Menschliche Natur und Heiligkeit Teil I

2. Juli 2023

Die heilige Großfürstin Elisabeth

Die Person von Elisabeth Feodorowna, die in den letzten Jahren der historischen Existenz des Zarenreiches am russischen Himmel erschien und der nationalen wie gesellschaftlichen Katastrophe vorausging, erfordert eine umfassende und tiefer gehende Betrachtung. Als Ausländerin spürte und absorbierte sie auf bewundernswerte Weise den Geist Russlands, der über die Zeiten hinweg erhalten geblieben war. Sie hatte etwas von den alten russischen Fürstinnen, die im Christi Himmelfahrts - Kloster des Moskauer Kremls ruhten. Wie E. Trubetskoj schreibt, begann die Gesellschaft Ende des 19. Jahrhunderts unter Schichten aller möglicher geistlicher Verzerrungen und Unwahrheiten im Zusammenhang mit deren Reorganisation nach westlichem Vorbild durch Zar Peter, die Ideale der alten Heiligkeit wiederzuentdecken. Es war eine kreative Alternative zur drohenden sozioökonomischen Krise. Auch für die moderne russische Gesellschaft, die im letzten Jahrhundert von Kriegen und Repressionen zerrissen, verbittert, schwach und krank wurde, sind diese Beispiele relevant.

Um ein Gespräch über das Schicksal von Großfürstin Elisabeth Feodorowna zu beginnen, muss daran erinnert werden, dass wir uns vom biografischen Genre zur Hagiografie hin bewegen. In seinem Werk „Heilige der alten Rus“ weist G. Fjodorow auf die pädagogische Bedeutung der Heiligsprechung hin. Aufgrund des Mangels an historischen Informationen über das weltliche Leben vieler Heiliger aus der Frühzeit des Christentums sind sie uns nur als Leuchten der Kirche bekannt. Demgegenüber gibt es viele private Informationen über die Asketen der letzten Jahrhunderte, was es manchmal schwierig macht, diese Person als Heiligen wahrzunehmen. Großfürstin Elisabeth Feodorowna war in Moskau, Russland und darüber hinaus weithin bekannt und sehr beliebt. In ihrem öffentlichen Dienst war sie ständig präsent, was die Analyse ihres Lebens sehr aufschlussreich für eine mögliche Berücksichtigung der Beziehung zwischen dem Göttlichen und dem Menschlichen in der schöpferischen Umwandlung der Persönlichkeit macht.

Elisabeth Feodorowna

Das aufgezeigte Problem erfordert eine gewisse methodologische Plattform, als die die patristische Tradition auftreten kann. Wie Gregor von Nyssa in seinem Werk „Über das Leben des Gesetzgebers Moses“ berichtet, schenkt uns die Geschichte das Bild großer Menschen, um ihr hohes Leben und ihr Streben nach dem Guten nachzuahmen. Da sich die Geschichte nicht wiederholt, ist es unmöglich, große Menschen vollständig nachzuahmen. Es ist notwendig, ihr Leben als Hilfe für die Verwirklichung des eigenen Lebens zu nutzen, ein solches Leben ist bereits ein Geschenk, dessen Qualität laut des Hl. Johannes Chrysostomus nicht von Reichtum, Gesundheit, sozialem Status abhängt.

In der christlichen Theologie ist die ganze Fülle des Menschlichen und des Göttlichen in der Person Jesu Christi vereint. Wegen der durch die Sünde gespaltene menschlichen Natur lohnt es sich über das Individuelle zu sprechen. Die menschliche Individualität wird zu einer zeitlichen Grundlage für die Verwandlung der menschlichen Natur und zu einem Format für die Begegnung von Mensch und Gott. Die Individualität kann nicht nur als natürliches Merkmal, sondern auch als ein Sich Bewusstwerden der Unvollkommenheit und Unvollständigkeit des eigenen Wesens verstanden werden. Die Auflösung des letzteren in einem geistlichen Schöpfertum des Einzelnen bleibt oft der äußeren Beobachtung verborgen. Dem Zeugnis der Kirchenväter entsprechend enthüllt die beschreibende Methode der Geschichte nicht das Wesen der Ereignisse, des gilt insbesondere für das geistliche Leben einer Person. Laut Gregor von Nyssa dient die Logik des inneren Weges, der zur Heiligkeit führt, dem Aufstieg in der Tugend. Die Seele kann nicht ausdrücken, was schweigend geschieht, bemerkt Isaak der Syrer. Wenn die äußere Tugend von Martha spürbar wird, während der unmittelbaren Vorbereitung der Seele auf Gott, dann umgibt der Frieden und die Stille Marias das Geheimnis, wobei in diesem Moment der Gast bereits im Haus der Seele eines Menschen ist. Es ist sehr symbolisch, dass die gekrönten Häupter Russlands am Wendepunkt seiner Geschichte stehend auch noch die Lorbeerkränze der Sieger über den Tod erwarben.

Heilige Elisabeth Feodorowna

In der orthodoxen Weltanschauung wird Tugend als eine Art religiöse Energie angesehen, die sowohl auf die innere Person als auch auf die äußere Welt gerichtet ist. Um die Wirkung des Glaubens in einem anderen zu sehen, muss der Beobachter selbst auf dem Boden des kirchlichen Lebens stehen, da das Laster nicht vereinbar mit Vornehmheit ist. Der Durst nach geistlicher Erleuchtung und Reinigung dient als Maß der natürlichen Nachahmung des Heiligen. Nach dieser Grenze folgt die göttliche Gabe und Schönheit der Auserwähltheit. Die Liebe zu weißen Blumen, die Musikalität, die Feinheit des Geschmacks und vieles mehr für sich genommen, was für die schöpferische Natur der Großfürstin Elisabeth Feodorowna charakteristisch war, bringt noch kein Anrecht auf die himmlische Wohnstatt.

Über die individuellen Eigenschaften der geistlichen Askese von Elisabeth Feodorowna sprechend kann man ihre Herkunft, ihre Weiblichkeit und ihren sozialen Status herausgreifen. Das patristische Denken sieht die Selbstentfaltung der menschlichen Natur ohne Güte oder göttliche Gnade als unmöglich an. Der Zerfall der eigenen Natur macht das Leben eines Menschen tragisch. Unwiderstehliche Momente irdischen Glücks stehen in scharfem Kontrast zur Unveränderlichkeit der Glückseligkeit. Nach biblischem Verständnis hat die menschliche Natur kein eigenes Wesen. Seine Entwicklung ist entweder auf die Überwindung der eigenen Grenzen durch die Askese der Verwandlung oder auf die Selbstzerstörung gerichtet.

Gregorios Palamas stellt fest, dass die Menschwerdung Gottes uns als Persönlichkeit, aber nicht unsere Natur rechtfertigt. Durch die geistige Askese nimmt das Irdische, Individuelle ab und wächst das Weltweite, Allumfassende.

Ikone der Heiligen Elisabeth Feodorowna

Auf dem Lebensweg der Großfürstin zwischen Darmstadt und Jerusalem lag Moskau, das eine entscheidende Rolle in ihrem Leben spielte.

Russische Kirchenschriftsteller haben oft auf die hohen natürlichen Tugenden der Menschen deutscher Erziehung hingewiesen: ihre Gewissenhaftigkeit, Sparsamkeit, Ordnungsliebe, Organisationstalent. Die prächtige Hochzeitszeremonie, die Kutsche von Katharina, kaiserlichen Ehrungen und Raritäten der kaiserlichen Familie trugen dazu bei, dass sich Elisabeth Feodorowna in einem kulturellen Umfeld wiederfand, das sich erheblich von dem unterschied, was sie aus ihrer Heimat gewohnt war. Eine deutliche Kluft wurde auch durch die dogmatischen, liturgischen und sogar psychologischen Besonderheiten der Orthodoxie hervorgerufen.

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