Briefe an meine geistlichen Kinder. Teil 6

17. November 2021

Briefe an meine Geistlichen Kinder

IGUMEN NIKON (WOROBJOW)

Briefe an Menschen in Kozelsk, die einen monastischen Weg gewählt haben

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Ich wünsche euch Frieden, den Frieden Gottes, der alles Verstehen übersteigt und den Menschen mit Gott vereint.

Und damit dieser Frieden einen Menschen überschattet, müssen wir selbst hart daran arbeiten, eine friedliche Gesinnung der Seele zu erlangen, die Mängel des anderen zu tolerieren, allen jedwede Beleidigung vergeben. Tragt die Lasten des anderen und erfüllt so das Gesetz Christi, und wer auch immer das Gesetz Christi erfüllt hat, wird von diesem Frieden Christi überschattet, der das normale menschliche Verständnis übertrifft. Dieser Frieden macht einen Menschen unempfindlich gegenüber irdischen Sorgen und Leiden, er löscht jedes Interesse an dieser Welt, die einem Menschen Kummer bringt, gebiert Liebe für jedermann in seinem Herzen, die alle Unzulänglichkeiten seines Nächsten bedeckt und sie nicht bemerkt, er macht, dass ihm der andere mehr leid tut, als er sich selbst. Alle Gläubigen, die an Christus glauben, und besonders die Mönche, sind zu diesem Frieden berufen.

Und wenn nichts davon da ist, dann können wir wenigstens vor Gott weinen, dass wir arm, elend, bloß jeglichem Guten sind, und wir werden aufhören, uns gegenseitig zu verdammen und zu tadeln, weil wir selbst wertlos sind, in Gefahr, vom Herrn abgelehnt zu werden. Babylonische Astronomie macht uns auch nicht heil. Wie lange wird der Herr uns noch ertragen? Die Wahrheit Gottes ist verbunden mit der Liebe Gottes, gemäß derer Adam aus dem Paradies vertrieben wurde, die Flut zugelassen wurde, Sodom und Gomorrha verbrannt wurden, der Herr Jesus Christus für unsere Sünden gekreuzigt wurde.

Demütigen wir uns voreinander und vor dem Herrn und betrauern wir unsere unheilbaren Wunden und nötigen wir uns nach unserer Kraft ab, einander zu lieben. Dann wird uns der Herr wegen der Demut und Geduld der anderen ebenfalls gemäß des Gesetzes dulden: Mit welchem Maß ihr messt, so wird auch euch zugemessen werden. Und wenn wir uns kampflos den Leidenschaften hingeben, was erwartet uns dann, wenn nicht Ablehnung? Das Reich Gottes ist das Reich des Friedens, der Liebe, der Freude, der Sanftmut usw., aber mit entgegengesetzten Eigenschaften werden wir nicht in das Reich Gottes eingelassen. Wir müssen uns aufbrechen lassen, den Verfall unserer Seele betrauern und wie ein Aussätziger darum bitten, dass der Herr uns heilt und reinigt. Bitte und es wird dir gegeben, suche und finde es, stoße auf und die Türen der Reue, des Weinens, der Zärtlichkeit werden sich dir öffnen, aus denen Frieden und Erlösung geboren werden. Dies und wach auf, wach auf!

Ich wünsche Euch jegliches Wohlergehen, die zeitlichen und ewigen Güter, möge der Herr Euch im Kampf mit dem Feind erleuchten und stärken und Euch helfen, ihn mit Demut und Herzensreue zu besiegen.

Bleibt gesund. Der Herr segne euch alle. Grüßt alle von mir. Vergebt mir und möge der Herr auch euch vergeben! Er erbarme sich und segne euch!

* * *

Wie geht es Marischa und Katja? Lasst Euch nicht ohne Verstand mit Arbeit überhäufen. Das ist eine Sünde. Wir müssen alles gemäß unserer Kräfte tun. Für den Körper wenden wir alle Kräfte auf, aber für die Seele verwenden wir nur einige schläfrige Minuten. Kann man denn so handeln? Wir müssen uns an die Worte des Retters erinnern: Sucht zuerst das Reich Gottes und so weiter. Dies ist genauso ein Gebot wie: Du sollst nicht töten, Du sollst nicht die Ehe brechen usw. Die Verletzung dieses Gebots schadet der Seele oft mehr als ein zufälliger Fall. Es kühlt die Seele unmerklich ab, hält sie gefühllos und führt oft zum geistlichen Tod: lass die Toten ihre Toten begraben, die seelisch Toten, ohne geistliches Gefühl, ohne Eifer bei der Erfüllung der Gebote zu mache, weder heiß noch kalt, die der Herr wieder aus seinem Mund ausspeiht. Es ist notwendig, uns mindestens einmal am Tag für einige Minuten wie zum Gericht vor den Herrn zu stellen, als ob wir gestorben wären, und am vierzigsten Tag stehen wir vor dem Herrn, erwarten die Entscheidung über uns, wohin der Herr uns senden wird.

Wenn wir uns in Erwartung des Gerichts in unseren Gedanken vor den Herrn stellen, werden wir die Barmherzigkeit Gottes mit uns erflehen und um Vergebung unserer enormen unbezahlten Schulden bitten. Ich rate jedem, dies beständig bis zum Tod zu praktizieren. Am besten abends, aber ihr könnt euch jederzeit von ganzer Seele konzentrieren und den Herrn bitten, uns zu vergeben und sich unser zu erbarmen; noch besser wäre es mehrmals täglich. Dies ist ein Gebot Gottes und der Heiligen Väter, passt wenigstens ein bisschen auf eure Seele auf. Alles vergeht, der Tod liegt hinter uns, aber wir denken überhaupt nicht darüber nach, womit wir vor dem Gericht stehen werden und was der Gerechte Richter über uns sagen wird, der jede unserer, sogar die subtilsten Bewegungen von Seele und Körper kennt und sich erinnert von Jugend bis zu unserem Tod. Was werden wir sagen?

Deshalb weinten die Väter hier auf Erden und baten den Herrn um Vergebung, um nicht beim Gericht und in der Ewigkeit zu weinen. Wenn sie schon weinen, warum halten wir, Elenden, uns für gut und leben so sorglos und denken nur an das Alltägliche. Verzeiht mir, der ich euch belehre und selbst nichts tue. Der Punkt ist, dass wir lesen und alles wissen, was zu tun ist, aber wir tun nichts. Wir warten darauf, dass es irgendjemand für uns tut. Aber wir können das Schicksal eines unfruchtbaren Feigenbaums erfahren. Verflucht ist jeder, der das Werk des Herrn mit Nachlässigkeit tut. Und wie tun wir das Werk unserer Erlösung? Wie beten wir, wie erfüllen wir die Gebote, wie bereuen wir usw. und so weiter? Die Axt ist bereits an die Wurzel des Baumes angelegt.

Vergebt mir und betet für euch und für mich. Viele Grüße und Gottes Segen für euch alle. Schreibt mir.

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