Hl. Athanasios der Große: Über die Menschwerdung des Wortes Gottes (6)

4. Januar 2023

Hl. Athanasios der Große

Da sich nämlich die Menschen von der Betrachtung Gottes abgekehrt hatten und, wie im Abgrund versunken, ihre Augen abwärts kehrten und Gott in der Natur und den sinnlichen Dingen aufsuchten und (schließlich) sterbliche Menschen und Dämonen als Götter sich vorstellten, deshalb nimmt der menschenfreundliche und allen gemeinsame Erlöser, der Logos Gottes, einen Leib an und verkehrt wie ein Mensch unter Menschen, nimmt die Empfindungen aller Menschen an, damit die, die Gott in körperlichen Gestalten wähnen, aus den Werken, die der Herr durch die Werke des Leibes vollbringt, die Wahrheit einsehen und durch ihn den Vater erkennen möchten. Denn da sie als Menschen auch nur an Menschliches dachten, so sahen sie sich von all dem angezogen, worauf ihre Sinne fielen, und von allen Seiten über die Wahrheit belehrt. Mochten sie die Schöpfung anstaunen, sie sahen in ihr ein Bekenntnis an Christus, den Herrn. Mochten ihre Gedanken für Menschen eingenommen sein, sodass sie diese gar für Götter hielten, so erwies sich aus den Werken des Heilands, verglichen mit denen jener, nur einer unter den Menschen als Sohn Gottes, der Heiland, da ja jene nichts Ähnliches aufzuweisen haben, was seitens des Logos Gottes geschehen ist. Waren sie aber den Dämonen zugetan, so mussten sie doch, wenn sie diese vor dem Herrn fliehen sahen, zur Erkenntnis kommen, dass dieser allein der Logos Gottes ist, und nicht auch die Dämonen Götter sind. Stand aber gar ihr Geist im Banne des Totenkultes, sodass sie die Heroen und die bei den Dichtern vorkommenden Götter verehrten, so mussten sie angesichts der Auferstehung des Heilands zugeben, dass jene Truggestalten sind und der wahre Herr allein der Logos des Vaters ist, da er auch der Herr ist über den Tod. Darum ward er auch geboren, erschien als Mensch, starb, stand wieder auf, und mit seinen eigenen Werken stellte er die Taten aller Menschen aller Zeiten in den Hintergrund und in den Schatten, um die Menschen aus jedweder Verbohrtheit herauszuführen und sie seinen wahren Denn da einmal der Menschengeist in die Sinnenwelt versunken war, so erbot sich der Logos, im Leibe zu erscheinen, um als Mensch die Menschen an sich zu ziehen, ihre Sinne auf sich zu lenken und sie dann mit seinen Werken, die sie ihn in Menschengestalt vollbringen sehen, zur Überzeugung zu führen, dass er nicht nur Mensch, sondern auch Gott, Logos und Weisheit des wahrhaftigen Gottes wäre. Eben das will auch Paulus zu verstehen geben in den Worten: „In der Liebe festgewurzelt und begründet, damit ihr imstande seid, mit allen Heiligen zu begreifen, welches die Breite, Länge, Höhe und Tiefe sei, und zu erkennen, dass die Liebe Christi alle Erkenntnis weit überragt, damit ihr erfüllt werdet zu aller Fülle Gottes“. Überall hat sich ja der Logos verbreitet, oben und unten, in der Tiefe und in der Breite, oben in der Schöpfung, unten in der Menschwerdung, in der Tiefe in der Unterwelt, in der Breite in der Welt, und so ist alles von der Erkenntnis Gottes angefüllt. Eben deshalb hat er sich auch nicht unmittelbar nach seiner Ankunft mit der Hingabe seines Leibes in den Tod und mit dessen Auferweckung das Opfer für alle dargebracht, weil er sich damit unsichtbar gemacht hätte. Vielmehr hat er im Leibe sich sichtbar gemacht, indem er in ihm verweilte und solche Werke vollbrachte und Zeichen wirkte, die ihn nicht mehr als Menschen, sondern als Gott-Logos offenbarten. Zwei Liebesdienste erwies uns der Heiland durch seine Menschwerdung, einmal, dass er den Tod von uns hinwegnahm und uns erneuerte, und dass er, an sich nicht wahrnehmbar noch sichtbar, durch seine Werke sich kundgab und sich als den Logos des Vaters, als den Lenker und König des Alls zu erkennen gab.

Er war ja nicht im Körper eingeschlossen und war auch nicht nur in einem Leibe und nirgends anderswo. Auch gab er ihm nicht die Bewegung, indes das All seiner Wirksamkeit und Fürsorge entraten musste, sondern als Logos war er - ganz auffallend - von keinem Ding eingeschlossen, schloss vielmehr alles in sich ein. Und wie er sich in der ganzen Schöpfung befindet, außerhalb des Alls mit seiner Wesenheit, in allem aber vermöge seiner Wirksamkeit, alles anordnend, alles in allem mit seiner Fürsorge durchwaltend, das Einzelne wie das Ganze zugleich belebend, alles umschließend, ohne selbst umschlossen zu werden, nur in seinem Vater voll und ganz ruhend, so belebte er, auch im menschlichen Leibe weilend und ihn selbst belebend, natürlich auch alles. Und so war er in allem und doch außerhalb des Alls. Und wie er an den mit dem Körper vollbrachten Werken erkennbar war, so offenbarte er sich auch in seiner Tätigkeit im Weltall.

Es liegt nun zwar auch im Wirkungskreise der Seele, auch das außerhalb des Leibes Liegende zu betrachten und zu überdenken, aber nicht auch außerhalb des eigenen Leibes eine Wirksamkeit zu entfalten oder das, was ihm fernliegt, durch ihre Gegenwart in Schwingung zu setzen. Nie vermag ein Mensch den fernabliegenden Gegenstand seines Denkens nun schon auch zu bewegen und zu versetzen. Wenn jemand in seinem Hause sitzt und über die Himmelserscheinungen sich seine Gedanken macht, so bewegt er damit nicht auch schon die Sonne und dreht er nicht auch schon den Himmel. Vielmehr sieht er bloß die Bewegungen und Vorgänge, vermag aber nicht auf sie einzuwirken. Nicht so also war der Logos im Menschen. Denn er war nicht an den Leib gefesselt, sondern er war Meister über ihn, so daß er sowohl in diesem als auch in allen anderen war und sogar außerhalb der Dinge und im Vater allein ruhte. Und das Wunderbare daran war das, daß er wie ein Mensch lebte und als Logos alles belebte und als Sohn mit dem Vater war. Deshalb litt er auch nicht unter der Geburt der Jungfrau und wurde nicht befleckt, da er im Leibe war, vielmehr heiligte er den Leib. Auch nimmt er nicht an allem Anteil, obschon er in allem ist; vielmehr wird alles von ihm belebt und ernährt. Denn wenn schon die Sonne, die von ihm erschaffen ist und von uns gesehen wird, bei ihrem Kreislauf am Himmel durch ihre Berührung mit irdischen Körpern nicht beschmutzt wird und durch die Finsternis nicht unsichtbar wird, vielmehr selbst die Körper beleuchtet und reinigt, so wurde noch weit weniger der allheilige Logos Gottes, der Schöpfer und Herr der Sonne, durch seine Offenbarungen im Leibe befleckt. Nein, weil selbst unverweslich, belebte und reinigte er vielmehr den sterblichen Leib. „Denn der keine Sünde beging“, heißt es, „und in dessen Mund keine Arglist gefunden ward“.

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