Hl. Athanasios der Große: Über die Menschwerdung des Wortes Gottes (7)

12. Januar 2023

Hl. Athanasios der Große

Wenn also die Gottesgelehrten, die hiervon handeln, behaupten, daß er aß, trank, geboren ward, so wisse, daß zwar der Leib als Leib geboren und mit den entsprechenden Speisen genährt wurde, daß aber Gott der Logos selbst, der mit dem Leibe zusammen war, dadurch, daß er alles anordnete und durch die Werke, die er im Leibe vollbrachte, sich nicht als Mensch, sondern als Gott-Logos offenbarte. Wohl sagt man diese Zuständlichkeit von ihm aus, weil eben auch der Leib, der aß, geboren ward und litt, nicht einem anderen, sondern dem Herrn gehörte, und weil man nach seiner Menschwerdung dieses von ihm wie von einem Menschen mit Fug und Recht sagte, damit er in Wirklichkeit und nicht in der Einbildung mit einem Leibe erscheine. Doch wie man hieraus auf seine leibliche Gegenwart schloss, so gab er sich durch die Werke, die er durch seinen Leib vollbrachte, als Gottes Sohn zu erkennen. Deshalb rief er auch den ungläubigen Juden die Worte zu: „Wenn ich nicht die Werke meines Vaters tue, so glaubt mir nicht! Tue ich sie aber, so glaubt, wenn ihr mir auch nicht glauben wollt, meinen Werken, damit ihr erkennt und wisst, dass der Vater in mir ist und ich im Vater“. Denn wie er, an sich unsichtbar, aus den Werken der Schöpfung erkannt wird, so sollte, nachdem er Mensch geworden und in einem Leibe verborgen ist, aus den Werken erkannt werden, dass es nicht ein Mensch, sondern Gottes Kraft und Logos ist, der dies vollbringt. Denn wenn er Teufeln gebietet und sie austreibt, so ist das kein menschliches, sondern ein göttliches Werk. Und wenn man ihn Krankheiten heilen sieht, an denen das Menschengeschlecht leidet, wer möchte ihn da noch für einen Menschen und nicht für Gott halten? Denn er heilte Aussätzige, machte Lahme gehen, öffnete Tauben das Gehör, machte Blinde sehen und verscheuchte einfach alle Krankheiten und Gebrechen von den Menschen, woraus ein jeder seine Gottheit erkennen konnte. Wer würde denn angesichts der Tatsache, dass er die Mängel der Geburt ersetzt und die Augen eines Blindgeborenen öffnet, nicht auf den Gedanken kommen, dass die Geburt der Menschen seiner Macht untersteht und dass er ihr Begründer und Schöpfer ist? Wer nämlich etwas verleiht, was der Mensch von Geburt auf nicht besaß, der muß doch offenbar auch über die Geburt der Menschen Herr sein. Deshalb bildete er sich auch, wie er im Anfang zu uns herabkam, seinen Leib aus einer Jungfrau, um allen einen nicht unwesentlichen Beweis seiner Gottheit zu geben, insofern der, welcher diesen geschaffen, auch der Schöpfer der übrigen (Leiber) ist. Wer müßte denn angesichts der Tatsache, daß ein Leib ohne Beteiligung eines Mannes aus einer Jungfrau allein hervorgeht, sich nicht sagen, daß der, welcher in diesem Leibe erscheint, auch Schöpfer und Herr der übrigen Leiber ist? Oder wenn einer auch die Substanz des Wassers verändert und in Wein verwandelt sieht, sollte der nicht einsehen, daß der, welcher das zuwege brachte, der Herr und Schöpfer der Substanz aller Wasser ist? Deshalb betrat er auch wie ein Herr das Meer und wandelte darauf wie auf festem Lande und gab damit den Augenzeugen einen Beweis seiner Herrschaft über alles. Wenn er dann mit Wenigem eine so große Menge speiste, und wenn er aus dem Mangel Überfluß schuf, so daß mit fünf Broten Fünftausend gesättigt wurden und noch so viel übrig blieb, so offenbarte er sich damit doch als nichts anderes denn als den Herrn, der für alles sorgt.

All das zu vollbringen, fand der Heiland für gut, damit die Menschen, die für seine alles umfassende Fürsorge kein Verständnis hatten, wenigstens auf seine im Leibe vollbrachten Werke hin aufblickten und durch ihn einen Begriff bekämen von der Erkenntnis des Vaters - und zwar, wie bereits gesagt, auf dem Wege einer Schlußfolgerung von den Einzelwerken auf seine Fürsorge für das Ganze. Wer wird denn angesichts seiner Macht über die bösen Geister oder als Zeuge davon, daß die Dämonen ihn als ihren Herrn anerkennen, noch Zweifel hegen, ob dieser der Sohn Gottes, die Weisheit und Macht sei? Ja, nicht einmal die Schöpfung durfte schweigen, sondern wunderbar ereignete sich gerade bei seinem Tode oder vielmehr in der Siegestrophäe über den Tod, nämlich im Kreuze, daß die ganze Schöpfung den, der im Leibe sichtbar war und litt, nicht einfach als Menschen, sondern als Gottes Sohn und Heiland aller bekannte. Als nämlich die Sonne sich wegwandte, die Erde bebte, die Felsen sich spalteten, da erschraken alle. Diese Vorgänge bezeugten aber Christus am Kreuz als Gott und die ganze Schöpfung als ihm Untertan und als die fürchtende Zeugin für die Gegenwart des Herrn. So also hat Gott der Logos durch seine Werke den Menschen sich geoffenbart. Es dürfte sich aber empfehlen, auch über das Ende seines Wirkens und Wandels im Leibe zu berichten und anzugeben, welcher Art sein leiblicher Tod gewesen, zumal es sich hierbei um den Hauptpunkt unseres Glaubens handelt und alle Welt davon spricht. So mögest du dann einsehen, daß auch hieraus wenigstens ebensogut Christus als Gott und Gottes Sohn erkannt wird.

So haben wir denn im Vorausgehenden den Grund für seine Erscheinung im Leibe, so gut es möglich war, (wenigstens) teilweise und nach unserem geistigen Vermögen angegeben. Danach kam es keinem anderen zu, das Verwesliche in die Unverweslichkeit umzuwandeln, als nur dem Heiland selbst, der auch im Anfang alles aus nichts erschaffen hat. Kein anderer sollte die Menschen nach dem Ebenbilde wieder erneuern als das Ebenbild des Vaters, und kein anderer das Sterbliche unsterblich machen als unser Herr Jesus Christus, der das Leben selbst ist; kein anderer sollte über den Vater Aufschluß bringen und den Götzenkult beseitigen als nur der Logos, der alles regiert und allein der wahre eingeborene Sohn des Vaters ist. Weil aber die Schuld aller getilgt werden mußte - es mußten ja, wie bereits gesagt, alle sterben, weshalb er ja auch in erster Linie herabgekommen ist -, deshalb brachte er nach dem faktischen Beweis seiner Gottheit alsbald auch für alle das Opfer dar, indem er für alle seinen Tempel dem Tode preisgab, um alle für die alte Übertretung unverantwortlich und von ihr freizumachen, und um sich als den Herrn auch über den Tod zu erweisen, indem er seinen eigenen Leib in Unverweslichkeit als Erstlingsfrucht der Auferstehung aller aufwies. Wundere dich doch nicht, wenn wir so oft über denselben Gegenstand dasselbe sagen! Denn da wir von der Huld Gottes reden, deshalb erklären wir denselben Gedanken weitläufiger, daß es nicht etwa scheint, als übergingen wir etwas, oder daß uns nicht der Vorwurf trifft, als hätten wir die Sache nur notdürftig behandelt. Denn besser ist es, sich den Vorwurf gefallen lassen zu müssen, daß man sich S. 628 wiederhole, als den, daß man etwas Notwendiges zu schreiben unterlassen habe.

So mußte also der Leib, der auch mit allen anderen das Wesen gemeinsam hatte - denn ein menschlicher Leib war es -, wie die anderen sterben, weil eben doch auch er sterblich war trotz seiner unerhört wunderbaren Bildung aus einer bloßen Jungfrau. Aber weil der Logos in ihm sich niederließ, verfiel er nicht mehr folgend dem Gesetz seiner Natur der Verwesung, sondern blieb dank dem einwohnenden Logos Gottes vor ihr bewahrt. So geschah ganz auffallend bei einem und demselben Geschehnis etwas Doppeltes: Der über alle verhängte Tod übte sein Recht am Leibe des Herrn, und Tod und Verwesung wurden wegen des einwohnenden Logos aufgehoben. Der Tod mußte eintreten, und zwar im Interesse aller, um die allgemeine Schuld zu zahlen. Deshalb nahm, wie bereits gesagt, der Logos, der an sich nicht sterben konnte - er war ja unsterblich -, einen Leib an, der sterben konnte, um ihn als eigenen für alle zu opfern und durch sein mit dem Eintritt in den Leib bedingtes Leiden für alle „dem die Macht zu nehmen, der die Herrschaft über den Tod hatte, d.h. dem Teufel, und die zu erlösen, die im Banne der Todesfurcht ihr ganzes Leben hindurch in der Knechtschaft standen“.

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