Gedanken über die Gottesgebärerin

10. November 2022

Hl. Dimitrij von Rostow

Auszüge aus einem Traktat des Hl. Dimitrij, Metropolit von Rostow

Wer würde sich nicht wundern, dass es von der Zeit der Übertretung Adams bis zur Menschwerdung des Wortes Gottes, das im sechsten Jahrtausend auf die Erde kam, um das Menschengeschlecht zu retten, nicht eine einzige Jungfrau auf Erden gab, die nicht nur körperlich, sondern auch geistlich rein war? Sie allein erwies sich als die erste und letzte Jungfrau, die durch ihre Reinheit des Leibes und der Seele würdig wurde, die Kirche und der Tempel des Heiligen Geistes zu sein. Und wie sie damals aufgrund ihrer jungfräulichen Reinheit zu Gott, dem Heiligen Geist, aufstieg und sich ihm näherte und in einem Geist mit Gott vereint wurde, wie es in der Schrift heißt: Wer mit dem Herrn vereint ist, ist ein Geist mit dem Herrn (1 Kor 6,17), so stieg sie in ihrer glorreichen Entschlafung auf derselben Stufe zu ihm, zum Himmel und über den Himmel auf. Sie ist durch den Schritt der Demut zu Gott, dem Sohn, aufgestiegen, denn durch die Demut wurde sie würdig, seine Mutter zu sein. Mit demselben Schritt stieg sie auch in den Himmel auf und übertraf alle Antlitze der Heiligen in Bezug auf Ehre und Würde. Durch denselben hohen Schritt der tiefsten Demut erlangte sie die höchste Ehre der Geburt, die unvergängliche Mutterschaft, denn in der Zeit ihrer demütigen Worte: Siehe, du Magd des Herrn (Lk 1,38) - in ihrem reinen, jungfräulichen Schoß wurde das Wort Fleisch und wohnte unter uns (Joh 1,14). Die Demut ist das Fundament von allem, und alle anderen Tugenden dienen als Überbau auf diesem Fundament. Und im Leben der reinsten Jungfrau hat sie sich am meisten vor Gott gedemütigt, der sagt: Auf den will ich schauen, der demütig und zerknirscht im Geiste ist (vgl. Jes 66,2). In der gleichen Demut ist sie in ihrer Entschlafung in den Himmel aufgefahren und hat sich in Herrlichkeit auf den Thron des Himmelreiches gesetzt, denn die Demut regiert mit der unbefleckten Jungfrau überall dort, wo der Hochmut überwunden ist. Zur dritten und letzten Person der Heiligen Dreifaltigkeit, Gott dem Vater, stieg sie die dritthöchste Stufe hinauf - die Liebe, denn nach Apostel Paulus ist die Liebe größer (1. Korinther 13,13). Durch sie wurde sie die Tochter des himmlischen Vaters. Keine Sprache kann erklären, wie die reine Jungfrau Gott geliebt hat, kein Verstand kann es begreifen, denn die Liebe ist eines der unfassbaren Geheimnisse des Herzens, das nur Gott und dem suchenden Herzen bekannt ist. Bei den Menschen gibt es verschiedene Arten von Liebe: Auf eine besondere Art liebt man seine Eltern, auf eine andere Art liebt man einen Freund, auf eine andere Art liebt man einen Sohn. Aber die Liebe der reinen Jungfrau kannte keinen Unterschied, denn der, den sie liebte, war für sie der Vater, der einzige Sohn und der unvergängliche Bräutigam. Ihre ganze, allumfassende Liebe galt dem einen Gott, und um ihretwillen wird sie sowohl die Braut des Heiligen Geistes als auch die Mutter Gottes, des Sohnes, genannt, und die Tochter nicht durch eine solche Gemeinschaft, wie sie alle treuen Kinder Gottes werden, wie es in der Heiligen Schrift heißt: ...denen, die an seinen Namen glauben, hat er Macht gegeben, Kinder Gottes zu werden (Johannes 1,12), und an anderer Stelle: Und ich werde euch aufnehmen. Und ich will euch ein Vater sein, und ihr sollt meine Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige (2 Kor 6,17.18). Die unbefleckte Jungfrau wurde durch eine andere, unvergleichlich höhere, ehrlichere und unmittelbarere Assimilation zur Tochter Gottes des Vaters. Stellen wir uns vor, ein Mann nahm zwei junge Waisenmädchen zu sich, erzog sie wie Töchter und nannte sie beide seine Töchter, und dann wurde eine von ihnen die Braut seines Halbsohns. Das heranwachsende Mädchen, das nach dem Gesetz der Natur mit seinem Sohn vereint war, wird zu seiner nächsten Tochter, die enger mit ihm verbunden ist als das heranwachsende Mädchen, das nicht mit seinem Sohn vereint war. Denn diese ist nur dem Namen nach seine Tochter, die erste aber wird nach dem Gesetz der Natur auch seine Tochter, weil sie ein Fleisch mit seinem Sohn wird, nach dem Gesetz der Natur - Tochter desselben Vaters. Das Gleiche können wir auch über die Jungfrau Maria sagen.

Gedanken über die Gottesgebärerin

...Durch diese drei Stufen (ich erwähne nicht die zahllosen anderen) steigt die Mutter Gottes nun zum Höchsten auf: zu Gott dem Heiligen Geist durch die jungfräuliche Reinheit, zu Gott dem Sohn durch die Demut und zu Gott dem Vater durch die Liebe. Mehr noch: Durch all diese Stufen ist sie zu dem einen Gott in der Dreiheit aufgestiegen. Denn in dem, worin sie Gott dem Heiligen Geist gefiel, gefiel sie auch Gott dem Sohn und Gott dem Vater; in dem, worin sie Gott dem Sohn gefiel, gefiel sie auch Gott dem Vater und Gott dem Heiligen Geist; in dem, worin sie Gott dem Vater gefiel, gefiel sie auch Gott dem Sohn und Gott dem Heiligen Geist.

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