Leben und Dienst zwischen zwei Revolutionen. Teil 4

30. Juni 2022

revolutionen

Am 20. März, einen Tag nach der Veröffentlichung des Telegramms der Großfürstin führten die revolutionären Behörden eine demonstrative Durchsuchung in der ehemaligen Residenz von Elisabeth Fjodorowna “Neskutschnij Sad(Der Kurzweilige Garten)” durch. Sie suchten mehr weniger nach dem Bruder der Großfürstin Großherzog Ernst Ludwig von Hessen, einem Vertreter der höchsten deutschen Aristokratie. Nach weit verbreiteten Gerüchten zufolge beherbergte Elisabeth Fjodorowna den Großherzog in ihrem ehemaligen Palast, über den sie Kontakte zum deutschen Hof knüpfte. Die Ermittlung führten Mitglieder der Militärorganisation für medizinische Hilfe, die dem Kommissar für die Stadt Moskau unterstellt ist, demselben N. M. Kischkin. Zweifellos hätte Elisabeth Fjodorowna zumindest aus den Zeitungen davon wissen können. Am 21. März informierte die Zeitung "Russisches Wort" ihre Leser über den Ablauf und die Ergebnisse der Suche nach dem Großherzog: „... die Legende vom hessischen Prinzen, der sich im Neskutschnij-Palast versteckt hält, kann man als vollständig widerlegt betrachten. Das Protokoll über die Durchsuchung von Schloss und Garten wurde von allen Ausschussmitgliedern unterschrieben.”

Auf jeden Fall entkräfteten die Ergebnisse der Untersuchung die Vorwürfe eines Spionageverdachts gegenüber Elisabeth Fjodorowna zugunsten Deutschlands, der sich bereits seit 1915 im Volk verbreitete. Die Veröffentlichungen über negativ ausgefallenen Suchergebnisse führten zu einer Verringerung der Spannungen in der Gesellschaft um den Namen der Großfürstin.

Auf der Grundlage des Archivmaterials der ehemaligen Wohlfahrtsorganisationen der Großfürstin kann man nicht nur ihr weiteres Schicksal verfolgen, sondern auch ihre weiteren Beziehungen zur Gründerin.

Zunächst ist das Komitee der Großfürstin zur Unterstützung von Familien der zum Krieg einberufenen Personen zu erwähnen. Es wurde in “Moskauer Komitee zur Unterstützung von Familien der zum Krieg einberufenen Personen” umbenannt und in das Komitee für gesellschaftliche Organisationen überführt, während seine Aktivitäten, die einst einen landesweiten Charakter besaßen, nun auf das Gebiet von Moskau beschränkt waren.

In der Folge wurde dieses Komitee unterschiedlichen Ministerien unterstellt und arbeitete noch bis zum 19. Dezember 1917. Auch nach ihrer Entfernung aus der Leitung des Komitees unterhielt Elisabeth Fjodorowna rege Beziehungen zu ihm. So unterstützte das Komitee in den folgenden Monaten ein Kinderheim, dass aus den von Deutschen besetzten Gebieten evakuiert und im Kloster einquartiert worden war, mit größeren finanziellen Mitteln.

Noch offensichtlicher ist der Einfluss von Elisabeth Fjodorowna auf die Aktivitäten der Elisabethanischen Wohlfahrtsgesellschaft, die ihren Namen nicht nur in ihrer Bezeichnung behielt, sondern sie auch zu ihrer lebenslangen Kuratorin gewählt. Durch das vorhandene Kapital hat sich das Unternehmen seine Eigenständigkeit bewahrt. Laut den internen Dokumenten der Gesellschaft überprüfte und genehmigte Elisabeth Fjodorowna bis zum 28. November 1917 regelmäßig die Entscheidungen ihres Rates (etwa einmal im Monat) und leistete finanzielle Unterstützung. Wie im Finanzbericht des Gesellschaftsrates vermerkt wurde, flossen vom 1. Januar bis 1. September 1917 1810 Rubel von ihr in die Kasse.

Anders entwickelte sich die Situation um die Kaiserlich-Orthodoxe Palästina Gesellschaft (IPPO). Bereits am 8. März wurde das Wort „Kaiserlich“ aus dem Namen gestrichen. Am 26. März trat Elisabeth Fjodorowna vom Amt der Vorsitzenden zurück, das am 6. April mit einem Ausdruck der Anerkennung und Dankbarkeit angenommen wurde.

Die Großfürstin kam die Rolle einer Zuschauerin zu, als man ein anderes ihrer “Kinder”, das Kreml-Lagerhaus, benannt nach Kaiserin Alexandra Fjodorowna, vernichtete.

Am 18. März übergab das Lager im Auftrag des Kommissars der Stadt Moskau N. M. Kischkin Arzneimittel und Verbandmaterial dem Apothekenlager der Allrussische Landvereinigung. Allerdings hatte es noch einige Zeit bereits unter dem Namen „Lagerhaus der ehemaligen Kaiserin Alexandra“ weiterarbeiten dürfen (Dokumente vom 20. März). Das Lager wurde zweieinhalb Monate später aufgelöst, zwischen dem 9. und 16. Juni, und sein Eigentum wurde der Gesellschaft des Russischen Roten Kreuzes (ROKK) zur Verfügung gestellt.

Im Zusammenhang mit der gewaltsamen Beschlagnahme von Nahrungsmitteln, die Ende August in Moskau begann, sind Zeugnisse über das Leben der Schwesternschaft der Barmherzigkeit ROKK zu Ehren der Ikone der Gottesmutter von Iweron erhalten geblieben. Die Großfürstin war ehrenamtliche Kuratorin (seit 1894) und Vorsitzende des Leitungsgremiums der Gemeinschaft (spätestens von 1908). Am 26. August durchsuchte eine Kommission des Moskauer Ernährungskomitees, begleitet von Polizisten, das Haus der Schwesterngemeinschaft der Barmherzigkeit von der Iweron-Ikone in Bolshaja Poljanka. Im Keller des Hauses wurden 900 Pfund Weizenmehl, 80 Pfund verschiedene Getreideprodukte und 25 Pfund Kartoffelmehl gefunden. Aus der Zeugenaussage ging hervor, dass das Mehl zur Zubereitung von Pasteten für die Barmherzigen Schwestern und Soldaten verwendet wurde. Mit anderen Worten, trotz des allgemeinen Chaos setzte die Gemeinde ihren Dienst fort. Die Existenz einer Verbindung zwischen der Gemeinschaft von der Iweron-Ikone und Elisabeth Fjodorowna wird durch die Tatsache belegt, dass sie am 24. April / 7. Mai 1918, am Gedenktag der Muttergottesikone von Iweron - dem Patronatsfest der Gemeinde, sie hier in der Liturgie gebetet.

Es ist bemerkenswert, dass die Institutionen der Großfürstin bis September 1917 trotz der scheinbar abgeschlossenen Übertragung derselben in die Hände verschiedener staatlicher Strukturen in der Bevölkerung immer noch ihren alten Namen trugen. So berichtete das “Moskauer Blatt”vom 7. September, dass "die Stadtregierung derzeit mit der Frage beschäftigt ist, die Institutionen der Großfürstin Elisabeth Fjodorowna unter die Zuständigkeit der Stadt zu stellen". Weiter im Text geht es hauptsächlich über das Komitee von Elisabeth Fjodorowna für die Lieferung von künstlichen Gliedmaßen, anderen Prothesen und mechanischen Geräten für Kriegsinvaliden. Davor war es zunächst in die Zuständigkeit des Innenministeriums übergegangen. Im August bereitete das Ministerium für staatliche Wohltätigkeit einen an die Provisorische Regierung gerichteten Antrag auf Übertragung des Komitees an sie vor, und im September wurde bereits die Frage der Übertragung des Eigentums des Komitees an den Moskauer Stadtrat geprüft. Die umfangreichen prothetischen Werkstätten waren laut “Moskauer Blatt” hervorragend ausgestattet.

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