Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 28

21. Juni 2022

briefe

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an Studenten der Moskauer Geistlichen Akademie

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Man müsste so viel auf deinen Brief antworten. Ich beschränke mich auf das Wesentliche. Die Weisheit Gottes ist so groß, dass der Herr selbst das Böse dem Menschen zum Nutzen angedeihen lässt. Diesen Gedanken haben viele Heilige Väter breit dargelegt. Es ist nämlich so: Der Mensch kann nur durch Glauben und die Erfüllung der Gebote zum Heil gelangen. Wenn man diese erfüllt, dann verändert sich die Seele des Menschen. Es erneuert sie und den Menschen nach dem Bilde Gottes, genauer gesagt nach dem Bilde des Erlösers Jesu Christi.

Die Grundeigenschaft dieses „erneuerten“ Menschen ist die Demut, „Lernt von mir, denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig“ (Mt. 11,30), ohne die die Erfüllung sogar aller Gebote einen Menschen Gott nicht näher bringt, sondern sogar zu einem Feind Gottes macht. Denn wo keine Demut ist, haust unweigerlich der Stolz. Gerade um diese Eigenschaft der Seele geht es, wie mir scheint, bei dem Bild, das das Evangelium zeichnet, wo es da heißt, dass der Satan, nachdem er vertrieben worden ist und ohne Ort umherzieht, als er sieht, dass das Haus zwar aufgeräumt und geschmückt, aber doch leer ist, noch sieben andere von den Seinen, die noch viel bösartiger als er selbst sind, nimmt und sich mit ihnen in die Seele einnistet (Lk. 11, 24-26). Letzteres ist dann für den Menschen bitterer als zuvor.

Beim Heiligen Makarius wird das Verhältnis zwischen Demut und den anderen Tugenden durch das Gleichnis vom üppigen Mittagsmahl, das für den König und seine Würdenträger veranstaltet wird, dargestellt. Da jedoch alles ohne Salz zubereitet war, d.h. ohne Demut, bekam derjenige, der das Mal bereitet hatte, statt Dank nur den Zorn des Königs zu spüren. Ohne Demut sind alle Tugenden des Menschen sinnlos. Ohne sie fährt der Stolz in die Seele eines Menschen ein und mit ihm sieben andere Dämonen, d.h. alle Leidenschaften. Wenn man sich aufmerksam beobachtet und immerfort gegen seine Sünden ankämpft, dann beginnt man zu sehen, wie tief man verdorben und wie stark sein ganzes Wesen vom Stolz durchsetzt ist. Wenn man es schafft, seine hohe Meinung von sich selbst, jegliche Eitelkeit und allen Stolz in sich zu besiegen, dann könnte man dies damit vergleichen, dass man quasi die gesamte Sünde in sich besiegt hat. Es ist aber so, dass, wenn ein Mensch der Sünde verfällt, dieses ihm helfen kann, zur Demut zu finden. Dies geschieht aber nur dann, wenn der Mensch niemanden anderen und keine anderen Umstände dafür verantwortlich macht, sondern nur sich allein, was auch in der Tat ganz richtig ist. An allem ist der Mensch selbst schuld. Umstände und der Teufel unterstützen die Sünde nur, sie verlocken. Die endgültige Entscheidung obliegt dem Menschen. Deshalb auch ist er allein verantwortlich. Dies ist auch der Grund, warum einen das Gewissen quält, wenn man gesündigt hat.

Wenn man mit der Sünde, die in einem wohnt, kämpft, und dabei immer wieder auf die eine oder andere Weise sündigt, erkennt man aus eigener Erfahrung - und nicht nur theoretisch! - wie tief man verdorben ist und wie kraftlos, dagegen etwas auszurichten. So wird man demütig. Wenn man überall und ständig von den Sünden überlistet wird, fällt man irgendwann einmal mit zutiefst zerschlagenem Herzen und voller Tränen dem Herrn vor die Füße und erkennt mit ganzer Seele seine Sündhaftigkeit sowie auch seine Hilflosigkeit, selbst die Sünde zu besiegen. Dann wird man den Herrn anflehen: „Gott, wenn du es möchtest, dann kannst du mich rein machen (Mt. 8,2 - wie es der Aussätzige gesagt hat), denn ich selbst kann nichts ausrichten. Herr, rette mich! Herr, lehre mich, deinen Willen zu tun. Herr führe meine Seele aus der Finsternis heraus“. Nur so erkennt ein Mensch, dass er den Heiland und seine Menschwerdung auf der Erde nötig hat. Nur so begreift er die Bedeutung des Opfers am Kreuz. Hier erkennt der Mensch auch die große Barmherzigkeit Gottes dem gefallenen Menschen gegenüber, denn wenn ein Mensch aufrichtig büßt, dann beschützt der Herr diesen Menschen, dann nimmt er die Sünde von ihm und heilt die Wunden seiner Seele, die die Sünde ihm zugefügt hat. Dann begreift der Mensch aus eigener Erfahrung, dass es Gott gibt und Er für den Menschen sorgt. Dann erkennt er, dass der Herr allen denen nahe ist, deren Herz zerschlagen ist. Dann versteht er, dass der Herr in der Tat der Arzt unserer Seelen ist usw. Auf diese Weise erweist sich ein Absturz in die Sünde, die an sich etwas Böses ist, als Grund für etwas viel Größeres und Gutes. Deshalb ist die Weisheit Gottes so wunderbar - wie auch in allem anderen. ...

Sei deshalb, mein Lieber, nicht verzagt, wenn du der Sünde wieder einmal verfällst. Gehe mit dir vor Gott ins Gericht und beichte Ihm deine Sünde. Mache niemanden anderen dafür verantwortlich und übe dich in Demut. Erkenne deine Schwachheit in allem und bitte den Herrn, dass Er seine heiligen Gebote in dir erfüllen möge. Das bedeutet aber nicht, dass du nicht mit aller Kraft kämpfen solltest. Man muss vielmehr mit aller Kraft kämpfen. Wie, das haben die Heiligen Väter an vielen Beispielen aufgezeigt. Man sollte es lernen, bestimmte Gegebenheiten vorauszusehen, die einem Sieg aber auch einer Niederlage dienlich sind. Jene, die letzterer dienen, sollte man vermeiden und dagegen jene, die es einem leichter machen zu siegen, suchen. Das Wichtigste aber ist, wenn sündige Gedanken auftauchen, ununterbrochen den Herrn um Hilfe anzurufen und sich bewusst zu sein, dass man selbst zu schwach ist, um die Sünde zu besiegen. Selbst wenn man in die Hände der Sünde fällt, sollte man, auch während man sündigt, zum Herrn aufschreien, sich auf keinen Fall aber voller Scham vor Ihm verschließen. Man sollte sich vielmehr in Gedanken vor den Herrn stellen und sagen: „Herr, du siehst, was ich tue. Hab erbarmen mit mir! Hilf mir. Befreie mich aus der Macht des Teufels“ ... Weine innerlich vor dem Herrn und rufe Ihn so oft wie möglich an, dass Er dir in deinem gesamten Leben in Allem helfen möge, denn es ist schwer innerhalb dieser Welt Seine Gebote zu erfüllen. Deshalb auch haben die alten Väter über die Menschen unserer Tage geweint, weil viele in ihren Sünden zugrunde gehen werden.

Es gibt noch ein anderes mächtiges Mittel im Kampf gegen jegliche Sünde. Geh sofort, nachdem du in die Fänge der Sünde geraten bist, zu deinem Beichtvater und tue Buße. Wenn es nicht gleich möglich ist, dann bei erst bester Gelegenheit. Vertage es nur nicht auf morgen usw.! Wer oft und sofort seine Sünden beichtet, der beweist, dass er die Sünde hasst und die Gefangenschaft des Teufels nicht ausstehen kann. Ebenso zeigt er, dass er bereit ist, die Scham bei der Beichte zu ertragen, nur um sich von der Sünde zu befreien und rein zu werden. Dafür empfängt er vom Herrn nicht nur die Vergebung der geschehenen Sünden, sondern auch Kraft, um bis zum völligen Sieg weiterzukämpfen. Bei einem solchen sollte man aber nicht beginnen, hoch von sich zu denken und in Stolz zu verfallen. Sei diesbezüglich achtsam! (Die Fänge des Teufels lauern überall).

Beginn also auf die rechte Weise: Kämpfe deinen Kräften entsprechend und verzage nicht, wenn du sündigst. Werde vielmehr traurig und rufe den Herrn an. Sei vorausschauend, was verschiedene Umstände anbetrifft und gehe den ungünstigen und gefährlichen aus dem Weg. Beichte sofort deinem geistlichen Vater und übe dich in Demut, indem du deiner vergangenen und gegenwärtigen Sünden und Stürze gedenkst. Der Herr wird dir helfen, und so wird aus dir ein erfahrener Krieger Christi, der weiß, wie es geht und deshalb in der Zukunft auch anderen helfen kann.

Gib dich nicht der Faulheit hin. Wenn du zu einer Sache keine Lust hast, dann nimm dich einer anderen an. Halte deine kleine Gebetsregel ein. Mache es dir auch zur Regel, dich wenigstens einmal in der Stunde im Gebet an den Herrn und die Gottesmutter zu wenden, mit der Bitte um Hilfe. Wenn du die Möglichkeit und die Kraft dazu hast, dann auch öfter. Möge dir der Herr auf die Fürsprache des Heiligen Sergius und der anderen Heiligen von Radonezh helfen. Hab Mut und gib nicht auf.

Möge der Herr euch segnen, zu allem Guten Einsicht geben und euch vom Bösen beschützen. Lass dein Herz durch deine Sünden demütig werden. Lass es weinen. Lass dir alles zum Nutzen gedeihen, denn dem, der Gott liebt, d.h. dem, der von ganzer Seele den Herrn durch das Erfüllen Seiner heiligen Gebote sucht, gereicht alles zum Nutzen.

Kämpfe!

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