Über die Unbegreiflichkeit der Wege Gottes

17. Juni 2022

Hl. Paisios vom Berge Athos

Eine Belehrung des Hl. Paisios vom Berge Athos für seine geistlichen Kinder

Der Hl. Paisios (Esnepidis), ein Starez vom Berge Athos, entschlief 1994 nach einem qualvollem Krebsleiden in einem Krankenhaus in Thessaloniki. Wegen seiner Demut und seiner Gottesliebe hatte er von Gott die Gaben der Hellsichtigkeit und der geistlichen Belehrung erhalten. Seinen letzten Lebensabschnitt verbrachte er hauptsächlich in der Mönchsrepublik Athos in einer Klause, die zum Kloster Koutloumousiou gehörte und die ihm zum Wohnen zugewiesen worden war. Obwohl er alleine lebte, kamen täglich viele Hilfe- und Ratsuchende (Priester, Mönche und Laien), um seinen Segen zu empfangen. Viele Kranke, die ihm schrieben, wurden auf seine Gebete hin durch Gott geheilt.

Die folgenden Geschehnisse aus alter Zeit, die jedoch immer noch aktuell sind, schilderte Vater Paisios, um uns das Verstehen der Unbegreiflichkeit der Wege Gottes etwas näher zu bringen:

Ein Asket, der die Ungerechtigkeit sah, die es in der Welt gab, betete zu Gott und bat, ihm den Grund zu offenbaren, warum die gerechten und frommen Menschen in Trübsal leben und ungerecht gequält werden, während die Ungerechten und Sünder reich werden und in Ruhe leben. Während der Asket betete, damit Gott ihm dieses Geheimnis offenbare, hörte er eine Stimme, die zu ihm sagte: „Verlange nicht nach Dingen, die dein Denken und deine Erkenntniskraft übersteigen! Du sollst auch nicht die verborgenen Dinge erforschen, denn die Urteile Gottes sind wie ein Abgrund. Aber weil du um Belehrung batest, sollst du nun zur Welt herabsteigen: Setze dich an einen Ort und achte auf das, was du sehen wirst, damit du durch diese kleine Prüfung einen kleinen Teil der Urteile Gottes begreifst! Dann wirst du erkennen, dass die Vorsehung Gottes für alle Dinge unerforschlich und undurchdringlich ist.“

Der Starez stieg, nachdem er dies gehört hatte, mit großer Aufmerksamkeit zur Welt herab und kam zu einer Wiese, die von einem viel begangenen Weg geteilt wurde. In der Nähe waren auch eine Quelle und alter Baum mit einer Baumhöhle, in der sich der Starez versteckte.

Weggabelung

Weggabelung

Nach kurzer Zeit kam ein Reicher auf seinem Pferd angeritten. Er machte einen kurzen Halt an der Quelle, um Wasser zu trinken und um sich auszuruhen. Nachdem er seinen Durst gelöscht hatte, holte er aus seiner Hosentasche einen Beutel mit hundert Goldstücken heraus und zählte sie. Als er mit dem Zählen fertig war, beabsichtigte er, sie wieder in seine Tragetasche zu tun. Doch, ohne es zu merken, fiel der Beutel ins Gras. Er aß, ruhte sich aus, schlief und bestieg danach das Pferd und ritt fort, ohne etwas von den Goldstücken zu bemerken. Nach kurzer Zeit kam ein anderer Mann vorüber, ging zur Quelle, fand dort den Beutel mit den Goldstücken, nahm ihn an sich und verschwand hoch erfreut über den Fund durch die Felder rennend.

Danach erschien ein weiterer Wanderer. Erschöpft, wie er war, hielt auch er an der Quelle, trank etwas Wasser, nahm etwas Brot aus einem Tuch heraus und setzte sich, um zu essen. Während dieser Arme aß, erschien der reiche Reiter wieder. Er war sehr aufgebracht, und mit wütendem Gesicht bedrängte er den müden Wanderer. Zornig forderte er ihn auf, ihm seine Goldstücke wiederzugeben. Der Arme, der nichts von den Goldstücken wusste, bestätigte mit Schwüren, dass er nichts dergleichen gesehen habe. Jener aber fing an, wütend wie er war, ihn zu verprügeln und so hart zu schlagen, dass er den Anderen tötete.

Er suchte alle Kleider des Armen durch, fand jedoch nichts und ging betrübt hinweg.

Der Starez sah alle diese Dinge von seiner Baumhöhle aus und wunderte sich. Er war sehr betrübt und weinte wegen dem ungerechten Mord, den er gesehen hatte, und betend sagte er zum Herrn: „Herr, was bedeutet dieser dein Wille? Ich bitte dich: lass mich erkennen, warum deine Güte eine solche Ungerechtigkeit duldet. Einer verlor die Goldstücke, ein anderer fand sie und ein dritter wurde ungerechterweise ermordet!“

Während der Starez Tränen überströmt betete, kam ein Engel des Herrn herab und sprach zu ihm: „Sei nicht betrübt, Starez, und es möge dir auch nicht missfallen, so dass du denkst, alle diese Dinge seien angeblich ohne den Willen Gottes geschehen. Von den Dingen, die geschehen, geschehen einige durch Duldung, einige als Zurechtweisung und einige zur Erbauung. Höre deshalb:

Jener, der die Goldstücke verlor, war der Nachbar des Mannes, der sie fand. Der letztere hatte ein Feld besessen, das einhundert Goldstücke wert war. Weil der Reiche habgierig war, nötigte er ihn, es ihm für fünfzig Goldstücke zu verkaufen. Weil der Arme nicht wusste, was er tun sollte, bat er Gott, ihm Vergeltung zu verschaffen. Deshalb wirkte Gott erbauend und gab ihm das Doppelte der Summe zurück. Jener Arme wiederum, der Ermüdete, welcher nichts fand und unschuldig ermordet wurde, hatte früher einmal einen Mord begangen. Er tat jedoch aufrichtig Buße, und sein ganzes übriges Leben lang waren seine Werke christlich und Gott wohlgefällig. Unablässig bat er Gott, ihm den Mord, den er begangen hatte, zu vergeben, und gewöhnlich sprach er: „Mein Gott, gib mir den gleichen Tod, den auch ich gegeben habe!“ Unser Herr hatte ihm natürlich von der ersten Minute an, in der er Buße tat, vergeben. Er war aber bewegt über die Ehrbarkeit seines Kindes, welches sich nicht nur um die Einhaltung seiner Gebote kümmerte, sondern auch seine alte Schuld bezahlen wollte; so tat Er ihm den Gefallen und erlaubte, dass der Arme eines gewaltsamen Todes starb, wonach er selbst verlangt hatte, und nahm ihn zu sich, indem der Herr ihm sogar einen strahlenden Siegeskranz für diese seine Ehrbarkeit schenkte!

Schließlich wäre der andere, der Habgierige, der seine Goldstücke verloren hatte und den Mord ausgeführt hatte, wegen seiner Habgier und Geldliebe verdammt worden.

Deswegen ließ ihn Gott in die Sünde des Mordes geraten, damit seine Seele leide und er zur Buße geführt würde. Dies wurde für ihn zum Grund, die Welt zu verlassen und Mönch zu werden. Nun, bei welchem dieser Ereignisse sahst du Gott als ungerecht oder hartherzig oder gefühllos? Darum sollst du in Zukunft die Urteile Gottes nicht mehr intensiv untersuchen, denn er fällt sie gerecht, Seinem Wissen entsprechend, während du sie für ungerecht hältst! Wisse auch, dass viele andere Dinge in der Welt mit dem Wissen Gottes geschehen, aus Gründen, die die Menschen nicht kennen! Darum ist es richtig, dass jeder spricht: „Herr, du bist gerecht und deine Entscheide sind richtig.“ (Ps 118, 137).

Aufrufe: 62
Ratings: 5/5
Votes: 2
Mehr zum thema
Artikel zum Thema
Comment