Von der heiligen Dreieinigkeit. Teil 3

15 Mai 2026

Von der heiligen Dreieinigkeit

Vom Unterschied der drei Personen. Sachliche, logische und begriffliche Betrachtung

Man muss wissen, dass etwas anderes die sachliche Betrachtung und etwas anderes die logische und begriffliche ist. Bei allen Geschöpfen wird der Unterschied der Hypostasen sachlich betrachtet. So sind Petrus und Paulus, sachlich betrachtet, voneinander getrennt. Die Gemeinsamkeit aber, die Zusammengehörigkeit und die Einheit werden logisch und begrifflich angeschaut. Denn wir denken mit dem Verstand, dass Petrus und Paulus von derselben Natur sind und eine einzige, gemeinsame Natur haben. Ein jeder von ihnen ist ein vernünftiges, sterbliches Lebewesen, und ein jeder von ihnen ist Fleisch, das durch eine vernünftige und denkende Seele belebt wird. Diese gemeinsame Natur also wird begrifflich betrachtet. Denn die Personen sind auch nicht ineinander. Eine jede ist eigens und besonders oder für sich getrennt, da sie sehr vieles haben, was sie voneinander unterscheiden. Denn sie sind örtlich getrennt, der Zeit nach verschieden, geteilt durch Gesinnung, Kraft, Gestalt oder Form, Fähigkeit, Temperament, Würde, Lebensart und alle charakteristischen Eigentümlichkeiten, vor allem aber dadurch, daß sie nicht ineinander, sondern getrennt voneinander sind. Man spricht darum auch von zwei, drei und vielen Menschen.

Das ist in der ganzen Schöpfung zu sehen. Bei der heiligen, überwesentlichen, hocherhabenen, unbegreifbaren Dreieinigkeit aber ist es umgekehrt. Denn hier wird das Gemeinsame und Eine sachlich betrachtet wegen der Gleichewigkeit und der Identität des Wesens, der Wirksamkeit des Willens, wegen der Übereinstimmung der Denkweise und der Dieselbigkeit der Macht, der Kraft und der Güte. Ich sprach nicht von Ähnlichkeit, sondern von Identität und Einheitlichkeit der Tätigkeit. Denn es handelt sich um eine Wesenheit, eine Güte, eine Kraft, einen Willen, eine Wirksamkeit, eine Macht, eine und dieselbe, nicht um drei einander ähnliche, sondern um eine und dieselbe Tätigkeit der drei Personen. Eine jede von ihnen besitzt ja nicht weniger Einheit mit der anderen als mit sich selbst , d. h. der Vater und der Sohn und der Hl. Geist sind in allem eins, ausgenommen die Ungezeugtheit, das Gezeugtsein und das Ausgehen. Begrifflich aber werden sie unterschieden. Denn wir erkennen einen Gott. Nur in den Eigentümlichkeiten der Vaterschaft, der Sohnschaft und des Ausgehens, hinsichtlich der Ursache und des Verursachten sowie der Vollkommenheit der Hypostase, nämlich der Existenzweise, denken wir den Unterschied. Bei der unbegrenzten Gottheit können wir nicht wie bei uns von einer örtlichen Trennung reden; denn die Personen sind ineinander nicht so, dass sie sich vermischen, sondern so, dass sie zusammenhängen nach dem Worte des Herrn, der sagte: „Ich bin im Vater, und der Vater ist in mir.“ Ferner nicht von einem Unterschied des Willens oder der Denkweise oder der Wirksamkeit oder der Kraft oder in irgendeinem anderen Punkte, das ebenso bei uns die sachliche (reale) und gänzliche Trennung erzeugt. Wir behaupten deshalb auch nicht, dass der Vater und der Sohn und der Hl. Geist drei Götter sind, vielmehr sagen wir, dass die heilige Dreiheit nur ein Gott ist. Denn Sohn und Geist führen sich auf ein Prinzip zurück, sie setzen sich nicht zusammen und verschmelzen nicht im Sinne einer Zusammenziehung, wie es Sabellius beschreibt. Sie sind ja, wie gesagt, eins, nicht so, daß sie sich vermischen, sondern so, daß sie gegenseitig zusammenhängen, sie haben das Ineinandersein ohne jede Verschmelzung und Vermischung. Sie sind ferner nicht auseinander oder dem Wesen nach getrennt im Sinne einer Trennung, wie es Arius formuliert. Denn die Gottheit ist, wenn man es kurz sagen soll, ungeteilt im Geteiltsein und gleichsam in drei zusammenhängenden und ungetrennten Sonnen eine Verbindung und Einheit des Lichtes. Wenn wir also zur Gottheit aufblicken und zu dem ersten Grund, zur Alleinherrschaft, zu dem einen und demselben Tun und Wollen der Gottheit, wenn ich so sagen darf, zur Identität des Wesens, der Kraft, der Wirksamkeit und Herrschaft, so ist eines das, was wir uns vorstellen; wenn aber zu dem, worin die Gottheit ist, oder genauer gesagt, was die Gottheit ist, und auf das, was aus der ersten Ursache zeitlos, gleich herrlich und ungetrennt entspringt, nämlich die Personen des Sohnes und des Geistes, so sind es drei, die angebetet werden.

Expositio fidei

Ein Vater ist der Vater und anfanglos, d. i. prinziplos, denn er ist aus nichts hervorgegangen. Ein Sohn ist der Sohn, aber nicht anfanglos, d. i. nicht prinziplos, denn er ist aus dem Vater. Faßt man aber ἀρχή [archē] (= Anfang) zeitlich, so ist er gleichfalls anfanglos. Denn er ist der Schöpfer der Zeiten und der Zeit nicht unterworfen.* Ein Geist ist der Hl. Geist. Er geht vom Vater aus, aber nicht nach Art eines Sohnes, sondern ausströmend. Dem Vater fehlt nicht die Ungezeugtheit, weil er gezeugt hat, dem Sohn nicht die Zeugung, weil er vom Ungezeugten gezeugt worden ist, und der Hl. Geist geht weder in den Vater noch in den Sohn über, weil er ausgeht und Gott ist. Denn die Eigentümlichkeit ist unbeweglich (unveränderlich). Oder wie könnte die Eigentümlichkeit bleiben, wenn sie sich veränderte und überginge? Wenn nämlich der Vater Sohn wird, ist er nicht mehr Vater im eigentlichen Sinne, denn nur einer ist Vater im eigentlichen Sinne. Und wenn der Sohn Vater wird, ist er nicht im eigentlichen Sinne Sohn, denn nur einer ist im eigentlichen Sinne Sohn und einer Hl. Geist.

Man muß aber wissen, daß wir nicht sagen, der Vater kommt aus jemandem hervor, sondern wir nennen ihn Vater des Sohnes. Den Sohn nennen wir nicht Ursache (Prinzip) noch Vater, wir sagen vielmehr, er ist aus dem Vater und der Sohn des Vaters. Der Hl. Geist aber, sagen wir, ist aus dem Vater, und wir nennen ihn Geist des Vaters. Dagegen behaupten wir nicht, dass er aus dem Sohn ist, nennen ihn jedoch Geist des Sohnes. „Wer den Geist Christi nicht hat“, sagt der göttliche Apostel, „der ist nicht sein.“ Auch bekennen wir, dass er uns durch den Sohn geoffenbart worden ist und mitgeteilt wird. Denn es heißt: „Er hauchte seine Jünger an und sprach zu ihnen: Empfanget den Hl. Geist.“ In gleicher Weise ist aus der Sonne sowohl der Strahl wie der Glanz — sie selbst ist ja die Quelle des Strahles und des Glanzes —, durch den Strahl aber wird der Glanz uns mitgeteilt, und dieser ist es, der uns erleuchtet und von uns aufgenommen wird. Der Sohn aber, sagen wir, ist weder des Geistes noch aus dem Geiste.

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