Hl. Athanasios der Große: Über die Menschwerdung des Wortes Gottes (5)

28. Dezember 2022

Hl. Athanasios der Große

DIE ERKENNTNIS DES SCHÖPFERS

Genügt hätte ja schon die Gnade unserer Ebenbildlichkeit, um Gott, das Wort, und durch Ihn, den Vater, zu erkennen. Da aber Gott die Ohnmacht der Menschen kannte, traf er schon zum voraus auch für deren Gleichgültigkeit Vorsorge, damit sie im Falle ihrer Lässigkeit, von sich aus Gott zu erkennen, Gelegenheit hätten, aus den Werken der Schöpfung den Schöpfer zu erkennen. Da aber die Interesselosigkeit der Menschen immer mehr zu Schlimmerem ausartete, so hatte Gott auch für diese ihre Schwäche vorgesehen und ihnen ein Gesetz gegeben und bekannte Propheten, damit sie bei ihrer Lethargie, zum Himmel aufzublicken und den Schöpfer kennenzulernen, aus ihrer nächsten Umgebung sich die Belehrung holen könnten. Denn Menschen können leichter von ihresgleichen über höhere Probleme Aufschluss erhalten. So war es ihnen wohl möglich, im Aufblick zur Größe des Himmels und in der Betrachtung der in der Schöpfung waltenden Harmonie ihren Regenten, das Wort des Vaters, zu erkennen, der mit seiner alles umfassenden Fürsorge allen den Vater offenbart und eben deshalb allem die Bewegung gibt, damit durch ihn alle zur Erkenntnis Gottes gelangten. War aber das den Menschen beschwerlich, so konnten sie sich doch an die Heiligen wenden und durch sie Gott als den Schöpfer der Welt und den Vater Christi kennen lernen und einsehen, dass ihr Götzenkult Atheismus und aller Gottlosigkeit voll ist. Sie konnten aber dann auch bei ihrer Kenntnis des Gesetzes von jeglicher Gesetzwidrigkeit ablassen und ein tugendhaftes Leben führen. Denn nicht allein der Juden wegen war das Gesetz da, und nicht bloß ihretwegen wurden die Propheten gesandt. Sie wurden wohl zu den Juden gesandt und von den Juden verfolgt, waren aber für den ganzen Erdkreis eine heilige Lehranstalt für Theologie und Moral. So groß also die Güte und Menschenliebe Gottes war, so haben die Menschen gleichwohl im Banne der augenblicklichen Lüste und der Vorspiegelungen und Trugbilder der Dämonen sich nicht zur Wahrheit bekannt, sondern sich neuen Sünden und Missetaten überantwortet, so daß sie nicht mehr vernünftig erschienen, sondern - nach ihrem Wandel zu schließen - unvernünftig waren.

Wenn nun die Menschen so den vernunftlosen Tieren gleichgeworden waren, wenn der teuflische Trug überallhin seinen Schatten geworfen und die Erkenntnis des wahren Gottes verfinstert hatte, was hätte da Gott tun sollen? Hätte er zu solch schrecklichem Zustand schweigen, die Menschen der Verführungskunst der Dämonen überlassen und ihnen die Erkenntnis Gottes entziehen sollen? Wozu wäre aber dann der Mensch im Anfange nach dem Bilde Gottes erschaffen worden? Er hätte ja dann einfach als unvernünftiges Geschöpf erschaffen werden sollen, oder aber, wenn vernünftig geschaffen, durfte er nicht leben wie das unvernünftige Tier. Was hätte es ihm überhaupt genützt, im Anfang eine Vorstellung von Gott gehabt zu haben? Wenn er nämlich auch jetzt einer solchen nicht gewürdigt werden kann, dann hätte sie ihm auch im Anfang nicht gegeben werden sollen. Was aber würde es Gott dem Schöpfer an Nutzen oder Ehre eintragen, wenn die von ihm erschaffenen Menschen nicht ihn anbeten, sondern andere als ihre Schöpfer wähnen? Gott scheint dann für andere, nicht für sich die Menschen erschaffen zu haben. Sodann läßt auch ein König, wenn schon nur ein Mensch, die von ihm gegründeten Städte nicht in fremde Hand und Herrschaft kommen noch auch zu anderen übergehen, vielmehr gibt er ihnen brieflich Mahnungen, nicht selten stellt er sie auch durch Freunde zu und erscheint, wenn nötig, persönlich, um sie dann durch seine Gegenwart anders zu stimmen, damit sie ja nicht unter die Herrschaft anderer geraten und so sein Werk vereitelt würde. Wird nicht noch viel mehr Gott seine Geschöpfe davor bewahren, daß sie nicht von ihm abirren und nichtseienden Dingen dienen, zumal da eine solche Verirrung ihr Verderben und ihr Ende wäre? Es sollte aber das, was einmal mit dem Bilde Gottes in Gemeinschaft stand, nicht verloren gehen. Was hatte nun Gott zu tun? Oder was anders hatte zu geschehen, als wieder eine Erneuerung nach dem Ebenbilde vorzunehmen, damit die Menschen ihn darin wieder erkennen könnten? Wie hätte aber dies geschehen können, wenn nicht das Ebenbild Gottes selbst, unser Heiland Jesus Christus, erschien? Durch Menschen war dies unmöglich, da ja auch sie nach dem Bilde geschaffen sind, aber auch nicht durch Engel, - sie sind ja keine Ebenbilder. Deshalb kam der Logos persönlich zu uns, um als Bild des Vaters den ebenbildlich erschaffenen Menschen wiederherzustellen. Dies hätte aber wieder nicht anders vor sich gehen können, wenn nicht Tod und Verwesung beseitigt wurden. Daher nahm er natürlich einen sterblichen Leib an, damit nunmehr der Tod in ihm vernichtet werden könnte und die ebenbildlich erschaffenen Menschen wieder erneuert würden. So war also niemand anders dieser Aufgabe gewachsen als nur das Bild des Vaters.

Wenn z. B. eine auf Holz gemalte Figur durch den Schmutz von außen unkenntlich geworden ist, so muß derjenige, der in der Figur dargestellt ist, wieder zugegen sein, wenn das Bild in demselben Holz erneuert werden soll; wegen des Bildes wird nämlich eben das Material selbst, auf dem gemalt worden, nicht weggeworfen, vielmehr auf ihm die Figur nachgezeichnet. Ebenso hat auch der allheilige Sohn des Vaters als Bild des Vaters an unseren Stätten sich eingefunden, um den nach ihm erschaffenen Menschen zu erneuern und ihn, der verloren war, durch die Sündennachlassung wieder zu finden, wie er ja auch selbst in den Evangelien sagt: „Ich bin gekommen, zu suchen und zu retten, was verloren war“. Daher sagte er auch zu den Juden: S. 620 „Wenn jemand nicht wiedergeboren wird“. Er verstand das nicht von der Geburt aus einem Weibe, wie jene vermuteten, sondern meinte die Seele, die in der Verähnlichung mit ihm eine Wiedergeburt und Erneuerung erfährt. Wenn nun der Götzenwahn und der Atheismus den Erdkreis im Banne hielt und die Erkenntnis Gottes verschwunden war, wer hätte da die Welt über den Vater belehren sollen? Ein Mensch - könnte etwa einer sagen. Doch Menschen waren nicht imstande, den ganzen Erdkreis zu durchwandern, noch hatten sie von Natur die Kraft zu solchem Laufe. Auch hätten sie nicht mit der nötigen Autorität für ihre Lehre einstehen können, noch auch hätten sie von sich aus dem Trug- und Gaukelspiel der Dämonen zu widerstehen vermocht. Wenn doch alle vom teuflischen Trug und Götzenwahn beschlagnahmt und verwirrt waren, - wie hätte da ein Mensch Herz und Sinn der Menschen umstimmen können, wo sie doch diese nicht einmal sehen konnten? Was man aber nicht sieht, wie vermag man das umzubilden? Doch vielleicht möchte einer sagen, die Schöpfung hätte dazu genügt. Doch wenn die Schöpfung genügt hätte, wären keine solche Übel eingetreten. Die Schöpfung war ja wirklich da; und doch blieben die Menschen in demselben Irrwahn über Gott befangen. Wer also hätte helfen können, außer dem Logos Gottes, der Weg und Sinn durchschaut, allen Dingen in der Schöpfung Bewegung gibt und durch sie den Vater offenbart. Denn dem, der durch seine Vorsehung und Anordnung aller Dinge über den Vater Aufschluß gibt, dem kam es auch zu, eben diese Lehre wieder aufzufrischen. Wie hätte nun dies geschehen sollen? Vielleicht möchte einer antworten, daß es eben durch die nämlichen Mittel möglich gewesen wäre, so daß also wieder durch die Werke der Schöpfung der Aufschluß über den Vater erfolgt wäre. Aber das hätte keine Sicherheit mehr geboten. Durchaus nicht! Denn eben das haben ja zuvor die Menschen unbeachtet gelassen und ihr Auge nicht mehr aufwärts, sondern abwärts gewandt. Deshalb kommt er, der den Menschen nützen wollte - nämlich durch die Werke des Leibes -, natürlich wie ein Mensch zu uns, nimmt einen Leib an, der dem jener gleich ist und von unten stammt, damit die, welche ihn nicht aus seiner allumfassenden Vorsehung und Herrschaft erkennen wollten, wenigstens aus den Werken seines Leibes den im Leibe befindlichen Logos Gottes erkannten und durch ihn den Vater.

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