Predigt des Hl. Basilios des Großen: Über den Glauben

29 Mai 2026

Homilie auf die Dreieinigkeit vom Hl. Basilios dem Großen

Unablässig an Gott denken gehört zur Frömmigkeit und wird einer Gott liebenden Seele nie zu viel. Aber über Gott und Göttliches zu reden, ist verwegen, weil unser Verstand bei weitem nicht entspricht der Erhabenheit des Themas, und weil anderseits unsere Rede das Gedachte nur dunkel und unvollkommen auszudrücken vermag. Ist nun unser Verstand viel zu klein für die Größe des Gegenstandes, und ist die Rede noch unvollkommener als die Einsicht, wäre da nicht das Stillschweigen am Platze, damit nicht in der Unzulänglichkeit der Worte die wunderbare Gotteslehre gefährdet erscheine? Das Verlangen, Gott zu verherrlichen, ist ja allen vernunftbegabten Wesen von Natur eingepflanzt; aber über Gott würdig zu reden, dazu sind alle in gleicher Weise unfähig. Es kann wohl der eine den andern im Streben nach Frömmigkeit übertreffen; aber keiner ist so verblendet und so sehr in Täuschung befangen, daß er glaubt, zur höchsten Stufe der Erkenntnis gelangt zu sein. Im Gegenteil: Je mehr einer in der Erkenntnis sich wachsen sieht, desto mehr wird er seiner Schwachheit gewahr werden. Beispiele dafür sind Abraham und Moses. Als es ihnen vergönnt war, Gott zu schauen, soweit das einem Menschen überhaupt möglich ist, da haben sie sich am tiefsten verdemütigt: Abraham nannte sich Staub und Erde ; Moses aber erklärte, er habe eine schwache Stimme und eine schwere Zunge. Er kannte die Unzulänglichkeit seiner Sprache, die nicht imstande war, der Majestät der Offenbarung zu dienen.

Allein wo jetzt jedes Ohr geöffnet ist zur Aufnahme der Gotteslehre, und die Gemeinde nicht genug von solchen Dingen hören kann — bestätigt sie ja doch die Worte des Predigers: „Das Ohr kann nicht genug hören “ —, so sehe ich mich veranlaßt, soviel in meinen Kräften steht, darüber zu reden. Wir wollen aber nicht darlegen, wie groß Gott ist, sondern nur, was wir an Ihm zu erfassen vermögen. Wir verzichten ja auch nicht darauf, von dem Raum zwischen Himmel und Erde, den unser Auge nicht ganz zu durchdringen vermag, wenigstens soviel zu sehen, als möglich ist. So wollen wir auch jetzt mit unseren schwachen Worten der Frömmigkeit dienen und dabei gleichwohl in der ganzen Rede der erhabenen Natur des Gegenstandes den Sieg einräumen. Denn weder die Zungen der Engel, wie sie immer sein mögen, noch die der Erzengel im Verein mit der ganzen vernünftigen Schöpfung werden auch nur entfernt an sie heranreichen, geschweige denn ihr ganz entsprechen.

Du aber, willst du über Gott etwas reden oder hören, mache dich los von deinem Leibe, mache dich los von den leiblichen Sinnen, verlaß die Erde, verlaß das Meer, laß die Luft unter dir, vergiß die Zeit und ihren Lauf, geh vorüber an den Herrlichkeiten der Erde; schwing dich empor über den Äther, wandle hin durch die Sterne, ihre Wunder, ihre Schönheit, ihre Größe, den Nutzen, den sie dem Weltall bieten, ihre Harmonie, Herrlichkeit, Stellung, Bewegung, ihre gegenseitige Verbindung und Entfernung! Hast du das alles im Geiste durchwandelt, so erhebe dich über den Himmel und hoch über ihm betrachte allein mit dem Geiste die dortigen Schönheiten, die himmlischen Heerscharen, die Chöre der Engel, die Ämter der Erzengel, die Herrlichkeiten der Herrschaften, den Vorrang der Throne, die Mächte, die Fürstentümer, die Gewalten . Hast du das alles durcheilt und in Gedanken über die ganze Schöpfung dich aufgeschwungen und darüber hinaus den Geist erhoben, dann betrachte die göttliche Natur, die da ist beständig, unwandelbar, unveränderlich, leidlos, einfach, nicht zusammengesetzt, unteilbar, unzugängliches Licht , unaussprechliche Macht, unbegrenzte Größe, strahlende Herrlichkeit, begehrenswerte Güte, unbegreifliche Schönheit, die die verwundete Seele mächtig erfaßt, die sie aber nicht entsprechend zu schildern vermag.

Dort sind der Vater und der Sohn und der Hl. Geist, die unerschaffene Natur, die herrliche Majestät, die wesenhafte Güte. Der Vater, der Anfang aller Dinge, die Ursache für alles Sein des Seienden, die Wurzel von allem Lebendigen. Von ihm ist ausgegangen die Quelle des Lebens, die Weisheit, die Macht, das vollkommen gleiche Ebenbild des unsichtbaren Gottes, der vom Vater geborene Sohn, der lebendige Logos, der Gott ist und bei Gott ist, der da war und nicht erst wurde, der da ist vor den Zeiten und nicht erst später hinzutrat, Sohn, nicht Besitz, Bildner, nicht Gebilde, Schöpfer, nicht Geschöpf, der alles ist, was der Vater ist — kurz: Dort ist Sohn und Vater. Merke dir diese Eigenschaften! Der Sohn bleibt, was er ist, obschon er alles ist, was der Vater — nach dem Ausspruch des Herrn selbst, der da sagt: „Alles, was der Vater hat, ist mein“. Denn ein wirkliches Ebenbild hat alles, was dem Urbild eigen ist. „Denn wir haben“, sagt der Evangelist, „seine Herrlichkeit gesehen, eine Herrlichkeit, wie die des Eingeborenen vom Vater “, d. h. nicht als Geschenk und Gnade sind ihm die Wunder gegeben worden, sondern auf Grund seiner Wesensgemeinschaft hat der Sohn die Majestät der väterlichen Gottheit. Das Empfangen ist Sache der Kreatur, aber das Haben von Natur ist dem Geborenen eigen. Er besitzt also als Sohn von Natur das, was des Vaters ist, und als Eingeborner faßt er alles in sich zusammen, ohne etwas mit einem Zweiten zu teilen. Wir werden also schon durch die Bezeichnung „Sohn“ belehrt, daß er das Wesen des Vaters teilt, nicht auf sein Gebot hin geschaffen ist, sondern ungetrennt aus der Wesenheit ausstrahlt, ewig mit dem Vater vereint, ihm gleich an Güte, gleich an Macht, Mitgenosse seiner Herrlichkeit. Was ist er denn anders als ein Spiegel und Bild, das ganz den Vater in sich darstellt?

Heilige Dreifaltigkeit

Was dir aber der Sohn hernach von seiner leiblichen Erscheinung sagt, in der er das Heil der Menschen wirkte, das Heil, das er eben in seiner Erscheinung im Fleische uns offenbarte, wenn er sagt, er sei selbst gesandt worden und könne nichts von sich selbst tun, er habe ein Gebot erhalten , und was dergleichen, so darf das dir keine Veranlassung geben, die Gottheit des Eingebornen zu schmälern. Seine Herablassung zu deiner Schwachheit darf nicht zu einer Geringschätzung der Würde des Mächtigen ausschlagen. Vielmehr mußt du dir sein Wesen denken, wie es Gott geziemt, die Stellen von seiner Erniedrigung aber von seiner Menschwerdung verstehen. Wollten wir jetzt darüber ausführlich handeln, so könnten wir, ohne uns lange zu besinnen, unzählig viele Worte zu diesem Thema anführen.

Doch kehren wir zu unserem Thema zurück! Eine Seele, die es fertig bringt, von der irdischen Anhänglichkeit sich frei zu machen, die ganze intelligible Schöpfung zu verlassen und wie ein Fisch aus der Tiefe an die Oberfläche emporzutauchen, wird dort, in der Region der reinsten Schöpfung, den Hl. Geist sehen, wo der Sohn und der Vater ist, den Geist, der von gleicher Natur und Wesenheit auch alles hat, die Güte, die Gerechtigkeit, die Heiligkeit, das Leben. Denn die Schrift sagt: „Dein guter Geist .“ Und wieder „den rechten Geist “, und abermals „den heiligen Geist .“ Auch der Apostel sagt: „Das Gesetz des Geistes des Lebens.“ Von diesen Eigenschaften hat er keine erworben oder erst später hinzubekommen, sondern wie vom Feuer die Wärme und vom Licht das Leuchten nicht getrennt werden kann, so kann auch vom Geist die Heiligung, das Lebendigmachen, die Güte und Gerechtigkeit nicht getrennt werden. Dort also ist der Geist, dort in der seligen Wesenheit, nicht zu einer Vielheit gezählt, sondern in der Dreiheit geschaut, als Einheit verkündet, nicht in einem Kompositum mit inbegriffen. Wie einer Vater und einer Sohn, so ist auch einer der Hl. Geist. Die dienstbaren Geister dagegen stellen sich uns in jeder Stufe als eine unzählbare Schar dar. Daher suche nicht in der Schöpfung, was über die Schöpfung erhaben ist! Stelle nicht den, der heiligt, mit denen zusammen, die geheiligt werden!

Der Geist erfüllt die Engel, erfüllt die Erzengel, heiligt die Gewalten, belebt alles. Er verteilt sich in die ganze Schöpfung, teilt sich dem einen so, dem andern anders mit, wird aber durch die Anteilnahme anderer nicht verringert. Er verleiht allen Seine Gnade, erschöpft sich aber nicht in den Teilnehmenden, erfüllt vielmehr die, welche Ihn empfangen, ohne daß Ihm selbst etwas abgeht. Wie die Sonne die Körper beleuchtet und sich Ihnen verschiedentlich mitteilt, ohne durch die partizipierenden Körper verringert zu werden, so gibt auch der Geist allen Seine Gnade und bleibt doch unversehrt und ungeteilt. Er erleuchtet alle zur Erkenntnis Gottes, Er begeistert die Propheten, macht weise die Gesetzgeber, weiht die Priester, stärkt die Könige, vollendet die Gerechten, macht Enthaltsame ehrwürdig, bewirkt die Gabe der Heilung, macht die Toten lebendig, befreit die Gefangenen, macht zu Kindern die Fremdlinge. Dies alles bewirkt Er durch die Geburt von oben her. Findet Er einen gläubigen Zöllner, so macht Er ihn zum Evangelisten; stößt Er auf einen Fischer, so macht Er ihn zum Gottesgelehrten; findet Er einen reumütigen Verfolger, so macht Er ihn zum Heidenapostel, zum Herold des Glaubens, zum „Gefäß der Auserwählung .“ Durch Ihn werden die Schwachen stark, die Armen reich, die Unmündigen und Ungebildeten weiser als die Gelehrten. Paulus war schwach, aber dank der Gegenwart des Geistes brachten die Schweißtücher seines Leibes Heilung denen, die sie nahmen . Auch Petrus hatte einen schwächlichen Körper; aber dank der ihm einwohnenden Gnade des Geistes vertrieb der Schatten seines Körpers die Krankheit der Leidenden . Arm waren Petrus und Johannes; denn sie hatten weder Silber noch Gold ; aber sie schenkten die Gesundheit, die mehr wert ist als vieles Gold. Von vielen erhielt jener Lahme Geld, blieb aber trotzdem ein Bettler; als er aber von Petrus die Gabe erhielt, sprang er auf wie ein Hirsch, lobte Gott und stellte sein Betteln ein. Johannes wusste nichts von der Weisheit der Welt, und doch sprach er in der Kraft des Geistes Worte, zu denen keine Weisheit aufblicken kann.

Dieser Geist ist im Himmel, erfüllt die Erde, ist überall zugegen, hat nirgends Schranken. Er wohnt ganz in jedem und ist ganz mit Gott. Nicht als Diener verteilt Er die Gaben, sondern eigenmächtig spendet Er die Gnaden. „Denn Er teilt“, wie Paulus sagt, „jedem von sich aus zu, wie Er will .“ Wohl wird Er als Vermittler geschickt, wirkt aber aus eigener Kraft. Lasst uns beten, dass Er in unseren Seelen wohne und uns zu keiner Zeit verlasse in der Gnade unseres Herrn Jesu Christi, dem Ehre und Macht von Ewigkeit zu Ewigkeit. Amen.

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