Die Entstehung des Weihnachtskondakions

9. Januar 2022

von Iwan Tschetwerikow (♱ um 1960)

Ikone des Hl. Romanos des Meloden

Ikone des Hl. Romanos des Meloden

Wir sind in der riesigen Kirche der Hl. Sophia in Konstantinopel. Viele Lichter brennen und beleuchten die Ikonen, die Mosaiken, die Bilder der Heiligen und der Gottesmutter an ihren Wänder. In der Kirche wird der Abendgottesdienst gehalten. Der Kaiser, der Patriarch, der ganze Hof sind zugegen und hören aufmerksam den lieblichen Gesang der Knabenchöre. Dort unter den Sängern und Lesern steht demütig ein junger Lektor, unansehnlich, verfolgt von allen Höflingen des Heiligsten Patriarchen, ausgesetzt dem Spott und ständigen Tadel seiner gegen ihn verbitterten Kollegen. Und ihn, der nicht singen kann, drängen sie, um ihn vor allen zu beschämen, in die Mitte des Ambons und zwingen ihn, vor allen Versammelten und vor dem Kaiser allein zu singen. In der Kirche der Hl. Sophia herrscht eine erdrückende Stille. Der bescheidene und demütige Romanos, Liebling des Patriarchen Euthymios, beschämt und verhöhnt von allen, verbirgt sein Gesicht mit den Händen und versucht, unter einem Hagel von Spott, so schnell wie möglich auf den Chor zu kommen unter seine missgünstigen Kollegen. Und dann steht der junge Romanos die ganze Nacht in seiner Zelle in der beklemmenden und schwülen Stille des Patriarchenpalastes vor der Ikone der Allreinen und in heißen Gebeten fleht er zu seiner Herrin und schüttet ihr all seinen Kummer über die unverdiente Kränkung und seinen Schmerz über die ihm zugefügte Schande aus.

Dann erscheint dem erschöpften und in den Schlaf gesunkenen Romanos die Allreine Jungfrau, die in ihrer Hand eine lange, mit Worten Gottes beschriebene Schriftrolle hält und sie dem jungen Lektor in den Mund legt. Romanos verschluckt die lange Rolle, die in seiner griechischen Lebensbeschreibung to kontakion genannt wird, und wird von wunderbarer Kraft erfüllt.

Wiederum am folgenden Tag wird in der großartigen Sophienkirche der Morgengottesdienst gehalten, wiederum sind Senat und Priesterschaft zugegen und lauschen aufmerksam auf den Gesang der Chöre des Patriarchen. Und wiederum steigt unter einem Hagel von Spott und schadenfrohen Bemerkungen, gezwungen von seinen Kollegen, der junge Romanos vom Chor herab. Wiederum - Stille unter der gewaltigen Kuppel der Kirche; und, o Wunder! … eine wunderbare Bruststimme beginnt eine göttliche Melodie zu singen und die Worte, die sich mit dem Klang silberner Glöckchen ergießen, verklingen im Halbdunkel des gewaltigen Gotteshauses:

“Die Jungfrau gebiert heute den Überseienden und die Erde bietet eine Höhle dem Unzugänglichen; Engel lobsingen mit Hirten und Weise wandern mit einem Stern; denn unseretwegen ward geboren ein kleines Knäblein, der urewige Gott.”

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