Leben und Dienst zwischen zwei Revolutionen. Teil 2

16. Juni 2022

Die Abdankung des Zaren

Der 2. März, der Tag der Thronabdankung des Zaren, wurde zu einem Wendepunkt im Leben der Großfürstin. Als Mitglied des Hauses Romanow und gleichzeitig als leibliche Schwester der Zarin Alexandra Feodorowna geriet sie sofort in Ungnade bei den neuen Machthabern. Ihre Position in der Gesellschaft hat sich dramatisch verändert – ein prägnantes Beispiel dafür ist der Zusatz des Wortes "ehemalige" zu ihrem Titel "Großfürstin".

Es ist bekannt, dass in den ersten Tagen nach der Abdankung des Zaren viele Großfürsten die Provisorische Regierung öffentlich anerkannten. (4) Ihre Erklärungen waren sowohl von zurückhaltendem Charakter als auch von ausgeprägt befürwortender Art. Es sei an dieser Stelle an die rote Schleife auf der Brust von Großfürst Kyrill Wladimirowitsch erinnert, die er am 1. März trug.

Erst am 17. März, also 14 Tage nach der Abdankung des Zaren, gab auch Elisabeth Feodorowna als eine der letzten aus der Zarenfamilie eine offizielle Erklärung betreffs ihrer Beziehungen zu den neuen Machthabern ab. Der Text ihres Telegramms vom 17. März an die Adresse des Vorsitzenden des Ministerrates Fürst G. E. Lwow wurde am 19. März in den führenden Moskauer Zeitungen veröffentlicht. Wir zitieren es vollständigen Wortlaut: „Hiermit erkenne ich es als unerlässlich für alle an, sich der Provisorischen Regierung zu unterwerfen und erkläre, dass ich dies meinerseits voll umfänglich tue. Elisabeth Feodorowna”.

Es ist gut ersichtlich, dass der Text des Telegramms in streng zurückhaltendem Ton verfasst wurde, keine Bewertung des Staatsstreichs enthielt, und deshalb keine politische Erklärung darstellt. Der Inhalt des Textes zeugt davon, dass über jedes Wort sorgfältig nachgedacht und jeder Buchstabe abgewogen wurde. Welche Gründe veranlassten Elisabeth Feodorowna diesen Schritt zu tun.

Abdankung des Zaren Nikolaus

Abdankung des Zaren Nikolaus II

Versuchen wir, die Ereignisse zu rekonstruieren. Am 2. März, dem Tag der Thronabdankung des Zaren, kam eine Gruppe Revolutionäre, deren genaue Namen nicht bekannt sind, ins Martha-Maria-Kloster der Barmherzigkeit, wo sie sich mit der Großfürstin trafen.

Von diesem Ereignis wurden unterschiedlichste Versionen überliefert, die teilweise in ihren Schilderungen weit auseinander gehen. Diese Unstimmigkeiten betreffen unter anderem die Absichten der ins Kloster gekommenen Revolutionäre. Eine Version behauptet, dass sie kamen, um die Großfürstin zu verhaften. Laut der anderen sollte sie zu ihrem Schutz in den Kremlpalast gebracht werden. Es gibt keine einzige Übereinstimmung beim Vergleich der Gesprächsinhalte Elisabeth Feodorownas mit Vertretern der neuen Regierung. Trotz dieser Diskrepanzen kann man insgesamt rekonstruieren, was passiert ist.

Das ursprüngliche Ziel der Revolutionäre war die Festnahme der Großfürstin. Die Revolutionäre trafen Elisabeth Feodorowna vor dem Eingang zur Kirche. Im weiteren fanden Gespräche zwischen ihnen statt, an denen sich auch Erzpriester Mitrofan Srebrjanskij beteiligte und am Ende derer sie ohne die Großfürstin das Kloster verließen. Danach kamen zu ihr “zwei hochgestellte Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens”, eventuell Mitglieder der Provisorischen Regierung, die ihr Bedauern ausdrückten. Die Vertreter boten der Großfürstin erneut an, sich zu ihrem Schutz in den Kreml zu begeben. Sie lehnte ab. Infolgedessen wurde sie unter dem Schutz einer besonderen Wache im Kloster zurückgelassen.

Man beachte, dass bis zur Veröffentlichung ihres Telegramms Elisabeth Feodorowna tatsächlich unter der Kontrolle von Vertretern des Provisorischen Regierung stand , wie auch die Zeitung “Der Morgen Russlands” am 18. März berichtete: „Formell ist die Großfürstin nicht in Haft, aber an den Toren des Martha-Maria-Klosters steht eine Wache zum Schutze des Klosters.”

War solch eine Maßnahme von Seiten der Provisorischen Regierung wie die Aufstellung einer Wache vor den Toren des Klosters gerechtfertigt? Unserer Ansicht nach, ja. Denn die Stadt war erfüllt von revolutionären Gefühlen, die im Laufe des ganzen Monats März keineswegs zurückgingen, sondern eher noch durch endlose Kundgebungen und Demonstrationen zunahmen. Die Zeitungen waren voll von revolutionären Parolen, wie: „Russland, du bist nicht mehr Sklave!“, „Untergang dem alten System!“, „Es lebe das befreite Russland!“ Elisabeth Feodorowna war die einzige Vertreterin des in Ungnade gefallenen Hauses Romanow in Moskau und zudem die leibliche Schwester der inhaftierten Zarin. Jeden Moment könnte die revolutionäre Menge in ihrer Person ihre Rechnungen mit der Romanow-Dynastie begleichen. Es genügt, sich an die Reaktionen der Menge gegenüber der Großfürstin zu erinnern, als im Mai 1915 im Zuge der Pogrome gegen die Deutschen, Steine ​​auf ihre Kutsche geworfen wurden. Unserer Meinung nach, war die Ankündigung in den Zeitungen über eine „Sonderwache“ vor den Toren des Klosters eine Art Warnung an diejenigen, die sich Repressalien wünschten. Man beachte, dass sich in Moskau sofort Gerüchte über die Gründe verbreiteten, warum die Großfürstin im Kloster bleiben durfte: „So schien es, als ob sie, wie die meisten Mitglieder des Hauses Romanow, schon lange mit Zarskoje Selo (5) gebrochen hätte und sich für die Handlungen ihrer Zarin-Schwester schämen würde“. Offensichtlich reduzierten diese Gerüchte die Spannung um den Namen der Großfürstin.

Jedenfalls war der Garant für die Sicherheit von Elisabeth Feodorowna die Provisorische Regierung. Allerdings war seine Macht sowohl in Moskau wie auch in Petrograd begrenzt. Von den ersten Märztagen an bestand in der Stadt eine Doppelmacht: das der Provisorischen Regierung unterstellte Exekutivkomitee der öffentlichen Organisationen und der Sowjet der Arbeiterdeputierten. Kommunale Angelegenheiten wurden dem Exekutivkomitee der öffentlichen Organisationen anvertraut, während der Sowjet der Arbeiterdeputierten die politische Arena von Moskau eroberte und die Kontrolle über die Aktivitäten der örtlichen Organe der Provisorischen Regierung übernahm. Gleichzeitig standen sich beide Regierungsteile feindlich gegenüber, und der im Oktober daraus folgende Zusammenstoß war unvermeidlich. Dennoch konnte die Provisorische Regierung im März noch für die Sicherheit der Großfürstin sorgen.


(4) Entsprechende Telegramme der Großfürsten Nikolaj Nikolajewitsch, Alexander Michailowitsch, Boris Wladimirowitsch, Sergej Michailowitsch, Georgij Michailowitsch, Fürst Alexander von Oldenburg wurden an die Adresse des Premierministers G. E. Lwow gerichtet.

(5) Ehemaliger Sitz des regierenden Zaren und seiner Familie in St. Petersburg/ Petrograd

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