Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 33

29. Juli 2022

Briefe Teil

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Wir haben deinen Brief bekommen. Mir tut Vater Pawel sehr Leid. Du solltest ihn auf keinen Fall verurteilen, sondern vielmehr jedes Mal, wenn du an ihn denkst, zum Herrn rufen: „Herr hilf deinem Knecht! Rette ihn!“ Er bedarf unseres Mitgefühls und unserer Gebete. Wenn ein Glied des Körpers leidet, dann leidet der gesamte Leib mit ihm. Ihr solltet deshalb alle darum bitten, dass für ihn eine Liturgie gefeiert wird. Bittet den Abt der Lawra, dass in allen Kirchen für das Heil dessen gebetet wird, der gerade so stark versucht wird.

All dies ist, im Grunde genommen, die Frucht eines falschen Grundprinzips der Arbeit der Geistlichen Schulen. Den Studenten sollte mit allen Mitteln geholfen werden, in erster Linie in ihrem Glauben bestärkt zu werden. Ich spreche hier von einem lebendigen Glauben an Gott, nicht aber von einem ganzen Haufen an auswendig zu lernenden Dingen, die noch nicht ausgereift sind. Vermögt ihr denn wenigstens eines der gelehrten Fächer wirklich in mit dem Verstand zu begreifen? Ich rede schon gar nicht vom Herzen! Sind es für euch Studenten Fächer, die ihr wirklich liebt? Ich bezweifle es. Es ist viel mehr ein Haufen an Fakten, die ihr nicht verdauen könnt. Es ist aber noch viel schlimmer. Wenn man in seinem Glauben noch nicht recht gefestigt ist und mit einem vom Fleisch geleiteten Verstand, der deshalb nicht als Verstand zu bezeichnen ist, geistliche Wahrheiten betrachtet, dann führt dies dazu, dass man die Wertigkeit dieser Wahrheiten nicht erkennt. Es wird ihnen vielmehr nur die Hülle des Geheimnisvollen und die Tiefe der Göttlichen Weisheit genommen. Diese Wahrheiten werden auf diese Weise zu Streitobjekten der Heiden degradiert und bleiben den Seelen der Studierenden fremd. Deshalb auch sind unter den Absolventen der Geistlichen Schulen viele der aggressivsten Gotteslästerer.

Die Studenten werden mit Fächern überschüttet. Sie haben keine Zeit nachzudenken. Eine geistliche Schule sollte aber 1.) den Glauben stärken, 2.) beten lehren, 3.) es lehren, wie man sich selbst erkennt und auch wie tief man gefallen ist, 4.) zeigen, wie man gegen die Sünde und gegen Versuchungen ankämpfen kann, so wie es die Heiligen Väter getan haben, 5.) die Werke der Heilige Väter zu verstehen und zu fühlen lehren und über diese auch das Evangelium, sodass die Heiligen Väter für die Studenten zu Menschen werden, die ihnen vertraut und nahe sind, und damit lebendig, sodass die Studenten fühlen, dass sie ihnen auf die Nöte ihrer eigenen Seele in jeder beliebigen Situation eine Antwort geben können, nicht aber nur ein Gegenstand äußerer Untersuchung bleiben. 6.) gilt es zu zeigen, dass die Gebote des Evangeliums nicht als Hindernisse für ein Leben, wie es einem gefällt, oder als ein gutes moralisches System für das Funktionieren einer Gesellschaft verstanden werden, sondern als Weg, um bereits hier auf der Erde, die kostbare Perle zu finden, für die ein Mensch, wenn er sie sieht, bereit ist, voller Freude alles zu verkaufen, d.h. allen irdischen Interessen und Annehmlichkeiten, all dem, was in den Augen der Welt so wichtig ist, den Rücken zu kehren. Es gilt, die Studenten dahin zu bringen, dass auch sie bereit sind, alles zurückzulassen, nicht weil man sie dazu zwingt, sondern weil es sie aus innerem Verlangen der Seele zu dieser Perle zieht. Jeder kann diese Perle finden, der an Christus glaubt und mit aller Kraft bemüht ist, nach den Geboten des Evangeliums zu leben.

Bereits eine kurze und längst nicht alles erschöpfende Aufzählung der Aufgaben von Geistlichen Schulen zeigt, dass die Geistlichen Schulen unserer Tage weit von diesen Ideen entfernt sind. Man müsste alles neu organisieren, angefangen von den Studienplänen bis hin zur Leitung, ja sogar auch die Räumlichkeiten. Man wird entgegnen, dass jetzt dafür nicht die Zeit ist. Wenn man auch nicht alles tun kann, so ist doch einiges möglich. Das Wichtigste jedoch wäre, dass alle das Ziel im Augen haben, um so zu erkennen, was man von sich aus tun kann und worüber man betrübt sein sollte. Dann würde man wie ganz selbstverständlich auch eine andere Haltung den Studenten gegenüber einnehmen und in ihnen lebendige Seelen sehen, vor denen sich alle, angefangen vom Rektor bis hin zu den Hilfskräften, in die Pflicht genommen sehen, vor denen keiner in der Lage ist, seine gewaltige Schuld zu bezahlen.

Wie viele interessante Dinge könnte man den Studenten über das Neue Testament berichten (wie die Heiligen Väter die Gleichnisse und schwer verständliche Stellen gedeutet haben, besonders beim Apostel Paulus, wie auch die Lehre vom neuen und alten Menschen, die Grundlagen eines Lebens im Geiste und das Verständnis des Seelenheils usw.), statt Textkritik und andere Dinge zu lehren, mit denen man nur sinnlos Zeit verschwendet, weil sie in keinem Verhältnis zu dem einzigen Ziel stehen, weshalb der Herr gekommen ist, die Kirche erschaffen hat und wofür allein Geistliche Schulen bestehen sollten. Dieses Ziel ist die Heilung der Seele des Menschen – das Heil.

Das entscheidende Hindernis besteht darin, dass die entsprechenden Menschen fehlen. Es ist leer geworden um den Heiligen ( Gemeint ist der Heilige Sergius, Schutzpatron und Gründer des Dreifaltigkeitsklosters, innerhalb dessen Mauern sich die Moskauer Geistliche Akademie befindet – A.d.Ü.). Jesus Christus, Sohn Gottes, sei mir Sünder gnädig! Möge der Herr dich beschützen.

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