller Ehrfurcht, umso leichter wird sein Leid sein, umso leichter fällt es ihm, sein Leid zu ertragen. Denn das Ziel, wofür Leiden nötig sind und wofür sie einem Menschen geschickt werden, erreicht er auf dem anderen Weg: durch seine Arbeit an sich selbst und sein Bemühen um die Erfüllung der Gebote. Er erreicht es, wenn sein Herz von immerwährender Trübsal erfüllt ist, weil er erkannt hat, dass er die Gebote des Herrn nicht ausreichend erfüllt. Diese Traurigkeit des Herzens, gepaart mit der Mühe um das Gute, können alle anderen Mittel und auch das Leid ersetzen.

Besonders wichtig ist es, dass man sich selbst beobachtet und zu anderen gutmütig und nachgiebig ist. „Unser Heil liegt in unseren Nächsten“ – sagt Pimen der Große. Das bedeutet, dass, wenn ein Mensch auf rechte Weise seinen Mitmenschen gegenübertritt, d.h. das heilige Gebot: du sollst deinen Nächsten lieben, wie dich selbst, erfüllt, dann wird er auch auf alle Fälle die Kraft haben, in dieser Weise auch alle anderen Gebote zu erfüllen, unter denen das wichtigste die Liebe zu Gott ist. Man kann Gott nicht lieben, wenn man auch nur einem Menschen gegenüber schlecht gesinnt ist. Das ist durchaus verständlich. Liebe und Feindschaft können nicht gemeinsam in einer Seele wohnen, entweder die eine oder die andere. Wenn man seinen Nächsten liebt, dann wird aus dieser Liebe auch die Liebe zu Gott geboren. Beide sind geheimnisvoll und weit mehr als das, was wir von der Liebe des sogenannten „alten Menschen“ wissen. Nur durch Erfahrung erkennt ein Menschen die ganze Tiefe der Gebote, nur in dem Maße, wie er sie erfüllt und sich seine Seele verwandelt.

Kümmere dich um dein Heil und verzage nicht. Begehre nicht auf und beleidige niemanden durch ein scharfes Wort. Bete und versuche immer vor Gott zu wandeln.

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Warum verzagst du so? Wo ist dein Glauben? Hat der Herr nicht versprochen, jedem, der das Reich Gottes und seine Gerechtigkeit sucht, alles Notwendige zu geben? Prüfe dich selbst! Gehörst du zu denen, die es suchen? Glaubst du an das Leben nach dem Tod? Glaubst du an die Lehre der Heiligen Orthodoxen Kirche, also an die Lehre des Herrn selbst, dass jeder in der Welt nach dem Tode das bekommt, was ihm für seinen Glauben und seine Taten zukommt? Glaubst du an die Worte des Herrn, dass einem kein einziges Haar ausfällt, wenn dies nicht der Wille des Himmlischen Vaters ist?

Wenn du an all dies glaubst und dabei auch noch glaubst, dass der Herr die Welt so geliebt hat, dass Er seinen Sohn gab, Ihn der Schande und dem Kreuz ausgeliefert hat, damit jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren geht, dann solltest du dich ohne aufzubegehren ganz in die Hände Gottes geben können und nicht über den Verlust eines Arbeitsplatzes oder der Rente weinen. Vielmehr solltest du betrübt sein, dass wir der Liebe Gottes antworten, indem wir aufbegehren und kleingläubig sind, keine Geduld haben und Seine heiligen Gebote auf vielfache Weise übertreten. Hat der Herr nicht selbst gesagt, dass er den, den Er liebt, auch straft und durch Leiden vom Irdischen fortreißt? Er tut dies, um es ihm leichter zu machen, sein Herz in den Himmel zu heben, nicht nur während der Liturgie, sondern immer. Haben wir etwa das Recht, dem Herrn zu diktieren, was er mit uns machen soll? Wenn wir uns Ihm unterordnen wollen, dann sollten wir aufhören, aufzubegehren und über irdische Dinge Tränen zu vergießen. Vielmehr sollten wir unsere Sünden beweinen, aber auch darüber betrübt sein, dass wir in einem fort die Gebote Gottes übertreten und den Herrn durch unsere Kleingläubigkeit und unser Misstrauen seinen Worten gegenüber kränken. Sollte es uns nicht traurig stimmen, dass wir seine Liebe zu uns nicht zu schätzen wissen? Deshalb sollten wir auch, wenn wir unsere Sünden nicht sehen, doppelt, ja dreimal so viel weinen. Denn das bedeutet, dass unsere Seele verhärtet und verfinstert ist und ihren gesunden Blick für das Innere verloren hat. Wir sollten deshalb, während wir uns tief bis zur Erde verbeugen, den Herrn bitten: „Herr, gib mir, dass ich meine Sünden sehe!

Wenn wir uns durch das Bad der Buße gereinigt haben, werden wir erkennen, dass das Leid, welches uns geschickt worden ist, eine Form der Barmherzigkeit und Liebe Gottes zu uns ist. Dann werden wir begreifen, dass wir ihrer mehr bedürfen als aller irdischen Güter zusammen. Die einzige aus dem Menschengeschlecht, die reiner ist als die Cherubim und unvergleichlich herrlicher ist als die Seraphim, die Mutter des Herrn, hat solche Leiden ertragen, angesichts derer dein Leid nichts ist.

Dabei ist es doch so, dass der Herr keine Versuchungen und Leiden zulässt, die unsere Kräfte übersteigen. Du hast noch nicht bis aufs Blut gerungen. Bist du überhaupt gegen den Feind ins Feld gezogen und hast gegen deine eigenen Leidenschaften angekämpft? Hast du etwa so gelebt, wie es sich geziemt? Hast du dich zurückgehalten, wenn es dich überkam, deine Mitmenschen zu beleidigen? Hast du grobe Worte vermieden und dich von sinnlosem Geschwätz ferngehalten usw.? Schau, wenn du betest, auf dein Leben und zeige für alles Vergangene aufrichtig Reue. Versprich dem Herrn, von nun an alle Kraft dafür aufzuwenden, um gegen die Sünde anzukämpfen und Seine Gebote zu erfüllen. Bemühe dich darum, und schon bald wirst du erkennen, wie barmherzig Gott dir gegenüber ist. Dann wirst du vielleicht von ganzer Seele dem Herrn danken können, dass er dir deine Leiden geschickt hat. Übe dich in Demut vor Gott und vor den Menschen.

Wenn du aber all dies nicht tust und weiterhin sündigst und verzagst, dann versuche wenigstens ohne aufzubegehren die dir gesandten Leiden zu tragen. Sprich, wie es der einsichtige Räuber getan hat: „Zu Recht empfange ich, was mir zusteht“. Verzweifle nicht, übe dich dem Herrn gegenüber in Geduld, beweine deine Sünden und deine Kleingläubigkeit. Weine auch darüber, dass du nicht glaubst, dass Gott sich um uns sorgt. Dann wird der Herr dir auch Trost senden.

Verzeihe mir und bete für mich. Möge der Herr dich segnen, dir Einsicht schenken und dich trösten.

Arme und leidgeprüfte Katja! Ich fühle mit dir mit und weiß, dass der Herr dich tausendmal mehr bemitleidet. Habe Geduld und kränke Ihn nicht, in dem du gegen Ihn aufbegehrst. Er wird dich trösten und zwar auf eine viel schönere Art und Weise, als du es dir jetzt ausmalen kannst.

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