Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 36

17. August 2022

geistlichen kinder

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Es ist sehr schade, dass ich nicht mit dir sprechen konnte.

Sei nicht verbittert, übe dich in Demut. Wir alle nehmen uns viel zu wichtig und hoffen allein auf unsere Kräfte. Es ist deshalb nötig, dass man viele Male in eine Grube stürzt, um seine eigene Beschränktheit zu begreifen. Denn nur so kann man erkennen, dass man der ständigen Hilfe Gottes bedarf. Wenn schon alle seelischen Kräfte durch unseren gefallenen Zustand entstellt sind, dann trifft dies erst recht auf das Bewusstsein unserer eigenen Person, auf unser Ich zu.

Als Abbild Gottes und berufen, Gottes Kind und Teilhaber an der Natur Gottes zu sein, ist der Mensch in der Tat von besonderem Wert und kostbarer als die gesamte Welt zusammen. Darüber sollte man sich klar sein, dafür Gott danken und sich dementsprechend verhalten. In der Tat weiß der Mensch aber entweder nichts von seiner wahren Größe oder aber er meint, in seiner Verdorbenheit die Besonderheit seines Ichs an Kleinigkeiten festzumachen. So kämpft er für nichtige Selbstliebe und Eitelkeit und erhebt sich im Stolz. Damit macht er sich für Gott und für die Menschen unangenehm. Diese Verdorbenheit in der Haltung zu seinem Ich, ist schlimmer als andere Sünden und lässt sich nur schwer heilen, da sie den tiefsten Kern der Seele des Menschen, ihre Grund, das Ich berührt. Nur mit Demut lässt sich diese Entstellung auskurieren. Deshalb ist Demut so kostbar. Diesen Gedanken umreiße ich hier nur so in etwa, nicht in aller Genauigkeit, denn man kann ihn nicht in einigen Sätzen ausdrücken.

Bis zu seinem Lebensende muss ein Mensch mit seinem falschen und gefallenen Ich kämpfen. Der Erfolg eines Lebens im Geiste misst sich an der Tiefe der Demut. Dafür ist es nötig, dass der Mensch unaufhörlich kämpft, um zu diesem Zustand der Demut zu gelangen, was auch bedeutet, dass Gott einem in allem hilft. Ohne die Hilfe Gottes kann ein Mensch selbst niemals diese Demut erreichen. Deshalb sollte man sämtliche Erniedrigungen und Kränkungen, Beleidigungen und Stürze in die Sünde wie aus der Hand Gottes (und so ist es in der Tat!) annehmen, die alle dazu dienen, unser Ich in die Schranken zu verweisen. Man sollte gegen diese nicht aufbegehren, sondern sie mit Dankbarkeit annehmen. Auch wenn ein Mensch so lebt, kann er doch bis zum Ende seines Lebens nicht völlig von der Sucht zu Gefallen und einer hohen Meinung von sich selbst geheilt werden. Doch ohne Demut kann kein Mensch, ohne daran Schaden zu nehmen, Gaben von Gott empfangen. Deshalb ist es vorausgesagt worden, dass die Menschen in den letzten Tagen vor dem Weltenende wegen des überhand nehmenden Stolzes nur durch das geduldige Ertragen von Leid und Krankheit zum Heil finden werden. Besondere asketische Leistungen werden ihnen nicht gegeben sein.

Danke Gott deshalb für deine Drei und für ähnliche Fälle. Danke dem Instrument der göttlichen Vorsehung und allen, durch die uns der Herr lehrt, demütig zu werden. „Wen der Herr liebt, den züchtigt er“ (Hebr. 12,6). Lerne an deinen Erfahrungen, was Christentum in Wahrheit bedeutet. Strebe deshalb nicht nach guten Noten. Die Geistlichen Schulen geben nur einige theoretische Kenntnisse über das Christentum. Mit diesen Kenntnissen kann man, auch wenn man sich ganz verdient Doktor der Theologie nennen darf, nicht nur nicht an Christus glauben, sondern auch die Existenz Gottes negieren. Nur die Erfahrung, das reale Zwiegespräch mit Gott, lässt einen lebendigen Glauben erwachsen, der auch sieht, was er glaubt. Man erlangt ihn nur durch viel Leid und Versuchungen, indem man stürzt und wieder aufsteht usw. So wird man zunächst immer demütiger (es gibt auch in der Demut verschiedene Stufen) und dann gelangt man zu geistlichen Gaben. Erbitte bei Gott Weisheit, dass dir deine Stürze in die Sünde und deine Versuchungen zum Nutzen gereichen, um geistlich zu reifen. Das wichtigste ist, immer das Reich Gottes zu suchen, um es zu finden. ...

Möge der Herr dich beschützen und dich auf deinem Weg ins ewige Leben führen. Verkaufe den Herrn nicht für irgendetwas Nichtiges und auch nicht für etwas Großes. Die Armut des Alexius des Mannes Gottes ist besser als der Reichtum und der Ruhm aller Welt! Entscheide dich ein für allemal und dann folge deinem Weg, was auch immer geschehen möge!

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Du schreibst über Auseinandersetzungen mit N.G. wegen katholischer Asketen. Hier hilft kein Streit um Worte, denn es geht hier nicht um ein Wort, sondern um eine geistliche Praxis. Was haben die Asketen des Ostens und was die des Westens gesucht? Das, was die Väter des Ostens (kategorisch – wozu hier ein Fremdwort benutzen!) aufs Strengste und entschieden, unter Drohungen und aus voller Überzeugung verboten haben, haben die Asketen des Westens mit aller Kraft und allen Mitteln angestrebt.

Außer denen, die in spiritueller Verirrung geraten waren, haben sich alle heiligen Väter des Ostens völlig für unwürdig gehalten, irgendwelcher Visionen oder göttlicher Gaben teilhaftig zu werden. Wenn sie diese gegen ihren Willen empfangen haben, habe sie Gott darum gebeten, ihnen diese Gabe wieder zu nehmen oder ihnen besonderen Schutz zu gewähren, dass sich diese Gaben für sie nicht als schädlich erweisen und sie wegen ihr am Ende ins Verderben laufen. Sie meinten, dass alle bis zum Ende des Lebens ununterbrochene Buße nötig haben, weil ein Mensch vor Gott in unbezahlbarer Schuld steht. Er ist niemals in der Lage, so viel zu „verdienen“, dass er seine Schuld zurückzahlen kann. Es kann deshalb von Verdiensten, die über das geforderte Maß hinausgehen, nicht die Rede sein. „Wenn ihr alles getan habt, was euch aufgetragen war, dann sagt, dass ihr nur nichtsnutzige Knechte seid, denn ihr habt nur getan, was ihr tun solltet“ (Lk. 17,10). Wir alle stehen, wie es das Evangelium aufzeigt, vor Gott in der Schuld. Wir können deshalb nur darum bitten, dass uns diese Schuld erlassen wird. Denn niemand kann sie zurückzahlen, weder der, der fünfzig Dinare, noch der, der fünfhundert Dinare schuldet, und erst recht nicht der, der zehntausend Talante schuldig ist. Wo kann hier von Verdiensten, die das Mindestmaß übersteigen, die Rede sein? Über die Gaben, die die Apostel bekommen haben, sagt der Herr: „Umsonst habt ihr´s empfangen, umsonst gebt es auch“ (Mt. 10,8).

Die Heiligen Väter des Ostens meinen, dass, wenn ein Mensch besondere Gaben sucht, ihm dann der Teufel, der seine Haltung erkennt, auf sehr listige und heuchlerische Weise etwas zu zeigen beginnt, was diesen Menschen dazu bringt, sich als jemand Besonderes zu empfinden. So gewinnt der Teufel Macht über diesen Asketen und führt ihn ins Verderben, wenn er nicht rechtzeitig zu sich kommt.

Wie leicht ist es doch jene zu betrügen, die, wie es bei den westlichen Asketen der Fall war, ohne sich zu reinigen, also in voller Wirkung des „alten Menschen“ in sich, nach hohen geistlichen Zuständen gestrebt haben. Sie alle sind zu Spielzeugen und Werkzeugen des Teufels geworden.

Das Wort Gottes, d.h. die Heilige Schrift, und die Heiligen Väter sprechen aus eigener Erfahrung, dass nur den Demütigen Gnade zuteil wird. Denn nur diese können über Gnadengaben verfügen, ohne daran Schaden zu nehmen, weil sie sich dieser Gaben für unwürdig erachten. Wenn sie aber Gaben von Gott erhielten, dann verstanden sie diese als zeitlich begrenzt, um sie zu bewahren. Es war ihnen bewusst, dass sie für diese Gaben vor Gott Rechenschaft werden ablegen müssen. Deshalb auch haben sie Gott gebeten, ihnen diese Gaben zu nehmen.

Das Wichtigste ist, dass man aus Erfahrung erkennen sollte, wie notwendig und wertvoll die Demut ist. Dann beginnt man die Haltung der östlichen Kirchenväter zu verstehen, nicht aber die der westlichen. Man muss aus eigener Erfahrung erkennen, was zum Beispiel der Heilige Isaak der Syrer gemeint hat, als er sagte, „dass das Beweinen der Sünden mehr bedeutet als die Fähigkeit, mit einem Wort die Toten auferstehen zu lassen“. Wenn ein Mensch dies nicht erkennt, dann hat es auch keinen Sinn mit ihm über die westlichen Asketen zu streiten. Es wird dann eher ein Wortgefecht werden, bei dem beide Seiten nichts wissen, sich nur auf das berufen, was andere gesagt haben und den Gegner entweder dort treffen, wo es keinen Sinn macht, oder ohne Argumente streiten, die nötig wären.

Möge der Herr dich beschützen! Wir warten auf dich. Richte N.G. meinen Gruß aus und auch allen, den man ihn übermitteln kann. Schon allein der letzte Satz kann auf unterschiedliche Weise verstanden werden. Was soll man hier über schwierige Dinge sagen! ...

Lerne demütig.

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