Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 37

24. August 2022

worte

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Ein geistlicher Mensch ist derjenige, der in sich den Heiligen Geist erlangt hat und ein Gefäß des Heiligen Geistes ist. „Ihr seid ein Tempel Gottes und der Geist Gottes wohnt in euch“. (1. Kor. 3.16).

Wie man den Heiligen Geist erlangen kann, davon sprechen das Evangelium und besonders ausführlich die Heiligen Väter. Das solltet ihr wissen. Ich möchte davon sprechen, woran man nach den Beschreibungen der Heiligen Väter einen Menschen erkennen kann, der nach dem Geist lebt. Denn ein Mensch, der nach dem Geist lebt, unterscheidet sich von einem, der nach seinen Empfindungen oder nach dem Fleisch lebt, was hier fast gleichzusetzen ist, sehr wohl. Er ist ein erneuerter Mensch. Derjenige aber, der nach seinen Empfindungen lebt, ist ein alter Mensch. Was ist in ihm neu? Alles: sein Verstand, sein Herz, sein Wille, sein Zustand, ja sogar sein Leib.

Der Verstand eines neuen (nach dem Geist lebenden) Menschen ist fähig, einzelne Ereignisse aus der Vergangenheit und viele in der Zukunft zu erfassen, das Wesen der Dinge zu erkennen und nicht nur ihre Erscheinung. Er vermag, die Seele von Menschen, Engeln und Dämonen zu sehen und vieles aus der geistlichen Welt (der Welt des Jenseits) zu begreifen. „Wir aber haben den Geist Christi“ (1 Kor 2,16), sagt der Apostel Paulus, der ganz im Geiste gelebt hat.

Das Herz eines neuen Menschen ist fähig, solche Dinge zu „spüren“, die kurz gesagt, „kein Auge gesehen, kein Ohr vernommen und in keines Menschen Herz (fleischlichen, empfindsamen, alten) gekommen sind“ (1 Kor 2,8).

Ich habe „spüren“ geschrieben, doch dies ist nicht exakt. Man müsste sagen: erleben, wahrnehmen. Dieses Erleben ... Ich habe dieses Wort geschrieben und inne gehalten, denn es hat einen Hauch von Subjektivem. Deshalb ist es besser zu sagen: diese Wahrnehmung des Herzens ist so voller Seligkeit und unsagbarer Freude, dass sie die gesamte Seele eines Menschen berührt und mit größter Dankbarkeit für Gott erfüllt, Dem dieser Zustand zu verdanken ist. Sie ist erfüllt von Liebe zu ihm und dem Wunsch, alle Qualen und Leiden um Seiner willen zu ertragen, um Ihm so zu danken und Seiner Liebe mit der eigenen Liebe zu antworten, nur um diesen wohligen Zustand nicht zu verlieren.

„Was gebe ich dir, Herr, für alles, was du mir gegeben hast?“ (Ps. 116,12). Auf diese Weise strebt auch der Wille eines so erneuerten Menschen ganz zur Liebe und zur Dankbarkeit Gott gegenüber und zu dem Wunsch, in allem nur den Willen Gottes zu tun, nicht aber seinen eigenen.

Mit einem Wort ist ein Mensch, der den Heiligen Geist erlangt hat, ganz erneuert. Er wird zu einem anderen, von daher das wunderbare russische Wort „inok“ („inok“ ist im Russischen „der Mönch“, wörtlich „der Andere“ – A.d.Ü.),und das im Verstand, im Herzen und im Willen.

Der Leib eines Menschen, der nach dem Geist lebt, verändert sich ebenso und wird zum Teil dem Leib Adams vor dem Sündenfall ähnlich. Er ist nicht nur fähig, Geistliches zu empfinden, sondern, vom Geist durchdrungen, auch in der Lage, Außergewöhnliches zu tun (auf dem Wasser zu gehen, lange ohne Speise auszuharren, in einem Moment große Strecken zurückzulegen. u. ä.).

Dieser geistliche Zustand gewährt einem Menschen ein solch starkes Erleben der Seligkeit, dass der Apostel Paulus ausgerufen hat: „die Leiden dieser Zeit sind nichts im Vergleich mit der Herrlichkeit, die uns offenbart werden soll“ (Röm. 8,18). Der Heilige Seraphim hat im Einklang mit den alten Vätern gesagt: „Wenn ein Mensch die Seligkeit erleben würde, wie er sie schon hier erleben kann und erst recht im zukünftigen Leben erleben wird, dann würde er sich einverstanden erklären, tausend Jahre in einer Grube zu verbringen, die mit allerlei Ungeziefer, das an seinem Körper nagt, angefüllt ist, nur um einen solchen Zustand zu erlangen“. Das nur kurz zum Thema „Leben nach dem Geist“ und „rechte geistliche Gesinnung“. In den Sakramenten der Taufe und der Myronsalbung wird ein Mensch in Christus und den Heiligen Geist wie in ein Gewand gehüllt. Nun hängt vom freien Willen des Menschen ab, ob er sich durch ein Leben nach den Geboten des Evangeliums ganz von dem Sauerteig des Gottesreiches, dem Sauerteig des Heiligen Geistes, durchsäuern lässt und auf diese Weise ein gefestigter und erneuerter Mensch nach dem Bilde Jesu Christi wird oder aber alles unterdrückt, weil er das Leben des alten Menschen fortsetzen möchte.

Ein Mensch, der nach seinen Empfindungen lebt (ψυχικός), nimmt nicht das an, was vom Geist Gottes ist, weil er dies für eine Torheit hält (1 Kor 2,14). Das sehen wir auf Schritt und Tritt, denn wir selbst, wie auch alle um uns herum, leben nicht nach dem Geist, sondern nach Empfindungen. Wir befinden uns immer noch im Zustand des alten Menschen. Im besten Fall erkennen wir es und kämpfen dagegen an. Wir wollen zwar gerne nach dem Geist leben, doch tun wir nicht genug dafür. Wir können Menschen, die nach dem Geiste leben durchaus wertschätzen, doch wir können sie nicht verstehen. Oft halten wir sie für geistlich, weil andere dies so sagen. Dabei irren sich diese oft bei ihrer Einschätzung.

Einen Menschen, der nach seinen fleischlichen Instinkten lebt, muss man noch niedriger ansiedeln als den, der nach seinen Empfindungen lebt. Der Begriff „alter Mensch“ kann aber sowohl auf den, der nach seinen Empfindungen lebt, als auch auf den, der nach seinen fleischlichen Instinkten lebt, angewendet werden. Beide sind noch im alten Zustand und haben sich nicht erneuert. Der Mensch, der nach seinen fleischlichen Instinkten lebt, ist gröber als der Empfindungsmensch. Er ist mehr in der Materie verhaftet, und es fällt ihm schwerer, an Jesus Christus zu glauben. Meist jedoch glaubt er gar nicht an Ihn. Von der Existenz des Geistlichen hat er gar keinen Begriff. (Siehe Gal. 5,19-21).

Weltliche Menschen (ein anderer Ausdruck, d.h. Menschen, die sich nach ihren Empfindungen und nach ihren fleischlichen Instinkten richten) bezeichnen alle diejenigen, die einen Weihegrad in der Kirche haben, also Diakon, Priester oder Bischof oder aber Mönch als „geistlich“. Manchmal aber auch jeden, der ein wenig den Psalter zu lesen beginnt, in die Kirche geht und geistliche Bücher liest. Aus dem oben Gesagten wird sichtbar, inwieweit dies falsch ist. So bezeichnet man auch viele Bücher als geistlich, wenn in ihnen von geistlichen Dingen die Rede ist. Dabei gibt es fast gar keine wahrhaft geistlichen Bücher. Nur die Heilige Schrift und die Werke der Kirchenväter kann man als geistlich bezeichnen. Durch sie kann man ein wenig aus eigener Erfahrung begreifen, was „geistlich“ bedeutet. Vergleiche die Schriften des Ignatius (Brjantschaninow) mit denen irgendwelcher Professoren der Theologie. Was für ein großer Unterschied! Du hast dies bereits gut gefühlt.

Hier noch andere Texte, die das von mir Gesagte bestätigen: „… es sind irdisch gesinnte Menschen, die den Geist nicht besitzen.” (Jud 1,19).

“Das ist nicht die Weisheit, die von oben kommt, sondern eine irdische, eigennützige, teuflische Weisheit.”(Jak 3,15).

Mit dem Wort ψυχή [Psyche] bezeichneten die Griechen den niederen Teil der menschlichen Seele, wie er auch den Tieren eigen ist. Den höheren Teil nannten sie in der Regel νόος oder νους, was mit Verstand oder Vernunft zu übersetzen ist.

In den Werken der Heiligen Väter wird viel über das Leben des Menschen nach dem Geiste, über die Vergottung des Menschen und darüber geschrieben, dass der Mensch durch die Gnade zu Gott wird. Man liest dort auch über den Zustand des Menschen, wenn dieser nach seinen fleischlichen Instinkten oder nach seinen Empfindungen lebt.

Wie traurig! Menschen, die nach ihren Empfindungen oder fleischlichen Instinkten leben, haben keinen Wunsch, geistliche Bücher zu lesen. Wenn sie diese aber lesen, dann rein mit dem Verstand. Deshalb bleiben sie kühl und unbefriedigt. Sie begreifen nicht die Kraft des Geschriebenen, legen die Lektüre beiseite und wenden sich den Doktoren der Theologie, besonders den Protestanten zu.

Ziehe keine Schlussfolgerungen aus dem, was ich geschrieben habe, als ob ich begriffen hätte, was es heißt, nach dem Geist zu leben. Nein. Doch demjenigen, der den Herrn sucht, dem wird es, wie es der Herr auch gesagt hat, besonders am Anfang des Weges zuteil, von der zukünftigen Seligkeit kosten zu dürfen, um ihn für eine weitere Suchen zu beflügeln. Darüber sprechen alle.

Wir jedoch, die einiges erkannt haben, kehren wie die Hunde zu unserem Erbrochenen zurück (2. Petr. 2.22) und verlieren so die himmlische Seligkeit. So bleibt bei einigen eine Sehnsucht nach dem verlorenen Paradies zurück. Doch man tut schon nichts mehr, um in es zurückzukehren.

Dies ist ein erneuter Anlass, um sich in Tränen über seine Sündhaftigkeit niederzusetzen, dass man Gott mit seinem Tun verraten hat. ...

Bleib gesund. Möge der Herr dich von fleischlichen Gelüsten und vom Teufel bewahren.

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