Erzpriester Alexander Schmemann: Die Verehrung der Heiligen

24. Juni 2021

Ikone zum Fest Allerheiligen

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Denn im Evangelium wird die christliche Lehre als Leben verkündet, als neue, das alte sündhafte Leben erneuernde Daseinskraft, als eine neue Realität. Und tatsächlich, für die Christen war der eigentliche Beweis für ihren Glauben sowohl für sich selbst wie für andere eben das konkrete Leben der Christen und nicht nur bloße Lehre oder Moral oder Gottesdienst.

Die Apostel haben nicht das Christentum, sondern Christus gepredigt, Sein Leben, Seine Leiden, Seinen Tod und Seinen Sieg über den Tod. Das bedeutet, ihre Predigt war Verkündigung einer konkreten, lebendigen Gestalt.

Es bedurfte Jahrhunderte, um die komplizierte, reiche christliche Lehre zu präzisieren, um diese Lehre in die nach Schönheit und Tiefe so erstaunlichen Formen des christlichen Gottesdienstes zu gießen und um schließlich die moralischen und sittlichen Grundsätze des Christentums im Einzelnen zu erarbeiten.

All dies jedoch hätte und hat keinen Sinn ohne Verwurzelung im Leben.Und daher hatten eine besondere, ja ausschließliche Bedeutung in der Christenheit die Heiligen, das heißt Menschen, die in sich, mit ihrem Leben den eigentlichen Inhalt des Christentums verkörperten. Und daher offenbart sich uns dieser Kern am besten, wenn wir zu diesen konkreten, lebendigen Menschen hinschauen.

Dies ist nützlich zumal jetzt, wo viele, selbst Gläubige oder religiöse Leute, abgeschnitten sind von der lebendigen Kenntnis der Heiligen. So seltsam es klingen mag, es geschah gerade wegen der Verehrung der Heiligen. Anstatt die Heiligen zu verstehen, ihre Erfahrungen nachzuempfinden und sich in sie hinein zu leben, begannen die Menschen einfach die Heiligen zu verehren, und so verwandelten sie sich gewissermaßen in abstrakter Verkörperung zu etwas Abstraktem, Übernatürlichem, Übermenschlichem, das uns, den einfachen Sterblichen, nicht zu Gebote steht.

Wir haben vergessen, dass Heilige in erster Linie Menschen wie wir sind. Das aber heißt, jeder von ihnen ist individuell, dem anderen nicht ähnlich, mit anderen Worten, jeder Heilige ist eine lebendige, einmalige Persönlichkeit und, was bei den Heiligen gerade besonders wichtig ist: Jeder geht seinen eigenen Weg in seinem Leben, unter den einmaligen und unwiederholbaren Bedingungen seines Lebens, damit er zur Heiligkeit gelangt, zu jener Verkörperung des Christentums in sich, das bis zur Stunde auch uns leuchtet.

Wir haben weiter die große Vielfalt der Heiligen vergessen, den Unterschied ihres Temperaments, ihre Berufe, Bildung, Interessen und Wege, welche sie genommen haben. Sie sind für uns Vollkommenheit ganz allgemein. Doch gerade jetzt und gerade wir müssen uns an Heilige wie an lebendige Menschen erinnern; weil in dem Kampf wider das Christentum, die Kirche und den Glauben bei uns, übrigens recht gekonnt, auf den abstrakten Charakter der Religion, auf den Nominalismus zurückgegriffen wird.

Das Christentum wird als Lehre bestritten, als Moral entlarvt, man verspottet uns als Kult. Ihr sagt, meint man, das eine, aber handelt anders, und folglich ist euer ganzer Glaube eine Lüge. Natürlich kann man endlos über solche Erklärungen streiten. Man kann und muss den Glauben als Wahrheit verteidigen, aber auch als Moral und Kult. Diese Apologie wird tatsächlich kaum überzeugen, wenn wir im Christentum nicht das Leben sehen, das heißt Wege, die Tausende und Abertausende gegangen sind, für die dieser Pfad zum Weg der vollkommenen Freude, des eigentlichen Lebenssinns, der Fülle des Lebens und der Menschlichkeit wurde.

Die Wahrheit des Christentums liegt in seiner Lebendigkeit, in der Fähigkeit Heilige hervorzubringen, und zwar in jedem Volk, in jeder Epoche und in jeder Kultur. Das Christentum hat wie alles auf der Erde Perioden des Aufschwungs und des Verfalls gehabt, Epochen großer und weniger großer Erfolge. Oft haben Christen, ja sogar zu oft, eben die Grundsätze verraten, die sie verkündet haben. Und unter diesem Gesichtspunkt haben sie ihren Feinden nicht wenige Waffen geliefert.

Aber in dieser menschlichen, allzu menschlichen Geschichte ist stets das unverändert geblieben, worauf wir uns immer berufen müssen, was das Wesen des Christentums ausmacht. Das ist die Gestalt Christi. Und das ist daher die Gestalt für alle die, die nicht nur mit Worten, sondern in der Tat, mit ihrem ganzen Leben, Christus aufgenommen haben, Ihm nachfolgten in Dem das Christentum seine Berechtigung fand.

Zu oft haben wir Jahrhunderte hindurch in den Heiligen nur die Helfer, die Fürbitter und die Beschützer gesehen. Von ihnen wollte und erwartete man nur Wunder, nur die übernatürliche Hilfe. Ist es jetzt nicht an der Zeit, dass wir zurückfinden zu dem wahren Sinn der Heiligkeit im Christentum? Sein Sinn verkörpert sich am besten in dem Wort, mit dem die Christen ihre ersten heiligen Märtyrer benannten; es ist das Wort μάρτυς = „martys" auf Griechisch, zu Deutsch aber „Zeuge“.

Der Heilige ist vor allen Dingen ein Zeuge, das heißt ein Mensch, der durch seine Erfahrung Christus gesehen, erkannt und zu seinem Leben gemacht hat. Und daher braucht er als Zeuge keine Beweise und Erwägungen. Er sah, erkannte und akzeptierte als Augenzeuge, was für andere immer nur Lehre, nur Worte, nur Erwägungen sind. Wir begreifen, dass der Begriff Heiligkeit nichts anderes als Zeuge sein meint.

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